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ſtattet; bei einem regelmäßigen und andauernden Gebrauch deſ⸗
ſelben iſt es jedoch ebenfalls Sache des ärztlichen Vorſtandes der
Anſtalt, dem betreffenden Fremden einen ſpeciellen Badediener
zuzuweiſen und die Zeit des Badens zu regeln. Den Fremden
erwächſt hieraus keinerlei Verbindlichkeit gegen den Arzt.“ So die„Erwiderung“ der herzoglichen Badeverwaltung in Lieben⸗ ſtein. Unſre Rüge in Nr. 28. bezieht ſich, wie Jedermann ſieht, nicht auf den Fall, wo eine förmliche, regelrechte Waſſercur von eigentlichen Patienten gebraucht wird; wir haben es gerügt, daß jene zahlreichen Fremden, welche der Luft, der Bewegung, der Gegend halber einige Wochen in Liebenſtein zubringen wollen, ohne eine eigentliche Cur zu gebrauchen, die herzoglichen Bade⸗ anſtalten für einfache kalte Bäder, mit denen ein Mißbrauch gar nicht getrieben werden kann, nur unter der Bedingung benutzen können, daß ſie dem Waſſerarzte einen Beſuch machen und ſich von ihm ordiniren laſſen. Dieſe von uns öffentlich gerügte Thatſache kann die herzogliche Badeverwaltung nicht in Abrede ſtellen, da ſie ausdrücklich zugibt, daß auch für„unbedenkliche Bäder“ die Ordinirung des Arztes erfordert wird, ſobald ſie „dauernd“ d. h. nach der von uns ſehr ſorgfältig erhobenen Interpretation des Badedieners in Liebenſtein, ſobald ſie von einem Fremden genommen werden w ollen, welcher ſich längerals einen Tag in Liebenſtein aufhält. Wir
haben alſo durchaus die Wahrheit geſagt und die ſogenannte Er⸗ widerung der herzoglichen Badeverwaltung iſt nur eine Beſtä⸗ tigung unſerer Behauptungen. Ob es eine vernünftige Einrich⸗ tung iſt, wenn man Fremde, die nicht daran denken eine eigent⸗ liche Cur zu gebrauchen, die nur ſich erfriſchen wollen, nöthigt, ſich einem Arzt vorzuſtellen und von ihm Ordinirungen zu em⸗ pfangen, die ſie nicht verlangen, darüber mag das Publicum ent⸗ ſcheiden. Wir haben unſre Meinung ausgeſprochen und ſie iſt durch die„Erwiderung“ der herzoglichen Badeverwaltung nicht erſchüttert worden. Wenn übrigens die letztere ſagt:„den Fremden erwächſt hieraus(aus der ärztlichen Regelung der Bäder) keinerlei Verbindlichkeit gegen den Arzt,“ ſo iſt das lächer⸗ lich. Jedermann weiß, daß die Badeärzte nicht von der Bade⸗ verwaltung beſoldet, ſondern auf die Honorare der Fremden an⸗ gewieſen ſind, und Keiner, der je in einem Bad gelebt, iſt im Zweifel darüber, daß aus jedem Beſuch, aus jeder Unterredung und Anordnung ihm eine„Verbindlichkeit gegen den Arzt er⸗ wächſt.“ Allein der Geldpunkt iſt etwas Untergeordnetes, wir haben die Einrichtung getadelt, weil wir es widerſinnig fanden und noch finden, wenn eine Badedirektion ſich heraus⸗ nimmt, Jemanden, der ſich nicht als Patient fühlt, einen Arzt mit aller Gewalt oktroyiren zu wollen.
Aus dem Weltleben.
