Jahrgang 
1857
Seite
403
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derben, ſtolzen Bauern, die auf ihren Höfen leben wie kleine Fürſten;aber,hat auch wohl mancher hinzugefügt, und dabei mit Staunen auf die rieſigen Dämme und Deiche des Landes geblickt,wie lange mag's gedauert haben, ehe das Land das geworden iſt, was es iſt! Ja, leichtes Ziel haben die Dithmarſchen nicht gehabt, im Kampf mit dem wilden, verheerenden Element, das ihre Küſten umſpült, rüſtig haben ſie deichen und dämmen müſſen Jahrhunderte lang, um ihren fruchtbaren Boden gegen die ſalzige Fluth zu ſchützen und dem Meere neue Landſtrecken abzugewinnen, unzählige Male iſt all ihre Mühe und Arbeit vergeblich geweſegz aber immer aufs Neue wieder haben ſie unermüdlich die ſtarken Arme gerührt, bis es ihnen endlich gelungen i*ſt, ihre geſegnete Heimathserde dauernd zu ſchützen gegen die alles verderbende Sturmfluth.

Aber dieſes im Kampfe mit Wind und Wetter ſtark ge⸗

wordene Volk hat nicht blos gegen dieſe mächtigen Gewalten, ſondern auch gleichzeitig und ebenfo kraft- und muthvoll gegen ſeine feindlichen Nachbarn ſtreiten müſſen. Und wie mannhaft hat es ſeinen übermächtigen Feinden die Stirn ge⸗ boten in jedem neuen Kriege, wie ſtandhaft hat es ſeine Freiheit zu wahren gewußt, ſelbſt da noch, als bereits in allen deutſchen Gauen die urſprüngliche Volksfreiheit ver⸗ nichtet war! Die blutigen Vertheidigungskriege der alten Dithmarſchen gegen die holſteiniſchen und däniſchen Fürſten gehören unſtreitig zu den großartigſten, heroiſchſten Kämpfen, welche im Laufe der Zeiten freie und der Freiheit würdige Völker mit fremden Eroberern haben führen müſſen. Wir finden die freien Bauern, nach minder erheblichen Fehden mit den über Holſtein herrſchenden Grafen von Schauenburg, zuerſt in blutigem Kampf mitdemdäniſchen König Waldemar dem Sieger, der ſie endlich auf kurze Zeit unter ſein Joch beugt und ſie zwingt, ihm in den Krieg zu folgen gegen Graf Adolf IV. von Holſtein. Dadurch bereitet der König ſich ſelber den Untergang, denn in der Entſcheidungs⸗ ſchlacht bei Bornhöved in Holſtein fallen die Unterdrückten von ihm ab und vollenden in einem gräßlichen Gemetzel ſeine Niederlage. Dann folgt ein Jahrhundert der Ruhe und des Friedens, bis Gerhard der Große, der Dänenbezwinger, mit gewaltiger Macht gegen das Bauernvolk auszieht. An⸗ fangs ſiegreich, wird er in einer großen Schlacht am 7. Sept. 1320 von den Dithmarſchen bis zur Vernichtung geſchlagen undzieht mit ſeinem Häuflein in Traurigkeit zurück. Gleich ſchlimm ergehts 1404 dem Herzog Gerhard II. Er verliert in der Süderhamme ſein Leben, mehrere hundert Edelleute fallen mit ihm, und ſein glänzendes Heer geht zu Grunde. Nach langer Pauſe bricht 1500 ein neuer Sturm los. Diesmal ſcheint der Untergang des Heldenvolkes un⸗ vermeidlich, denn König Johann von Dänemark und Her⸗ zog Friedrich von Schleswig⸗Holſtein ziehen heran mit zahlreichen auserleſenen Heerhaufen der Dänen und Holſten und mit derin großem Namen und mächtigem Ruhme ſtehenden großen Garde, einer deutſchen Söldnerſchaar von 5000 Mann, unter dem Junker Slenz. Das reiche Mel dorf wird erobert und geplündert. auf und zieht voll Siegeshoffnung vorwärts, um über Hem⸗ mingſtedt nach Heide, dem Hauptort des Landes, zu gelangen. Da verſperrt bei der Tauſend ⸗Teufels⸗-Werft in zur Nachtzeit aufgeworfener Schanze Wolf Iſebrand mit einem erleſenen Haufen dem ſtolzen Heereszuge den Weg. Vor der Heldenſchaar her trägt die Jungfrau Telſe aus Hohenwöhrden eine geweihte Fahne und das Bild des Ge⸗ kreuzigten. Junker Slenz gedenktdie Macht der Dith⸗ marſchen mit ſeinem kleinſten Finger zu überwältigen, und

