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Kaſten der Bengal⸗Armee(Infanterie):
V Eingeborne, jedoch mit Einſchluß von 3644 engliſchen Offi⸗ ’
cieren. Von der Geſammtzahl müſſen indeſſen die Polizei⸗ Radjputen 27,993 Bataillone noch abgezogen werden, ſo daß die disponible Brahminen 24,849 Geſammtſtreitmacht, Europäer und Eingeborne, ungefähr Hindus(untere Kaſten) 13,920 260,000 Mann betrug. Es ſpringt in die Augen, daß dieſe Muhammedaner 12,411 Armee, welche ein erobertes Land in Gehorſam zu halten be⸗ Chriſten 1,076
ſtimmt war, unverhältnißmäßig geringer iſt als das Heer,
80,249 welches jeder Souverän des europäiſchen Continents hält, um 1
Die Radjputen ſind Eingeborene der Halbinſel Guzerat
ſeine„angeſtammten“ Unterthanen in gebührender Zucht zu erhalten. von den algeriſchen Truppen, bei 36 Mill. Einwohnern un⸗ gefähr 300,000 Mann Soldaten, Preußen 200,000 bei 15 Mill. Einwohnern, Oeſterreich über 400,000 bei 35 Mill., Rußland 800,000 bei 65 Mill. Und dennoch thut in Britiſch⸗Indien nicht ſowohl eine Vermehrung der Trup⸗ penzahl, als eine Reform des militäriſchen Syſtems Noth. Man iſt von den urſprünglichen Prinzipien weit abgekommen. Bei der Belagerung von Cuddalore im Jahr 1746 brachten die Franzoſen zuerſt ein Corps eingeborner Truppen, die nach europäiſcher Weiſe exercirt und disciplinirt waren, in's Feld. Die Engländer ſahen ſich das ab und beſchloſſen ebenfalls ein ſolches Corps zu errichten; was auch noch in demſelben Jahr ausgeführt wurde. Dieſes Sipoy⸗Corps leiſtete in den militäriſchen Operationen, welche mit der Eroberung von Madras endigten, ausgezeichnete Dienſte und die Folge war, daß die Britten dieſe Sipoy⸗Truppen vermehrten. Nach der Wiedereroberung von Calkutta wurden in Bengal wie in Bombay Sipoy⸗Bataillone gebildet, die an der Seite
ihrer Kameraden von Madras und Europa die Schlacht von
Plaſſy gewannen und den Grund zu der jetzigen britiſchen Macht in Indien legten. Damals beſtand dieſe eingeborne Armee ausſchließlich aus Infanterie, die nach europäiſcher Art einexercirt war; ihre Officiere waren aus der eingebornen Gentry der Provinzen genommen, die als Gemeine in den Dienſt eintraten und nach zwei oder drei Jahren zu Offi⸗ zieren befördert wurden. Die eingeborne Armee beſtand da⸗ mals aus zwei Klaſſen. Die eine kam, wie General Briggs bemerkt, aus der beſſeren Schicht der Geſellſchaft und war gewohnt Dienern und Untergebenen zu befehlen; die andere Klaſſe war aus den niederen Schichten gezogen, von Jugend auf an Gehorſam gewöhnt und gelehrt den oberen Klaſſen Achtung zu bezeugen, da ſie von dieſen abhängig war. Dies hat ſich im Lauf der Zeit völlig geändert. Die Hauptoffi⸗ ziere ſind jetzt ſämmtlich Europäer, während die eingebornen Offiziere aus den unteren Kaſten gezogen werden. Die Folgen dieſer Aenderung ſind nichts weniger als befriedigend geweſen. Auch ſonſt wurden Aenderungen eingeführt, welche die früheren Gefühle des Gehorſams, der Anhänglichkeit an die Oberen, der Achtung vor der Autorität allmälig ab⸗ ſchwächten. In den letzten zwanzig oder dreißig Jahren ſchlich ſich die Vorſtellung ein und faßte insbeſondere in Bengal Fuß, als gäben Leute aus den höheren Kaſten beſſere Soldaten als Leute von niederer Kaſte. Männer, die in der Lage waren, vergleichen zu können, haben dies für einen ſchweren Irthum erklärt. Die Leute aus höheren Kaſten ſind ungemein reizbar und empfindlich und befaſſen ſich weit eher mit Intriguen gegen die Behörden als die Parias. Die letztern ſind gelehriger als die Hindus von hoher Kaſte und nicht weniger tapfer. Im Feuer zeigen ſie dieſelbe Kaltblütig⸗ keit und denſelben Muth wie die Radjputen. Wie tief die⸗ ſes Syſtem in Bengalen, wo die jüngſten Meutereien aus⸗ brachen, Platz gegriffen, zeigt folgende Statiſtik der Zuſam⸗ menſetzung der Bengal⸗Armee, wie ſie von Oberſt Sykes vor einigen Jahren gegeben wurde:
