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Man ſieht, den jungen Poeten, welche uns für dieſe dürre Sommerzeit jedenfalls mit reichen Ergüſſen ihrer Muſe über⸗ ſchwemmen werden, fehlt es nicht an ſingbaren Stoffen. Als glänzende Landſchaftsſtaffage bietet ſich ihnen dazu der ſpeiende Veſuv, welcher ſeit dem 21. Juli ſeine Lavaſtröme„durch eine ſchauerliche Schlucht“ hinunterwälzt in die blauen Gewäſſer des Golfs. Möglicherweiſe läßt ſich zur Verſtärkung der dichteriſchen Wirkung auch etwas von den Erderſchütterungen anbringen, welche ungefähr um dieſelbe Zeit hier und da in Deutſchland geſpürt wurden.— Was freilich moraliſche Leute ſind, dieſe meinen, ſolche Zeichen und Wunder nebſt den etlichen telesko⸗ piſchen Kometen am Sternenhimmel ſeien der Nachhall des ver⸗ unglückten oder das Vorſpiel des verſchobenen Weltuntergangs vom 13. Juni. Ad majorem Dei gloriam ſind denn auch die evangeliſchen Geiſtlichen eines ſehr frommen Staatsweſens be⸗ deutet worden, ſich auf Straßen und in Gaſthöfen der heidniſchen Rauchopfer zu enthalten, welche die vulgäre Sprache Cigarren und Tabakspfeifen nennt. Ja ſogar den ſüddeutſchen und oſt⸗ franzöſiſchen Bierbrauern ſchlägt das Gewiſſen. Denn ſie haben an einem Ort am Oberrhein— deſſen Name leider nicht bekannter iſt, als Ort und Zeit des myſtiſchen Rendezvous der Kaiſer von Rußland und Frankreich— ſelbander geſagt und mit erhebendem Einmuth beſchloſſen, ſoviel ihrer überhaupt ſich einfanden, künftighin fernzuhalten von ihrem Gebräu jegliche Beimiſchung fremder und ungehöriger Kräuter. Der ſelige König Gambrinus ſegne ſie für dies Beginnen! Starr in ihrem ſündigen Preiser⸗ höhungsſinne verharren dagegen die coalirten Papierfabrikanten. Ja ſie haben ſelbſt den heroiſchen Entſchluß gefaßt, einen Herrn A. Rudel zu Halle an der Saale ſpeciell zu beauftragen mit der Bekämpfung der geſammten Preſſe, welche dieſe Preiserhöhung anzugreifen wagt. Da aber ſonderbarer Weiſe kein Preßorgan zum Blachfelde werden will, auf welchem Herr A. Rudel ſeine vernichtenden Schläge führt, ſo ſteht hoffentlich eine Bereicher⸗ ung unſerer Tagesliteratur durch ein Papierpreiserhöhungs⸗ journal in Ausſicht,„um eine längſt gefühlte Lücke auszu⸗ füllen.“
Man kann ſich auch ganz behaglich auf einen ſo lang dauernden Streit, wie der deutſch⸗däniſche einrichten. Denn die Berliner Zollconferenz iſt auseinandergegangen, ohne die von
Preußen angeregte Herabſetzung des Papier⸗ und Lumpenzolles
zu erwägen. Dafür haben ſie den deutſchen Conſumenten freundlichſt mit einer Erhöhung des Runkelrübenzolles ent⸗ ſchädigt und eine neue Tabakſteuer auf Wiederſehen in Ausſicht geſtellt. Auch mit dieſen zollſchützeriſchen Beſchlüſſen und Ab⸗ ſichten iſt man alſo wieder recht glücklich auf der Umkehr zur alten Zeit begriffen, welche die gute heißt. Denn nach ſolchen Vorgängen ſteht natürlich die immer weitere Verſchleppung der deuſch⸗öſterreichiſchen Zolleinigung ebenfalls zu erwarten. Ja, vielleicht erleben wir's noch, daß überdies die ſo gerechtfertigten
Ueber⸗ und Durchgangszölle innerhalb des deutſchen Zollge⸗
bietes wieder auf immer mehr Gegenſtände ausgedehnt werden. Dann, ja dann iſt die Wiederkehr der guten alten Zeit der lieb⸗ lichen Schlagbäume und Zollſtätten auf jeder halben Stunde
Weges nicht mehr fern! Die Dampfwagen werden bei ſolchen Ruhepunkten wieder zur Schnelligkeit der gelben Landkutſche zurückkehren, nur mit ſorgfältig erhöheten Preiſen; die thurn⸗ und taxisſche Poſtverwaltung wird mit ihrem conſervativen Widerwillen gegen ambulante Poſtbureaux vollkommen Recht behalten; Länder und Städte rücken wieder gehörig weit aus⸗ einander, ſo daß Gedanken und Ereigniſſe ihre blitzſchnelle Wirkung verlieren; kurz Alles, Alles wird wieder alt und darum gut!