Stahls berühmte Lehre von der„Umkehr“ wird zum Welt⸗ Rechberg⸗Rothenlöwen zuerſt auf ſeine Güter oder in ein Bad
geſetz. Die alten Zeiten kehren wieder, und das ſind bekannt⸗ lich die einzig guten. Oder hören und leſen wir's nicht täglich, daß die älteſten Leute ſich keines ſo wirklichen Sommers erinnern,
wie des heurigen? Die guten alten Leute! Wie haben ſie, als
ſie noch jung waren, über den Heine'ſchen Witz gelacht: Deutſch⸗
lands Sommer ſei ein grün angeſtrichener Winter. Das Wort hat aber auch viel länger gegolten, wie die„ſtaatspolitiſchen Geſinnungen“ mancher modernen Miniſter, deren Ausdrücke man
als Blumenleſen gedruckt, wie es jüngſthin denen des bairiſchen
Freiherrn Ludwig von der Pfordten geſchah. Denn jener Witz fiel noch ſo ungefähr in die zwanziger Jahre, als man die Zeit zu langem Gelächter über kurze Gedanken hatte. Damals be⸗
ſtand nämlich das öffentliche Leben bloß aus fürſtlichen Ab⸗
fahrten und Ankünften, gräflichen Reiſen, freiherrlichen Aus⸗
flügen, etwelchen Ordensverleihungen, Rangerhöhungen, Doſen⸗ geſchenken, obligaten Konzerten und andern wenig aufregenden Ereigniſſen, unter denen die Bundestagsferien den oberſten Rang behaupteten. Begrüßen wir nicht auch in allen dieſen Beziehungen die guten alten Zeiten von Neuem in den Spalten unſerer Zeitungen? Ihr Röcklein, iſt zu ſagen ihr vergrößertes Format, iſt ihnen nach neun Jahren wieder zu weit geworden, und der preußiſche Quadratzollſtempel erſcheint heut ein bedenk⸗ licher Luxus. Gäbe es kein Indien, um heut zu bezweifeln, was man geſtern verſicherte, man müßte jenen„gutunterrichteten“ frankfurter Correſpondenten der vortrefflichen Augsburger All⸗ gemeinen wieder aus dem Grabe ſcharren, welcher mit der wahr⸗ und unwahrſcheinlichen, bevor⸗ und nicht bevorſtehenden, erfolgten, bezweifelten, widerrufenen, dennoch beſtätigten und trotzdem noch unſichern Abreiſe und Ankunft der Grafen Buol⸗ Schauenſtein und Münch„Bellinghauſen im Bundespalaſte zwanzig Jahre lang Deutſchlands politiſche Gemüther in fieber⸗ haftem Intereſſe ſpannte. Hoffen wir, daß der Treffliche nicht ohne ebenbürtige Nachfolger ſei! Dazu iſt Hoffnung vorhanden. Denn die Bundestagsferien ſind unverkürzt geblieben; ob Graf
reiſte, iſt ſchon Zeitungsdebatte; ob und warum Oeſterreich aus eigenen, nicht aus Bundesmitteln das Palais der Eſchenheimer Gaſſe neu anſtreichen läßt, eine ſtaats⸗völkerrechtliche Contro⸗ verſe. Vide Frankfurter Poſtzeitung u. A.
Doch nicht allein in Politicis, auch in romantiſcher Hinſicht kehren lang verſchollene Jahre zurück. Oder war es nicht ſchon eine der gruſelnden Kindergeſchichten in den„Abenteuern zu Land und zur See“, daß die Menſchen, vom Sonnenſtich ge⸗ troffen, todt zur Erde ſtürzten? Seitdem war man, wenigſtens in Deutſchland, gewohnt geweſen, davon bloß rothe und ge⸗ ſchwollene Naſen zu beobachten, die ſich weniger ſchauerlich als ekelhaft ausnahmen, beſonders wenn ſie der Heilung halber mit glänzender Fettſalbe beſtrichen wurden. Dies Jahr ſcheint dagegen Gott Phöbus vorzugsweiſe die Franzoſen zu Zielen ſeiner brennendſten Pfeile genommen zu haben. Denn aus den ſüdweſtlichen Departements wird gemeldet, daß Leute bei der Erntearbeit vom Sonnenſtich getödtet wurden, während von den in Kabylien ſo äußerſt ruhmvoll ſiegenden Soldaten nicht wenige aus etwa derſelben Veranlaſſung den Verſtand verloren. Unter⸗ deſſen ſpielte aber bei Plombières die alte ſchöne Ballade Schillers vom frommen Grafen von Habsburg von Neuem— natürlich im modernen Gewande. Der Kaiſer nämlich, welchem ein Prieſter mit den Sterbeſacramenten begegnete, die er zu einem Armen trug, ließ den geiſtlichen Herrn in einen Wagen ſeines Gefolges ſteigen und nachher in der eigenen Karoſſe vor die beſcheidene Thür des Sterbenden fahren. Wer die Geſchichte ausführlichſt kennen zu lernen wünſcht, ſei auf die franzöſiſchen Zeitungen verwieſen, wo ſie eben ſo rührend als erhebend zu leſen iſt. Damit jedoch neben ſolcher Romantik in des Lebens Sonnenhöhen nicht die der Räuberhöhlen fehle, hat ſich, in einem ſonſt nüchternen Landſtrich, in 2 keißens eſſigreichen Rebenge⸗ filden, ein Maurergeſell zum Rinaldo Rinaldini aufgeſchwungen, ohne daß es bisher gelang, den Anachroniſten an die polizeiliche Fürſorge unſerer Gegenwart zu erinnern.


