Jahrgang 
1857
Seite
412
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ihm die Antwort auf die verhängnißvolle Frage ſo nahe bevorſtand; zweitens weil auch ſein Bruder Richard in

ſeiner Aufwallung und Leidenſchaftlichkeit dieſe Frage

mehrmals gethan und bejaht hatte.

Man erräth, daß Karl durch Richards Diener von dieſem Umſtande benachrichtigt worden, ſo wie, daß der letztere überhaupt ein geheimer Spion und Verbündeter von Karl war.

Anton, der Diener, ein ſo durchtriebener Schurke,

als nur je einer in Livree geſteckt, hätte für den geringen

Lohn, welchen ihm der Commerzienrath gab, bei dem elenden Krüppel nicht einen Monat ausgehalten, wäre ihm ſeinignobler Dienſt nicht von Karl, welcher einen Spion und Verbündeten im väterlichen Schloſſe nöthig zu haben glaubte, reichlich vergolten worden. Karl kam, ſeitdem ſein Vater kränklich geworden, faſt täglich insgeheim auf das Schloß oder in den Park und zog von Anton Erkun⸗ digungen über ſeines Vaters Geſundheit ſo wie über ſeiner Geſchwiſter Thun und Treiben ein. So war er auch heut und zufällig faſt gerade in dem Augenblicke, als ſein Vater ernſtlich erkrankte, im Schloſſe angekommen.

Sein Eindringen in das Sterbezimmer iſt uns bekannt.

Nach ſeiner Ausweiſung aus demſelben eilte er zu Anton,

um demſelben einige Aufträge zu geben. Er traf ihn in

dem Zimmer, welches an Richards Wohnzimmer ſtieß, und auf ſein Befragen, was er hier mache, antwortete der Diener erbittert:O bei dem(er meinte Richard) iſt's heut nicht auszuhalten! Er flucht und raſt und wird, wenn der Alte ſtirbt, wohl ganz überſchnappen

Dies zufällige Wort fiel, wie ein zündender Funke, auf den Zunder böſer Gedanken und Pläne, welcher in des Wüſtlings Geiſte bereit lag.H der ſich und Andern zur Laſt lebt, wirklich verrückt würde! Ich, als ſein älteſter Bruder, würde die Vormundſchaft über ihn und die Verwaltung ſeines Erbes übernehmen! Ich wäre gerettet, gerettet in jedem Falle, gerettet ſelbſt, wenn das Unerhörte geſchähe, und der Rabenvater mich enterbt hätte!

In ſeiner Angſt und Furcht klammerte er ſich an die⸗ ſen Gedanken, wie der Ertrinkende an den Strohhalm. Zwar war er für den Augenblick zu aufgeregt, um einen beſtimmten Plan zu bilden. Aber ein beſtimmtes Ziel ſteckte er ſich und er beſchloß, jeden, auch den unbedeu⸗ tendſten, Zufall zu benutzen, der ihn dieſem Ziele näher rücken könnte. Der Zufall iſt aber ſehr häufig ein Be⸗ ſchützer oder Förderer böſer, ränkevoller Pläne und Be⸗ ſtrebungen. Wir haben geſehen, wie thöricht und wie ähnlich einem Wahnſinnigen ſich Richard im Sterbezim⸗ mer ſeines Vaters benahm, und wie geſchickt Karl dieſen erſten günſtigen Zufall zu benützen wußte.

Indeß wir haben auch wahrgenommen, welchen Ein⸗ druck Karolinens muthiges und entſchloſſenes Benehmen auf den Wüſtling machte, daß, während ſich einerſeits eine wilde, glühende Leidenſchaft ſür das kühne, unge wöhnliche Mädchen ſeiner bemächtigte, er ſich anderſeits von ihr durchſchaut, bedroht und eingeſchüchtert fuhlte.

Und ſo ſaß er da, eine Beute der wildeſten, ſich unter einander bekämpfenden Leidenſchaften. Er hatte nie geliebt, dieſer ſinnliche, herzloſe, ſchon in früheſter Jugend verdorbne Menſch; und man weiß, wie furcht⸗ bar die Flamme der Leidenſchaft in einem ſo wüſten Her⸗ zen auflodert, wenn es einmal vom Feuer der Liebe er⸗ griffen wird.Sie muß mein werden! Mein im Guten oder Böſen! Mein um jeden Preis!

