Jahrgang 
1857
Seite
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nachdem man ihn ſein ſchlichtes Reiſekleid mit einem ritter⸗ lichen Hauskleide hatte vertauſchen laſſen, und nun auf Wald⸗ wegen von dannen geführt. Man lieſt, es ſei der Weg nach Broterode zu eingeſchlagen worden, dieß iſt aber für den, der die Oertlichkeit kennt, kaum glaublich, denn man hätte ſich dadurch mit jedem Schritt mehr von dem Ziele, der Wartburg, in ſchnurſtracks entgegengeſetzter Richtung ent⸗ fernt. Man hatte immer noch weit genug nach Eiſenach, und konnte da und dort im Walde raſten, wenn man die Wartburg abſichtlich erſt zur ſpäten Abendzeit erreichen wollte. Daß den Pferden der Ritter und Reiſige die Hufe verkehrt aufgeſchlagen geweſen, um etwaige Verfolger irre zu leiten, ſcheint ſagenhaft romantiſcher Zuſatz, denn wer hätte hier verfolgen ſollen? Oder es iſt eine mißverſtandene Stelle in einer zeitgenöſſiſchen Aufzeichnung, die gleich fol⸗ gen ſoll.

Dieſe Aufhebung Luthers erregte bedeutendes Aufſehen, als es kundbar ward, daß ſie erfolgt ſei, und Niemand wußte, was mit Luther geworden. Ein großer Verdacht lenkte ſich auf den, dem alten Glauben noch eifrig zugethanen deutſchen Reichsfürſten Wilhelm, Grafen von Henneberg, deſſen Gebiet an das ſächſiſche in dieſer Gegend angrenzt. Zu⸗ nächſt ſchrieb der aus Salzungen gebürtige Canonikus Jo⸗ hannes König zu Eiſenach an einen Freund, den Dr. Caspar Weſthauſen, Mainziſchen Siegler(Kanzler) die Nachricht. Sein Brief beginnt:

Noua, doctor Autter iſt nechſt Sonabent zu Iſenach vßgefaren, vnd gegen More zu ſeines vatters bruder ꝛc. König berichtet, daß Luther von Möhra über Schweina und

durch das Schloß zum Altenſtein, welches Burkhard Hund gehöre, gefahren, auf dem Walde bei einer wüſten Kirche,

Glaßbach genannt, wo ſeine Freundſchaft, die ihn geleitet, umgewandt, von fünf Reiſigen aus dem Wagen geriſſen und

gezwungen worden ſei, neben den Pferden herzulaufen

und ſchließt: Die reutter haben ihren Huffſchlag nach bra- wertrode hinauß gehabt. Dieß habe ich von Heintzen Autter, ſeines Vatters bruder, des gaſt er geweſt iſt, geſchrieben, mocht(ſo viel als: ihr mögt, ihr dürft) es mir nachſchreiben.

Der Dr. Weſthauſen theilte dem noch auf dem Reichs⸗ tage zu Worms weilenden Grafen Wilhelm von Henne⸗ berg ſogleich den Brief Königs mit, und zwar am Sonntag Exaudi, das war im Jahre 1521 der 12. Mai, alſo nur 8 Tage nach erfolgter Aufhebung Luthers, und zugleich daß ein leumunt entſtanden, wie e. g.(Euer Gnaden) verfügt ſoll haben, Doctor Lutter zu fangen, hab ich e. g. nit woll verhalten, verhoff ſolches ſei der warheit nit gemeß.

Jedenfalls brachte ein reitender Eilbote dieſe Nachricht von Mainz nach Worms, denn bereits am Montag nach Exaudi ſchrieb Wilhelm an den Mainziſchen Siegler und lehnte entrüſtet die Beſchuldigung ab, die er einenleicht fertigen tückiſchen Verdacht nannte, und auch ſpäter in öffentlichen Briefen von ſich wieß*). Ich übergehe die Fabeleien, womit die thüringiſchen Chroniſten das an ſich ſo einfache Ereigniß verbrämt und weiter ausgeſchmückt haben.

