Jahrgang 
1857
Seite
414
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ich ſchwöre Dir, rief er, Zähne knirſchend,daß ich dieſe Kluft ausfüllen, daß ich vor Nichts zurückſchrecken werde, vor Nichts, hörſt Du wohl?

Komödiant! ſagte ſie, indem ſie ſich hoch aufrichtete und den Kopf ſtolz zurückwarf.

Gut. Spielen wir Komödie, Tragödie, was Du

willſt! rief er außer ſich, indem er ſie nach ſeinem Zim⸗

mer zu ſchleppen ſuchte. Aber ſie ſtieß ihn, den entnervten Schwächling, vermittelſt einer außerordentlichen Anſtren⸗ gung von ſich, ſo daß er zurück gegen die Thür taumelte, blies das Licht aus und verſchwand.

Keuchend, zitternd ſtürzte er in ſein Zimmer, warf ſich in den Lehnſtuhl nieder, weinte, ſchluchzte, verfluchte ſeinen Vater, ſich, die ganze Menſchheit und verbrachte ſo eine ſchlafloſe, entſetzliche Nacht.

Am andern Morgen trat Anton, Richards Diener, frühzeitig bei ihm ein und erkundigte ſich mit ſarkaſtiſcher Miene, wie er in dem väterlichen Schloſſe geſchlafen.

Der Wüſtling ſchaute ihn erſtaunt und argwöhniſch an und ſchwieg ſtill.

Meine Frage iſt nicht ſo ohne, gnädiger Herr! fuhr Anton redſelig fort,auch möchte ich mit Verlaub noch die zweite Frage an Sie richten, ob Sie nicht hin und wieder ein wenig mondſüchtig ſind, gnädiger Herr.

Biſt du närriſch, Kerl? fragte Karl Brachvogel entgegen.

Ich habe mir dieſe Frage heut früh bei meinem Er⸗ wachen ſelbſt vorgelegt, verſetzte Anton ernſt und be⸗ dächtig.Mir hatte nämlich geträumt, daß ich Sie aus Ihrem Fenſter ſteigen und auf dem Weingeländer draußen herumſpaziren ſähe. Das war doch ein närriſcher Traum, nicht wahr? Und doch hatte mir's ſo lebhaft geträumt, daß ich mich von dem Gedanken nicht trennen konnte, es müßte ein wenig Wirklichkeit mit im Spiele geweſen ſein. Ich ging alſo nach dem Garten hinab, betrachtete das Geländer und ſiehe da! ich fand. dieſe Fetzen von Ihren Kleidern, welche mir jeden Zweifel benahmen. Sie ſind mondſüchtig, gnädiger Herr, und haben dieſe Nacht ver⸗ ſucht, in das verſiegelte, die Schätze Ihres Herrn Vaters enthaltende Zimmer zu ſteigen.

Alſo auch dieſer gemeine Menſch hatte ihn belauſcht; auch der wußte um ſeine Schandel Jetzt gab es keinen Rückweg zur Ehre mehr für ihn, das Geſtade der Recht⸗ ſchaffenheit lag fern und unerreichbar hinter ihm; er ſchwamm im Strudel des Laſters und mußte willig dem Strudel folgen, bis er ihn in den Abgrund ziehen würde. Nach dieſen Betrachtungen, welche er viel ſchneller an geſtellt hatte, als wir ſie erzählen konnten, verſetzte er, indem er ſich mit der abgemagerten Hand durch die dünnen Haare ſtrich:Nach der Schwäche zu urtheilen, welche ich fühle, muß ich ſelbſt glauben, daß ich in der Nacht krank geweſen.

Ja, und das Wunderlichſte bei Alledem, fiel der Diener boshaft ein,iſt der Umſtand, daß wir in dieſer Nacht gar keinen Mondſchein hatten.

Laſſen wir das! ſagte Karl düſter.Ich habe andere, drückendere Sorgen. Wie befindet ſich mein Bruder?

O, ſein Befinden braucht Ihnen keine Sorge zu machen. Er iſt, was man rappelköpfiſch nennt, und ich gäbe keinen Deut für ſeinen Verſtand. Er phantaſirt von Betrug, Uebervortheilung, Enterbung und was weiß ich. Und was ich dazu beitragen kann, ſeine Vernunft

ganz aus der Contenance zu bringen, das thu' ich um Ihretwillen, verſteht ſich!

