Jahrgang 
1857
Seite
413
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phemiſche Anführung des Wortes:dem Muthigen ge⸗ hört die Welt! Karl ſtreckte die Hand nach dem Fenſter aus und drückte gegen die Flügel. Sie widerſtanden. Teufel, was bedeutet das? murmelte er voll Schrecken, indem er zum zweiten Male mit Anſpannung aller Kraft gegen die Flügel des Fenſters drückte. Sie widerſtanden zum zweiten Mal. Entſetzen ergriff ihn. Seine Knie ſchlotterten. Nur Verzweiflung und wahnſinnige Wuth verliehen ihm die Kraft, zurückzuklettern. Er merkte nicht, daß Fetzen von ſeinen Kleidern an dem Geländer hängen

blieben; er fühlte nicht, daß er ſich die Hände blutig riß;

er hörte nicht, daß ſich das Fenſter über ihm ſchloß; er achtete nicht darauf, daß er, in ſein Zimmer zurückkletternd, eine Scheibe zerſtieß. Er dachte nur daran, daß, ehe er ſich aus dem Sterbezimmer ſeines Vaters entfernt, er die Wirbel des einen Fenſters aufgedreht hatte, daß ſich alſo bei dem geringſten Druck die Flügel öffnen mußten, daß ſie ſich jetzt nicht geöffnet hatten, daß ihn alſo Jemand belauſcht und die Wirbel zurück gedreht haben mußte. So war alſo ſein verbrecheriſcher Plan nicht nur durch⸗ ſchaut, durchkreuzt, ſondern er ſelber war gewiß auch bei der verbrecheriſchen That belauſcht worden!

Stöhnend, Zähne knirſchend, warf er ſich wieder in )

den Lehnſeſſel vor dem Kamin. Er wiſchte den kalten Schweiß von der Stirn und raufte ſich mit der blutenden Hand in den Haaren.Sie wieder! murmelte er dumpf, Sie, ſie, und immer ſie! Iſt ſie denn allwiſſend? Sieht und durchſchaut ſie denn Alles? Ha, verwegenes Mädchen, bedenkſt du nicht, daß du ein gräßliches Spiel mit mir treibſt, ein Spiel auf Tod und Leben? Haſt du nicht be dacht, daß du mich eigentlich zur Gewaltthat zwingſt, daß ich jetzt vor Nichts mehr zurückbeben darf? Da du jetzt Mitwiſſerin meiner Schande und Entehrung biſt, ſo muß ich dich entweder vernichten oder zur Verbündeten machen! Ja, du ſollſt, du mußt meine Verbündete werden, mußt meine Schande theilen, damit du gebunden, zum Schwei⸗ gen gezwungen biſt! Wohlan es ſei!

Er ſprang empor, wie zur Gewaltthat entſchloſſen. Aber der Entſchluß war ja nur dunkel und unbeſtimmt. In welcher Weiſe ſollte, konnte er Gewalt anwenden? Man beſchließt ſehr ſchnell in der Aufwallung etwas Großes, Unerhörtes. Aber die Ausführung iſt ſchwer, wenn nicht unmöglich.

Er ſetzte ſich wieder nieder und grübelte. Und wäh⸗ rend dieſes Grübelns ſchweiften ſeine Gedanken unver⸗

Von ſeinen verſtörten Zügen ließ ſie das Auge langſam über ſeine bebende Geſtalt und ſeine zerfetzten Kleider gleiten. Darauf ſagte ſie mit dem Blicke zermalmender Verachtung:Sie hätten ſich mir zu dieſer Stunde und in dieſem Zuſtande nicht zeigen ſollen!

Er ſchaute an ſich hinab und gewahrte, was ihm bis⸗ her entgangen war. Zugleich drängte ſich ihm auch die feſte Ueberzeugung auf, daß ſie ihn belauſcht hatte, daß ſie Augenzeugin ſeines ruchloſen Unternehmens geweſen war. Dieſe Gewißheit verſcheuchte mit einem Male ſeine Furcht, ſeine Zaghaftigkeit. Das Bewußtſein, daß er gleichſam Nichts mehr zu verlieren, aber Alles noch ge⸗ winnen konnte, gewinnen durch Verwegenheit, durch Ge⸗ walt, dies Bewußtſein gab ihm ſeine Ruhe, ſeine Faſſung wieder.Was führt Sie zu dieſer Stunde hierher? fragte er in feſtem, drohendem Tone.Wie konnten Sie ſich preisgeben der Gewalt eines Mannes, der entſchloſſen iſt, ſein Leben an Ihren Beſitz zu ſetzen? Eines Mannes, welchen Sie ſoeben bei einem geheimnißvollen Unter⸗ nehmen belauſcht haben?