Die Jahrhunderte zogen ſtill dahin über dem ſtillen Walde in der Wüſtung Glaßbach, aber für die Gegend hatte die Kunde des Ereigniſſes ein Geiſtlicher zu Schweina Namens Hattenbach, der im 30jähr. Kriege dort lebte, gerettet, indem er das Ereigniß in ſein Kirchenbuch einzeich⸗

*) Die Originale dieſer Schreiben ſind noch vorhanden und werden zu paſſender Zeit wortgetreu ganz veröffentlicht werden.

nete, und dabei ſich des Ausdrucksbei dem Luthersbaum uffr Landſtraße nach Waltershauſen bediente folglich lebte im Gedächtniß des Volkes das Ereigniß lebendig fort, und der Quell hatte ſchon den bedeutſamen erinnerunghei⸗ ligen Namen aus dem Volksmunde erhalten. Der Baum, der unmittelbar in der Quelle nächſter Nähe ſich erhob, war eine alte Buche, die geſchont blieb, als an ihre Schweſtern rings im grünen Thalwalde die Axt gelegt ward, die wieder ein junges Baumgeſchlecht neben ſich wachſen ſah, und die ein biederer Einwohner Steinbachs, Andreas Malſch, ein Schloſſer, zu Ende des vorigen Jahrhunderts nur dadurch vom fällenden Beile rettete, daß er ſie kaufte und dann un⸗ angetaſtet ſtehen ließ.

Der Baum alterte mächtig, trieb aber, ſchon faſt ganz hohl, fort und fort mit jedem neuen Lenze ſeine grüne Blätter⸗ fülle, zwiſchen welcher die Altersflechte, auch Baſtmoos, Baumbaſt, genannt, im Winde wehte. Manches Meſſer grub Namen in ſeine Rinde, ſchnitt Splitter von ihr ab, manche Hand pflückte Blätter und Zweige, ja im Jahre 1825 brannte der Baum, von ruchloſen Händen im Innern entzündet, aber Holzhauer ſahen den Rauch, eilten herbei und löſchten den Brand mit Hülfe zweier aus Steinbach herbeigerufener Enkel jenes Malſch, der die Buche zum erſten⸗ male gerettet hatte.

In den Jahren 1817 und 1830 fanden Feſtlichkeiten

zu Ehren des 300 jähr. Jubiläums des Beginns der Refor⸗ mation und der Uebergabe der Augsburgiſchen Confeſſion unter der Luthersbuche Statt, der Raum um ſie her wurde geebnet, die Quelle gefaßt ꝛc. und immer blieb die Luthers⸗ buche das Ziel mancher Wanderung.

Da geſchah es am 18. Juli 1841, einem Sonntag, daß ein durch ganz Europa wüthender Sturmwind ſich erhob. Schhreiber dieſes fuhr an jenem Tage von Schmalkalden nach Liebenſtein, es war erſt drückend heiß, dann flog ein heftiger ſiroccoähnlicher Wind von Nordweſt über das Waldgebirge, und während der Mittagstafel in Liebenſtein brach ein furchtbares Gewitter los; der Sturm entwurzelte eine der ſchönſten Buchen am Erdfall dicht neben dem Kur⸗ haus. Zugleich war eine partiale Sonnenfinſterniß. Dieſem Ungewitter war auch die Luthersbuche zum Opfer ge⸗ fallen. Der hohle Stamm hatte nicht vermocht, dem Orkane zu trotzen, der die gewaltigen ſtarken Aeſte mit ihm zu Boden ſchmetterte*). Nur ein Reſt, ein Stück markloſe Schale gleichſam, blieb ſtehen, und dennoch trägt auch dieſer Reſt noch einen wagerechten Aſt, der ſich alljährlich voll belaubt und eine ſichernde Stütze erhielt.

Der regierende Herzog Bernhard zu Sachſen⸗Mei⸗ ningen⸗Hildburghauſen faßte den Entſchluß, die geweihte Stätte mit einem würdigen Monumente zu ſchmücken, und ließ denſelben in dieſem Frühjahre zur Ausführung bringen, zugleich aber einen neuen ſchönen Fahrweg, der von der Hauptſtraße über den Wald ab, und in den Luthersgrund führt, anlegen.

Dieſes Denkmal beſteht aus einer 33 Fuß hohen vier⸗ eckigen Säule von Sandſtein in Form eines gothiſchen Thürm⸗

chens, das ſich unmittelbar vor der Buche an dem Fuße der kleinen Erhöhung, darauf dieſelbe feſtgewurzelt iſt, erhebt, und auf drei Stufen ruht, wie unſre Zeichnung zeigt. Jede der vier Seiten enthält eine Inſchrift in ſchwarzen Lettern, genau wie hier folgt: Vorderſeite:

*) In der Lutherſtube auf Schloß Wartburg iſt noch ein ſolches Aſtſtück zu ſehen, es hat ſicher 9 Zoll Durchmeſſer.