Jahrgang 
1857
Seite
410
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in Frankfurt beſchloſſene Preiserhöhung eine von einem wirkli⸗ chen Bedürfniß eingegebene war oder ob die Drohung der han⸗ növeriſchen Regierung hinreichen wird, die Coalition zu ſpren⸗ gen. In dieſem Fall war eben kein wirkliches Bedürfniß vorhanden und die Preſſe hatte Recht, wenn ſie den Herrn Fa⸗ brikanten den Rath gab, ſie ſollten ſtatt die Preiſe zu erhöhen, wohlfeiler produciren lernen. Wie dem aber ſein mag, Niemand wird die Logik des hannöveriſchen offiziellen Blattes gut hei⸗ ßen, das aus der Beſtimmung der Gewerbeordnung, welche Ver⸗ einbarungen der Gewerbetreibenden über die Preiſe ihrer Waa⸗ ren für nichtig erklärt, auf die Ungeſetzlichkeit der ſoge⸗ nannten Coalition ſchließt. Nichtig ſind ſolche Vereinbarun⸗ gen natürlich, denn Niemand iſt gezwungen, den geforderten Preis zu bezahlen; aber ein Geſetz wird nicht verletzt und kann nicht verletzt werden, wenn eine ausdrückliche oder ſtillſchwei⸗ gende Vereinbarung über Preiſe Statt findet, weil die Preiſe nicht durch die Behörden, ſondern durch die natürlichen Geſetze des Verkehrs und durch die Concurrenz beſtimmt werden.

Wer, ſagt ein Literaturbrief aus England imMagazin für die Literatur des Auslandes, längere Zeit in London lebte und nach Deutſchland zurückkam, beſtätigte allemal mit mehr oder weniger engliſchem Enthuſiasmus die Kleinlichkeit und Enge deutſcher Verhältniſſe, Menſchen und Geſchäfte im Gegenſatz zu den engliſchen. Zugegeben, daß vieles Kleine und Beſchränkte oft ſchöner, geſunder, ſolider iſt als die engliſche Größe, Maſſe und Klobigkeit, ſo hat England doch unter allen Umſtänden den Vorzug des Mangels an Philiſterium und Rentierthum. Das iſt es, was ſeine geſchäftliche, induſtrielle und merkantile Größe weſentlich ausmacht. Der Deutſche zieht ſich gern phi⸗ liſterhaft, neidiſch, kleinlich, ängſtlich, pfennigfuchſeriſch als Rentier mit einigen Staatspapieren, Hypotheken und Häuſern zurück, ſobald er ein Paar tauſend Thaler zuſammengekratzt hat, nimmt deshalb ſein Geld aus dem kleinen Geſchäft, das ohn⸗ mächtig und klein wieder von vorn anfangen muß und ſetzt ſich hin mit einer Schlafmütze auf dem Kopfe, feſt entſchloſſen von den Zinſen der Paar tauſend Thaler zu leben und ſein Bier zu trinken. Deshalb wagt er nichts mit dem kümmerlichen Schatze, höchſtens daß er als Hausbeſitzer ſeine Miether cujonirt und im⸗ merwährend mit der Miene der Drohung zum Fenſter hinaus⸗ guckt, als wollte er nächſtes Quartal wieder zehn Thaler mehr verlangen. Richtig, er iſt ein ſolider Philiſter, dem die Polizei jederzeit das Zeugniß ausſtellen kann, daß ihr nichts nachtheili⸗ ges von ihm zu Ohren gekommen; aber der Menſch iſt kultur⸗ hiſtoriſch, geſchäftlich, volkswirthſchaftlich todt im Vergleich mit dem Engländer.

Zu dem Tau des atlantiſchen Telegraphen, welcher Europa und Amerika mit einander verbinden wird, braucht man 50,000. geographiſche Meilen Draht, ein Gutta⸗Percha⸗Kleid von 400 Meilen Länge und einen ebenſo langen Mantel von Werg und Pech. Das Ganze iſt eingeſchloſſen von einem achtzehnmal ſie⸗ benfachen Eiſendrahtgewinde und dabei nicht dicker als eine gute Wäſchleine. Es koſtet 100 Pf. St. pro engliſche Meile und iſt über 2000 ſolcher Meilen lang.

Nachdem der Sundzoll durch die handeltreibenden Staaten abgelöſt iſt, denkt man auch an die Ablöſung der Elbzölle, die einen ſo ſprechenden Commentar zu den Phraſen von deutſcher Einheit bilden. Der Hauptſtrom, welcher das deutſche Binnen⸗ land mit dem Ozean verbindet und bis zu ſeiner Mündung durch deutſches Gebiet(bis jetzt wenigſtens iſt Holſtein noch deutſch) fließt, iſt an nicht weniger als 14 Stellen mit einem Flußzoll belaſtet: in Stade(Brunshauſen), Lauenburg, Boitzen⸗ burg, Bleckede, Dömitz, Hitzacker, Schnackenburg,

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur:

Wittenberge, Deſſau, Roßlau, Coswig, Mühlberg, Strehla, Schandau.

