Jahrgang 
1857
Seite
419
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ſeinen Privatnutzen denkt, wenn er arbeitet. Eingedenk deſſen, daß, je vollkommener Jemand für die Bedürfniſſe Anderer ſorgt, deſto beſſer er ſelbſt mit Allem verſehn ſein wird, weil die Andern um ſo mehr zum Austauſch mit ihm geneigt ſind, ſtrengt ſich Jeder an, das Mögliche in ſeinem Fache zu leiſten, auf jede Weiſe vorwärts zu kommen, und ſeine Arbeit durch neue, ſinnreiche Methoden ſich leichter und gewinnbringender zu machen. Aber gerade hier zeigt ſich die allem Thun und Trachten der Menſchen auf dieſem Felde

von Natur innewohnende ausgleichende Tendenz am ſtärkſten.

Es iſt unmöglich, daß irgend eine Erfindung, ein Fortſchritt, den ein Einzelner in dem oder jenem Gewerbszweige, ledi⸗ glich von ſeinem eigenen Intereſſe getrieben, macht, demſelben auf die Dauer ausſchließlich verbleibt; über kurz oder lang wird er Gemeingut, und kann von Allen benutzt werden. Dabei ſteigert die größere Ergiebigkeit der Arbeit, welche man durch ſolche Fortſchritte gewinnt, fortwährend die Maſſe unſerer induſtriellen Erzeugniſſe, ſowie ihre Wohlfeilheit, und kommt ſomit Allen zu Statten, obſchon die erſten Erfin⸗ der ſtets nur ihren ausſchließlichen Vortheil damit bezweckten. Gern würden ſie die Erfindung ſich und ihren Nachkommen für immer ausſchließlich ſichern, läge es nicht im Intereſſe aller Andern, in das Geheimniß einzudringen und ſich deſſen Vortheile ebenfalls anzueignen. Und ſo ſehen wir durch dieſen unabläſſig wirkenden Sporn der ſich kreuzenden Inter⸗ eſſen das wohlthätige Geſetz zur Erſcheinung kommen: daß die geſteigerte Betriebsfähigkeit der Einzelnen, dieſelben mögen wollen oder nicht, zuletzt noth⸗ wendig Allen zum Beſten gereicht, indem ſie ſich Allen mitzutheilen ſtrebt; und daß jede Errungen⸗ ſchaft, jeder Fortſchritt des Einzelnen eine Er⸗ rungenſchaft, ein Fortſchritt der ganzen Geſell ſchaft iſt. So iſt allen Triebfedern und Strebungen der Menſchen auf wirthſchaftlichem Felde gleich von Haus aus der Stempel echter Gemeinſchaft aufgedrückt, welcher dieſel⸗ ben in ihrem Endreſultate zum harmoniſchen Ineinander⸗ greifen einigt, wie es der Charakter der Geſellſchaft er⸗ fordert.

Ein Beiſpiel aus dem praktiſchen Leben möge dazu die nen, uns die Wirkſamkeit dieſer in ihrem Princip ſo einfachen,

in ihrer Zuſammenſetzung ſo kunſtvollen Organiſation recht mung getrieben, für einen Erfolg, den ſie nicht beabſichtigen,

lebhaft vor Augen zu führen. Denken wir uns als Aufgabe die Verſorgung einer großen Stadt, eines Landes, mit allen Lebensbedürfniſſen. Der Engländer Whateley ſchildert dies treffend in Bezug auf London. Es gilt, die ungeheure Hauptſtadt, dieſe mit Häuſern bedeckte Provinz, die uner⸗ meßliche, unaufhörlich ſteigende und fallende Zahl ihrer Be⸗ wohner und Beſucher regelmäßig, jeden Tag mit Nahrungs⸗ mitteln zu verſorgen. Erinnern wir uns, wie maſſenhaft und unendlich mannigfaltig die Vorräthe ſein müſſen, wie

