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Jlustrirtes Dolle
Durch alle Buchhandlungen und Poſtämter für 12 ½ Ngr. vierteljährlich zu beziehen.
Inhalt: Des Geldes Fluch. Novelle von Theodor König. Viertes Kapitel.— Das Denkmal bei der Lutherbuche. Von Ludw. Bechſtein.—
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Volkswirthſchaftliche Skizzen. Von H. Schulze⸗Delitzſch. II. Das Eigenintereſſe.(Schluß.)— Die Armee in Britiſch⸗Indien.— Die Kar⸗ toffelknolle und ihre Erkrankung. Von Dr. J. Speerſchneider. II.— Aus dem Weltleben.— Was beliebt: Prof. Neumann über die
indiſchen Vorgänge.— Die neuſten Vorgänge in Conſtantinopel.— Eugen Sue.
Des Geldes Fluch.
Novelle von Theodor König.
Viertes 9
Es war auf einen kühlen aber heiteren Tag ein finſte⸗ rer, ſtürmiſcher Abend gefolgt. Der Wind feitſchte die Regentropfen gegen die klirrenden, halb morſchen Fenſter, und durch das ganze Schloß heulte und ſtöhnte es, wie wenn die Seele des Verſtorbenen bei den angeſammelten Schätzen zurückgeblieben wäre und in Gemeinſchaft mit andern Seelen von Geizhälſen Klagelieder anſtimmte.
Karl Brachvogel, der Wüſtling, ſaß vor einem praſ⸗ ſelnden Kaminfeuer und ſtarrte in die tänzelnden, zün⸗ gelnden Flammen. Zu ſeiner Rechten ſtand ein alter eichener Tiſch, mit unterſchiedlichen Speiſen und einigen Weinflaſchen bedeckt. Von Zeit zu Zeit koſtete der Erbe von den Speiſen, wiewohl ſichtlich ohne Behagen, und ſtürzte ein Glas von dem Weine hinunter. Da ſaß er mit dem Bewußtſein, daß nun ſein heißeſtes Sehnen geſtillt, ſein inbrünſtigſter, glühendſter Wunſch in Erfül⸗ lung gegangen: ſein Vater war todt! Und doch, fühlte er ſich glücklich? Oder nur befriedigt? Zuckten nicht unauf⸗ hörlich ſeine Geſichtsmuskeln und deuteten auf einen innern Kampf, Unruhe, Furcht und Unſeligkeit? War nicht aus ſeinen hohlen, düſter glühenden Augen zu leſen, daß neue unbändige Begierden ſeine verwüſtete Bruſt durchwühl⸗ ten? Ja, verrieth nicht ein gewißes unheimliches Etwas in ſeinen blaſſen, entſtellten Zügen, daß er über einem ſchrecklichen, verderblichen Plane brütete?
Was beunruhigte, quälte ihn? Und über welchem
Kapitel.
Plane brütete er? Wir haben bereits erwähnt, daß er, der leichtſinnige und gewiſſenloſe Wüſtling, enorme Sum⸗ men verſchwendet hatte. Wir wiſſen, daß ihn ſein Vater, empört über dieſe Verſchwendung, halb und halb verſto⸗ ßen und dadurch in die Nothwendigkeit verſetzt hatte, ſich Wucherern in die Arme zu werfen. Anfangs öffneten ſich ihm tauſend Quellen des Credits. Denn man kannte ſei⸗ nes Vaters enormen Reichthum ſo wie deſſen Alter und Gebrechlichkeit. Als aber der Greis Jahr um Jahr über⸗ lebte, verſtopften ſich viele dieſer Quellen; und die andern wenigen, welche für ihn geöffnet blieben, wurden um ſo koſtſpieliger. So war es im Laufe mehrerer Jahre gekom⸗ men, daß die Summe ſeiner Schulden nach ſeiner Berech⸗ nung(denn er unterſchätzte ſeines Vaters Vermögen) bei Weitem die Hälfte ſeines väterlichen Erbes überwog, vor⸗ ausgeſetzt, daß er ſeinen vollen Antheil als Erbe erhielt, und daß ſein Vater nicht eben ein Teſtament gemacht, in welchem letzteren Falle er ihn unzweifelhaft enterbt hätte!
Man ſieht, er nährte dieſelbe Furcht, wie ſein Bru⸗ der Richard, und wahrlich mit mehr Grund, als der letz⸗ tere. Denn ihn hatte der Vater verabſcheut, gehaßt, ver⸗ flucht!— während er den Mißgeſtalten mehr aus Laune und Geiz, denn aus Abneigung, gequält hatte.
Das war alſo die furchtbare Frage, welche ſeit lange ſeinen Geiſt marterte: Hat der Vater ein Teſtament ge⸗ macht? Heute aber peinigte ſie ihn doppelt. Erſtlich, weil