Alſo auch in dieſem Punkte ſah er ſich vondieſer Bedientenſeele durchſchaut und mußte die impertinenteſten Zumuthungen und Beleidigungen geduldig anhören. Zwar machte er einen Verſuch, die Rolle rechtſchaffener Entrüſtung zu ſpielen; darauf gab er ſich wieder die Miene, als verſtände er die Zumuthung nicht. Indeß Anton lächelte nur über die fruchtloſen Bemühungen. Sie thäten beſſer, mich in Ihre offenen Karten blicken zu laſſen, ſagte er mit verſchmitzter Gleichgiltigkeit,da ich die Karten Ihrer Gegner kenne, ſo könnt ich das Spiel genau überſchauen und Ihnen auch ferner gute Dienſte leiſten. Sie werden ſie noch nöthig haben, denk' ich.

Karl ſchwieg und ſchritt, ohnmächtige Wuth im Her⸗ zen, im Zimmer auf und nieder.

Auch wollt' ich Sie ſchönſtens gebeten haben, mich, ſobald Sie Ihr Erbe erhoben, zu bedenken. Ich diene Ihnen ſeit einem Jahre treu und redlich. Ich habe ein Höllenleben in dieſem verwünſchten Schloſſe geführt und ſehne mich nach einer anſtändigen, ehrenhaften Exiſtenz, welche meinen Bedürfniſſen und Fähigkeiten entſpricht. Sie werden ſo gnädig ſein, mir dazu zu verhelfen. Ich denke, das iſt kein unbilliges Verlangen. Eine Hand

wäſcht die andre.

Unwillkürlich betrachtete Karl ſeine Hand und dachte: Könnte er ſie nur rein waſchen! Könnte irgend Jemand auf der ganzen Welt ſie wieder rein waſchen! Zum erſten Male bereute er, zum erſten Male fühlte, erkannte er deutlich die ganze Tiefe ſeiner Erniedrigung, ahnte er, daß es etwas Beſſeres, Höheres für den Menſchen gäbe, als Gold und Sinnengenuß. Aber er wär ja zu tief geſunken, als daß er ſich hätte wieder erheben können. Und für ſich allein beſaß er auch nicht die Kraft zur Er⸗ hebung. Hätte ſie, Karoline, ihm hilfreich die Hand ent⸗ gegengeſtreckt, ja, das fühlte er, dann würde er ſich er⸗ mannt, aufgerichtet, erhoben haben. Aber ſie hatte ſich mit Schaudern von ihm abgewandt, hatte ihm jede Hoff⸗ nung benommen. Und ſo war er ſich ſelbſt, ſeinen finſtern Leidenſchaften, ſeiner Schwäche überlaſſen und mußte den eingeſchlagenen Weg der Erniedrigung weiter gehn!

Während er, auf und nieder ſchreitend, dies Alles erwog, war des Dieners blinzelndes Auge lauernd auf ihn gerichtet. Dieſer durchtriebene Menſch, deſſen Ver⸗ ſtand und Scharfblick, in die rechte Bahn geleitet, Großes hätte leiſten und erreichen können, durchſchaute recht wohl, was in des Wüſtlings Seele vorging. Er fürchtete, zu weit gegangen zu ſein, ſich zu früh offenbart zu haben. Er erkannte, daß dieſer Schwächling es noch nicht bis zur Conſequenz und Feſtigkeit des Laſters gebracht habe, daß er eines neuen Stachels bedürfe, um aufzubäumen und vorwärts zu ſtürzen. Glücklicherweiſe beſaß er den Sporn und durfte ihn nur eindrücken. Er berichtete, wie er das téte-A-téte zwiſchen derſtolzen, tugendſamen Mamſell und dem Advokaten belauſcht und was er dabei ver⸗ nommen hatte. 1

Ha, alſo ihre Sprödigkeit mir gegenüber iſt nur eitel Heuchelei, da ſie dieſem Anwalt ein Stelldichein bewilligt! Ihre Verachtung des Mammons und ihre Tugend ſind nur Schein und Maske, da ſie in Bezug auf Richard höchſt ſelbſtſüchtige Intriguen anſpinnt! Sie will ihn gegen mich ſchützen, um ihn in Compagnie mit ihrem Liebhaber zu beherrſchen und auszubeuten? Ihre ſtrenge Tugend birgt alſo im Kern die Sünden gewöhnlicher Menſchen?