Wer wollte bei ſo frohen Ausſichten verdüſtert in die Zu⸗ kunft ſchauen? Wir haben uns überſtürzt, es iſt klar; denn Rußland, den Regulator unſeres Fortſchrittlebens hatten wir aus den Augen verloren. Feſt dagegen ruht ſein ſanfter Druck freundſchaftlich⸗verwandtſchaftlicher Beziehung wieder vollſtändig auf den„Spitzen der Geſellſchaft“. Schon klingt aus dem„poli⸗ zeilich⸗politiſchen“ baieriſchen Verbote der mitleidigen Samm⸗ lungen für die vertriebenen Schleswig⸗Holſteiner jene zarte Rück⸗ ſicht auf den kiſſinger Aufenthalt des Kaiſers hervor, die wir lang und ſchmerzlich vermißten. Bereits ſammelten ſich in einſt die an den kleineren Höfen verbreitete Denkſchrift ſagte, Rußland ſei zu ihrem Schirm und Hort gegen Deutſchlands Großmächte berufen. Wieder begleitete ſoeben eine deutſche Fürſtentochter die Kaiſerin⸗Mutter nach Petersburg, um mit dem großfürſtlichen Trauring das griechiſch⸗ruſſiſche Glaubens⸗ bekenntniß anzunehmen. Dem deutſchen Volke bleibt aber noch die patriotiſche Pflichterfüllung, mit ſeinem Gelde die ruſſiſchen Eiſenbahnen zu bauen, damit die ruſſiſchen Armeen nicht wieder von des Weges Länge und Schwierigkeit aufgehalten ſeien, wenn es gilt, wie 1850 die deutſche Einigkeit herzuſtellen, den„deut⸗ ſchen Bruderkampf“ zu verhindern. Denn„Rußland hat es ſich unabläſſig angelegen ſein laſſen, Eintracht und Einheit in Deutſchland zu empfehlen und zu erhalten— freilich nicht jene materielle Einheit von welcher eine nivellirungs⸗ und vergrößer⸗ ungsſüchtige Demokratie träumt, ſondern die moraliſche Ein⸗ heit“— ſagt ein Manifeſt des verſtorbenen Kaiſers Nikolaus. Vergrößerungsſüchtig und demokratiſch war aber zu jener und wäre zu jeder Zeit z. B. ein Kampf Deutſchlands zur Erhaltung der nördlichen Herzogthümer bei Deutſchland; denn Rußland hat däniſche Erbanſprüche. Darum wohl verbot auch ſchon 1853. ein Bundesbeſchluß, deſſen Exiſtenz wir ſoeben erſt und natür⸗ V lich aus däniſchen Blättern erfahren, die Feier der deutſchen Siege an der Eider in allen deutſchen Landen, doch bleibt es Jedem unverboten, alljährlich theilzunehmen an den Gedächtnißfeſten der däniſchen Siege über die Schleswig⸗Holſteiner, als dieſe von der deutſchen Kabinetspolitik preisgegeben waren. Anerkennung und Hingebung für Alle, nur nicht für uns ſelbſt— das iſt Deutſchlands kosmopolitiſcher Beruf! Auch den Franzoſen eine ſteinerne Brücke über den Rhein zu geſtatten, beherrſcht von ihrer ſtarken Feſtung Straßburg, ohne daß auf dem deutſchen Ufer ſelbſt nur an einen Brückenkopf gedacht wird, gehört zur kosmopolitiſchen Indulgenz. Wohin wir aber mit dem Allen treiben? Was kümmert's uns! Après nous le déluge!
Was heliebt.
Der Coalitionder Papierfabrikanten iſt nunmehr ein furchtbarer Gegner erſtanden und dieſer Gegner iſt— die hannöveriſche Regierung. Sie wird von keinem der Fabri⸗ kanten, die ſich an jener Coalition betheiligt, mehr Etwas kau⸗ fen. Das iſt gewiß ihr gutes Recht, und es begreift ſich, daß bei
der Schreibſeligkeit, die das deutſche Regierungsſyſtem charakte⸗ ciſirt, für einen Papierfabrikanten etwas Furchtbares in dem Ge⸗ danken liegen muß, von der Lieferung aller jener zahlloſen Bal⸗ len von Papier, die jährlich in den Canzleien verſchrieben wer⸗ den, ausgeſchloſſen zu werden. Es muß ſich nun zeigen, ob die
Sansſouci um ſeine Perſon viele Leiter jener Staaten, von denen
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