Bei einer verbrecheriſchen, ruchloſen That, ſagte ſie ruhig und feſt.

Deſto ſchlimmer für Sie!l deſto ſchlimmer! Denn Sie begreifen wohl, daß ich nach dieſem Geſtändniſſe ge⸗ zwungen bin, Ihr Geſchick an das meinige zu ketten, daß ich Sie mit unauflöslichen Banden an mich knüpfen muß?

Fürchten Sie ſich nicht! verſetzte ſie vollkommen ruhig,ich werde Sie nicht verrathen, nie! Ich kam hier⸗ her, um ein Verbrechen zu verhindern, falls Sie der ge⸗ ſcheiterte Verſuch noch nicht entmuthigt haben ſollte. Ich kam hierher, um Ihnen zu beweiſen, daß Ihre Schritte bewacht werden und um Ihnen zu ſagen, daß, ſo wie ich Sie in dieſer Nacht von einer ſchwarzen That abgehalten, ich auch den Muth und die Kraft beſitze, Sie an einer noch ſchwärzeren That zu hindern, zu welcher Sie heut früh den Plan entwarfen.

Wie ſie ſo vor ihm ſtand in der Fülle ihrer Schönheit,

welche durch den Ausdruck von Muth und Entſchloſſenheit

in ihren Zügen wunderbar gehoben war, entzündete ſie, weit gefehlt, ihn abzuſchrecken oder einzuſchüchtern, nur ſeine Leidenſchaft.Wunderbares, ſchönes Mädchen!

rief er, indem ein düſtres Feuer aus ſeinen Augen leuch⸗ tete.Wenn ich Dir nun ſagte, daß ich gar kein Ver⸗

merkt von der Hauptfrage ab.Ja, ſie hat Recht, ſagte

er bei ſich,es laſtet ein Fluch auf dieſem Hauſe, auf uns, auf dem Reichthum! An jedem ſchnell und leicht er worbenen Vermögen kleben Thränen, an dem meines

Vaters beſonders, und dieſe Thränen werden zum Unſegen,

zum Fluche. Die Sünden der Väter rächen ſich an den Kindern.. Er ſchrak zuſammen und horchte auf. Draußen auf dem Corridor war ein Geräuſch entſtanden und jetzt ver⸗ nahm er deutlich leiſe Tritte. 1 Wer konnte das ſein? Gottliebe, ſeine Schweſter?

brechen beabſichtigte, daß ich nur von Neugierde und Bangigkeit gequält, mir Gewißheit verſchaffen wollte, ob der böſe, unnatürliche Haß meines Vaters bis über das Grab hinaus gereicht, ob er mich enterbt habe? Wenn ich hinzufügte, daß all meine Angſt und Furcht ſich an Dich geknüpft, daß ich nur um Deinet⸗ oder Deines Beſitzes Willen den verwegenen Schritt gewagt? Wenn ich Dir meine glühende, mich verzehrende Liebe geſtünde und hin⸗

Zufügte, daß es nur von Dir abhängt, mich zum glück⸗

Ha, wenn ſie es wäre, wenn auch ſie ein böſer, ver- brecheriſcher Gedanke nach dem Sterbezimmer des Vaters führte! Wenn er ſie ertappte, wenn er ſich einer Mit⸗ ſchuldigen verſichern, ſie zur Verbündeten machen könnte!

Er ſtürzte hinaus mit triumphirender Miene; er ſah eine weibliche Geſtalt, ein Licht in der Rechten haltend, ſich ihm nähern; er zitterte: Es war Karoline.

lichen und guten oder zum elenden und ruchloſen Menſchen zu machen? Wenn ich zu Dir ſpräche: Ich hegte aller⸗ dings den böſen Gedanken, mein Erbe durch böſe Mittel zu vergrößern; aber nur in der Abſicht, Dich zu gewinnen, würdeſt Du mir verzeihn und die meine werden wollen?

Nein! ſagte ſie, indem ſie ſich wie ſchaudernd von ihm abwandte.Nie! Merken Sie ſich dies, nie! Suchen Sie Ihre ſträfliche Leidenſchaft zu unterdrücken, denn ich ſchwöre Ihnen, wir ſind für die Ewigkeit durch eine un⸗ ausfüllbare Kluft getrennt!

Sie verſuchte, an ihm vorbeizuſchreiten, aber er packte

Sie trat unerſchrocken und feſten Blickes vor ihn. ſie mit der Wuth und Gewalt eines Wahnſinnigen.Und