rankrei vor dem letzten Kriege, abgeſehen Unb wer 4 1 1 Frankreich hatte vor 1 g geſehen Schimpf und außerordentlich grauſam geſchildert, ein Cha⸗
und werden als höchſt empfindlich gegen Beleidigung und
rakter, den ſie in der jüngſten Meuterei vollſtändig bewährten. Auch die Muhammedaner ſind weit weniger gelehrig und treu als die Hindus der niederen Kaſten, die man in der letzten Zeit geringſchätzte. General Briggs ſagt darüber:
„Die Sipoys, welche die Schlachten von Clive und Coote ſchlugen, zur Demüthigung Tippoo's im Jahr 1792, und zu ſeinem Sturz im Jahre 1799 beitrugen und die unter dem Herzog von Wellington in den Feldzügen von 1803 und 1804 Lorbeern errangen, waren, wie die Armee von Bombay, von gemiſchter Klaſſe. Die Infanterie beſtand aus Parias und andern niedern Landleuten von Carnatic und aus dem Nordennebſt einigen wenigen Muhammedanern; die Cavallerie war ganz muhammedaniſch. Im Jahr 1806 zur Zeit der Meuterei von Vellore verbot die Regierung— aus welchem Grunde leuchtet nicht ein— die Rekrutirung aus den nie⸗ dern Kaſten für die Madras-Armee. Ein alter Radjput Subadar, deſſen Compagnie ich mehre Jahre commandirte, hielt dies für höchſt unpolitiſch.„Dieſe Leute,“ ſagte er, „waren ſtets treu, gehorſam, tapfer und es wird der Tag kommen, wo Ihr eingeſtehen werdet, um wie viel ſie als gute Soldaten höher ſtehen, als die Muhammedaner, die vorwärts zu bringen jetzt an der Tagesordnung iſt.““
Ein weiterer Uebelſtand in der Einrichtung der anglo⸗ indiſchen Armee iſt die kleine Anzahl von Offizieren in jedem Regiment. Vor einigen Jahren enthielt das Calcutta⸗review einen Artikel über dieſen Punkt, aus welchem hervorging, daß die reguläre Armee im Dienſt der oſtindiſchen Compagnie 212,500 Mann betrug, mit nominell 4481 Offizieren. Von dieſen wurden aber 2229 für den Generalſtab und das Com⸗ mando der irregulären Truppen in Anſpruch genommen, ſo daß nur 2253 Offiziere übrig blieben, denen die Fürſorge für 212,000 Mann im Feld und Quartier anvertraut war. Es kam ſomit auf 93 Mann 1 Offizier. Oft hat man die Aufmerkſamkeit der Regierung auf dieſen weſentlichen Punkt gelenkt, aber nie wurde der Verſuch einer Abhilfe gemacht. In einer unmittelbar nach der Schlacht von Meanee geſchrie⸗ benen Depeſche an den General⸗Gouverneur ſagt Sir Charles Napier:„Ich hoffe Eure Lordſchaft werden mir verzeihen, wenn ich ſage, daß der Mangel an europäiſchen Offizieren den Erfolg der Schlacht einen Augenblick gefährdete. Der Sipoy iſt ein tapferer, vortrefflicher Soldat, aber er muß, wie alle Soldaten, geführt werden.“ An einer anderen Stelle macht er die Bemerkung, daß für 1000 europäiſche Soldaten 44— 45 Offiziere für nöthig erachtet werden, während man 1000 eingebornen Soldaten nicht die Hälfte dieſer Zahl giebt.
Schon vor Jahren wurden dieſe Gebrechen in England erkannt und ein ausführlicher Artikel im Edinburg-review von 1853, auf den die engliſche Preſſe jetzt endlich zurück⸗ greift, hat ſie mit Sachkunde an's Licht geſtellt und eine gründliche Reform des Militärſyſtems in Indien für die un⸗ erläßliche Bedingung der Fortdauer britiſcher Herrſchaft da⸗ ſelbſt erklärt. Zwei Wege, ſagt er, hat die Regierung von Indien vor ſich: entweder ſie muß zu den früheren Zuſtänden
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