Béranger, der noch in ſeinem Tode durch die Taktloſigkeit der kaiſerlichen Regierung von Frankreich eine politiſche Bedeu⸗ tung erhielt, beſchäftigt noch immer die europäiſche Preſſe. Adolph Stahr hat im Feuilleton der Nat. Ztg. einige bemerkens⸗ werthe Aeußerungen Goethes über Béranger mitgetheilt, welche beweiſen, daß der deutſche Dichter den franzöſiſchen Chanſonnier auch in deſſen politiſchen Liedern um ſo mehr zu würdigen wußte, je mehr er die politiſchen Sympathien mit ihm gemein hatte. Bekanntlich waren Goethe die Ereigniſſe der deutſchen Befreiungszeit tief widerwärtig, weil der ruſſiſche und der kirch⸗ lich reaktionäre Hintergrund derſelben ihm nicht behagte. Er fand ſich alſo natürlich hingezogen zu dem franzöſiſchen Dichter, der in ſeinen Liedern den franzöſiſchen Ruhm verherrlichte und die Reſtauration und die Pfaffenherrſchaft bekämpfte. Das waren politiſche Gedichte nach Goethes Herzen, während ihm die deutſche politiſche Poeſie, ſelbſt in ihrem claſſiſchen Repräſentan⸗ ten Uhland,, keine Zuſtimmung, ja nicht einmal ein gerechtes Urtheil abgewinnen konnte. Mit Recht erläutert Goethe an Bérangers Beiſpiel das Bildende, welches einer großen Haupt⸗ ſtadt als dem politiſchen Mittelpunkt einer großen Nation inne wohnt.Er iſt der Sohn armer Eltern, der Abkömmling eines armen Schneiders, dann armer Buchdruckerlehrling, dann mit kleinem Gehalte angeſtellt in irgend einem Bureau, er hat nie eine gelehrte Schule, nie eine Univerſität beſucht, und doch ſind ſeine Lieder ſo voll reifer Bildung, ſo voll Grazie und feinſter Ironie und von einer ſolchen Kunſtvollendung und muſterhaften Behandlung der Sprache, daß er nicht bloß die Bewunderung von Frankreich, ſondern des ganzen gebildeten Europas iſt. Denken Sie ſich aber dieſen ſelben Béranger, anſtatt in Paris geboren und in dieſer Weltſtadt herangewachſen, als den Sohn eines armen Schneiders zu Jena oder Weimar und laſſen Sie ihn ſeine Laufbahn an gedachten kleinen Orten kümmerlich fort⸗ ſetzen und fragen Sie ſich, welche Früchte dieſer ſelbe Baum in einem ſolchen Boden und in einer ſolchen Atmoſphäre aufge⸗ wachſen, wohl würde getragen haben. In das faſt einſtim⸗ mige Lob des nationalen Dichters von Frankreich miſcht ſich jetzt als ein ſchriller Mißlaut das Urtheil, welches die neue preußiſche Zeitung vom ſittlichen Standpunkt aus über ihn fällt. Bérangers Frivolität wegzuläugnen, wäre eine undankbare Arbeit; er war in dieſer Beziehung indeſſen nur der getreue Repräſentant ſeiner Nation, deren ſittlicher Verfall nicht erſt von der Kreuzzeitung entdeckt wurde. Die Claſſicität, d. h. die Eigenſchaft für alle Zeiten und alle Nationen ein Muſter zu ſein, wird daher Béranger allerdings nicht zugeſtanden werden können: er iſt nichts als ein franzöſiſcher Chanſonnier, in deſſen Liedern ſich, wie wir ſchon neulich bemerkten, das franzöſiſche Volkmitallen ſeinen Schwächen und ſeinen Vorzügen abſpiegelt, dabei aber, zum Unterſchied von der Mehrzahl ſeiner Landsleute, ein ehrenwerther, unabhängiger Mann. Daß er den franzöſiſchen Ruhm nur beſungen, an ſeiner Erringung nicht perſönlich mitgearbeitet, vielmehr beim Einfall der Fremden ſich hinter das Weinglas geflüchtet, macht man ihm wie uns ſcheint, mit Unrecht zum Vorwurf. Nicht alle Naturen ſind für den Krieg organiſirt, und man kann ſehr wohl den Ruhm und die Schande ſeines Volkes empfinden, ohne ſelbſt die Flinte in die Hand genommen zu haben. Dagegen hat die Kreuzzeitung Recht, wenn ſie ſagt: Béranger habe, wie alle ſeine liberaliſti⸗ ſchen Parteigenoſſen(und er mehr und wirkſamer als die Meiſten) für den Abſolutismus gearbeitet. Das that ſeit der Revolution die ganze franzöſiſche Nation, und Béranger als ihr ächter Re⸗ präſentant konnte ſich dem Verhängniß am allerwenigſten ent⸗ ziehen, aber er that es unbewußt, inſtinktiv, wie das ganze Volk und immer mit dem lauteſten Freiheitspathos.

Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke s Devrient in Leipzig.