viele darunter dem raſchen Verderben ausgeſetzt ſind, wie eigenſinnig Geſchmack und Begehr wechſeln. Bedenken wir, daß dieſe Vorräthe zum Theil den Käufern in die Häuſer gebracht und ſtets in richtigem Verhältniß gehalten werden müſſen zu dem Verbrauche ſowohl, wie zur Ergiebigkeit der Bezugsquellen, damit weder die Bevölkerung unnöthiger Weiſe knapp gehalten, noch der Vorrath vor der Zeit erſchöpft werde.Welche Geſetzgebung, welche Behörde fragt Whateley mit Rechtwäre einer ſolchen Aufgabe ge⸗ wachſen? Und dieſelbe wird gelöſt durch die Thätigkeit von Menſchen, die alle nur an ihren eignen unmittelbaren Vor⸗ theil dabei denken, die deßhalb mit freudigem Eifer arbeiten und fortwährend, ohne es zu wiſſen, die weiſeſten Mittel wählen für einen Zweck, deſſen Gedanken ſie kaum faſſen würden. Es iſt wunderbar, wie leicht und regelmäßig dieſe große Aufgabe Tag für Tag, Jahr für Jahr gelöſt wird durch den Scharfſinn und die Wachſamkeit des Eigenin⸗ tereſſe, welches die zahlreichen Kaufleute und die noch viel zahlreicheren Kleinhändler treibt. Ein Jeder derſelben be⸗ lauſcht. die Bedürfniſſe, die Wünſche ſeiner Nachbarſchaft oder des Marktes, den er verſorgt, auf das Genaueſte. Die Begierde, jeden Verdienſt mitzunehmen, auf der einen, die Beſorgniß, ſeine Waare auf dem Halſe zu behalten, entweder weil er ſich überladet oder ſein Konkurrent ihn unterbietet, auf der andern Seite, regeln wie Muskel und Gegenmuskel ſeine geſchäftlichen Operationen und den Preis, um den er einkauft und losſchlägt. Ein reicher Vorrath läßt ihn die Preiſe herabſetzen, alſo das Publikum von dem Ueberfluß mit genießen, eine eingetretene oder gefürchtete Knappe läßt ihn höhere Preiſe fordern und ſeine Waare zurückhalten. Gewiß, der Herzſchlag, die Verzweigung von Blutgefäßen in den Lungen, die Richtung der Schlag- und Blutadern, die Klappen, welche das Zurückſtrömen des Blutes hindern: Alles dies zeigt eine wundervolle Verbindung mechaniſcher Mittel zur Erreichung eines deutlich erkennbaren Zweckes, des Blutumlaufs im thieriſchen Körper. Aber noch be⸗ wunderungswürdiger iſt der Vorgang, wie nicht lebloſe

Stooffe, ſondern mit Vernunft begabte Weſen für einen Zweck

zuſammenwirken, der zwar ebenſo deutlich erkennbar, aber nicht ihr Zweck iſt; wie ſie, nicht von Schwere und Anzie⸗ hung, gleich den Stoffen, ſondern von eigner Willensbeſtim⸗

ebenſo wirkſam und regelmäßig arbeiten, als wären ſie die ſeelenloſen Räder einer Maſchine.

Ja, ſo gewaltig iſt die Macht, welche das ganze geſell⸗ ſchaftliche Getriebe in Bewegung ſetzt und in geordnetem Gange erhält, daß ſich ihr Niemand zu entziehen vermag, ſelbſt wenn er es wollte. Vielmehr muß ihr jeder dienen, und während er nur darauf denkt, ſich allein zu nützen, för dert er das Wohlergehn und die Zwecke des Ganzen.

Die Armee in Britiſch-Indien.

Engliſche Blätter geben die Bevölkerung von Britiſch⸗ Indien auf 102 Millionen, ſeine Größe als derjenigen von Frankreich, Oeſterreich, Preußen, Spanien, Portugal, Hol⸗ land, Belgien, Schweiz und Deutſchland zuſammen ungefähr gleich an. Cs iſt indeſſen zu bemerken, daß hierunter nur das eigentliche britiſche Hindoſtan d. h. die ſogenannten vier

Präſidentſchaften verſtanden ſind, keineswegs die Schutzſtaaten, die zuſammen auch etwa 48 Millionen Menſchen auf unge⸗ fähr 22,000 Quadrat⸗Meilen enthalten. Für die Sicherung der Herrſchaft in dieſem ſpezifiſch britiſchen Indien wurde bis jetzt eine Armee von 281,940 Mann gehalten; davon waren 41,475 europäiſche Truppen, die übrigen 240,465 waren