Hal wenn der Krüppel,

Das war der Grundgedanke, von dem alle übrigen aus⸗, oder in welchem ſie aufgingen.Womit gewinn' ich ſie? Das war die peinigende ſchreckliche Frage, auf welche er lange keine Antwort fand. Er fühlte wohl, daß Karoline nur durch gute und edle Manneseigenſchaften zu gewinnen ſei; aber da dieſe ihm abgingen(er fühlte und geſtand ſich auch dies) ſo mußte er einen Erſatz finden. Und worin konnte derſelbe für ihn anders, als in Reich⸗ thum beſtehn? Ja, mit einem koloſſalen Vermögen ge⸗ wönne er ſie, davon war er überzeugt. Und aus dieſer Ueberzeugung entwickelte ſich höchſt natürlich und logiſch der Entſchluß:Ich muß ein großartiges koloſſales Ver⸗ mögen haben, um jeden Preis, im Guten oder im Böſen! Die Gelegenheit es mir zu verſchaffen, iſt günſtig! Es bieten ſich mir ſogar zwei Wege zwei! Wenn Richard,

der Krüppel, den die Natur eigentlich beſtimmt zu haben ſcheint, mir den Genuß, alſo auch die Quelle alles Ge⸗

nuſſes, das Geld zu überlaſſen, wenn Richard ſo ver⸗ nünftig würde, unvernünftig zu werden! Oder aber wenn ich

Er ſprang in die Höhe und ſchaute argwöhniſch um⸗ her, als ob Jemand ſeinen geheimen, noch gar nicht aus⸗ geſprochenen Gedanken belauſcht haben könnte. Darauf ſchlich er leiſe, auf den Zehen durchs Zimmer nach dem Fenſter. Dort ſtand er ſtill und lauſchte. Es heulte der Sturm und peitſchte die Regentropfen gegen die Scheiben. Im Kamin praſſelte es, kniſterte es. Weiter hörte er nichts, was ihn hätte beunruhigen können.

Er öffnete leiſe das Fenſter; aber der Wind ſchlug den einen Flügel heftig gegen die Wand und blies das Licht aus. War es der kalte Zug, oder was war es, das ihn ſchaudern, beben machte?

Lange ſtand er wieder und horchte; aber außer dem Geheul des Sturms, dem Kniſtern des Kaminfeuers, und dem Pochen ſeines Herzens vernahm er nichts.

Er lehnte ſich über die Fenſterbrüſtung und ſtarrte hinaus in die Finſterniß. Er fühlte ſich ruhiger, muthiger. Im Grunde wünſche ich ja nur, meine Neugier zu be⸗ friedigen, murmelte er,will wiſſen, was ich nach ſeinem Begräbniſſe doch erfahren muß, wiſſen, woran ich mich zu halten habe, ob ſein unnatürlicher Haß das Aeußerſte gethan! Ich bin ja doch kein Dieb, kein Räuber! Eine innere Stimme ſchien ihm zu widerſprechen, ein neuer verbrecheriſcher Gedanke in ihm aufzuſteigen; denn er fuhr haſtig auf und murmelte:Nein, ſtehlen will und werde ich nicht! Und als wollte er ſich beeilen, ſeinen ehrenhaften Entſchluß auszuführen, bevor neue verfüh⸗ reriſche, böſe Gedanken in ihm aufſtiegen, ſchwang er ſich ſchnell in die Höhe, über die Brüſtung hinweg und faßte Fuß in dem Weingeländer, welches längs der Mauer hinlief.

Ueber ihm wurde leiſe ein Fenſter geöffnet; ein menſch⸗ licher Kopf wurde ſichtbar und ſchaute hinab auf den nächt⸗ lichen Kletterer, wiewohl bei der rabenfinſtern Nacht nicht zu beſtimmen war, ob er den Kletterer erblickte.

Der Wüſtling ſeinerſeits kletterte ohne zu ahnen, daß ein menſchliches Auge nach ihm ſchaute, langſam und ge⸗ ſchickt an dem Geländer hin, bis er endlich an eines der Fenſter des verſiegelten Zimmers gelangte. Dort ruhte er eine Weile aus und ſchöpfte Athem, tief und ſchwer. Nicht ſowohl körperliche Anſtrengung und Ermattung, als ein neuer innerer Kampf machten dieſe Raſt und Erholung nothwendig für ihn.

Der Kampf war vorüber, entſchieden durch die blas⸗