Dann bricht das Heer

ſeine wilden Schaaren rufen:Wohr' die Buer, de Garde de kummt! Am nebelgrauen Morgen des 17. Februar, bei ſcharfem Wind und Schneegeſtöber, ſtoßen die Schlacht⸗ reihen auf einander. Das Morden beginnt, das mächtige Heer kann nicht vorwärts auf den ſchmalen ſchlüpfrigen Wegen, endlich fängt es an zu wanken, undwohr' di Garde, de Buer de kummt! erſchallt es nun in und vor der Schanze und an den zahlloſen Gräben, in welchen die durch geöffnete Schleuſen und durchſtochene Deiche ſtürzenden Waſſer brauſen und ſchäumen. Und die große, ſtolze Garde weicht, und ihr Anführer, der bis dahin noch nie beſiegte rieſige Streiter, wird niedergeſchmettert von dem tapfern Reimer aus Wiemer⸗ ſtedt, und in wilder Haſt ſtürmt das ganze Heer fliehend da⸗ hin. Tauſende ſind im Kampfe gefallen, Edle und Knechte; andere Tauſende kommen nun elendiglich um in Waſſer⸗ gräben und Moräſten.

Nach dieſem großen Siege bei der Schanze vor Hem⸗ mingſtedt ruhten über ein halbes Jahrhundert die Streitig⸗ keiten mit den benachbarten Fürſten. Chriſtian II., Johann's Nachfolger in Dänemark, war, da ihm Schweden und Adel und Geiſtlichkeit zu viel zu ſchaffen machten, außer Stande, ſeine Eroberungspläne gegen Dithmarſchen auszuführen, und Friedrich II. der nach dem Sturze der blutigen Tyrannen den Thron beſtieg, ſchloß ſogar am 30. März 1523 mit der Bauern⸗Republik einen Friedensvertrag ab. Auch Chri⸗ ſtian III., der 1533 folgte, errichtete einen neuen Vertrag mit den Dithmarſchen und beobachtete ihn ſtets gewiſſenhaft.

In Folge der am 9. Auguſt 1544 auf einem Landtage zu Rendsburg vollzogenen Landestheilung hatten die Herzog⸗ thümer Schleswig und Holſtein inzwiſchen drei Regenten erhalten: König Chriſtian III. im Sonderburgiſchen, und Herzog Johann im Haderslebenſchen und Herzog Adolf im Gottorfiſchen Antheil. Letzterer, ein hochfahrender, kriege⸗ riſcher Herr, hatte während ſeines Aufenthaltes am Hofe und im Kriegslager Kaiſer Karl V. oftmals ſpöttiſche Reden über die verunglückten Eroberungsverſuche ſeiner Vorfahren hören müſſen, und begann daher, als er 1548 zu Brüſſel aber⸗ mals in des Kaiſers Dienſt trat, in aller Stille Pläne gegen Dithmarſchen zu entwerfen. Zunächſt brachte er es dahin, daß der Kaiſer, deſſen Ganſt und Vertrauen er ſich zu er⸗ werben gewußt, ihn und ſeine beiden älteren Brüder nicht allein mit Holſtein und Stormarn, ſondern auch mit Dith⸗ marſchen belehnte.*) Weiter konnte er einſtweilen nicht gehen, da Chriſtian III. Bedenken trug, die mit den Dith⸗ marſchen geſchloſſenen Verträge zu brechen.

Während ſo der Friede nach Außen hin erhalten blieb, waren im Innern der Republik mancherlei folgenreiche Ver⸗ änderungen und Umwälzungen eingetreten: die Verfaſſung hatte in Folge der ehrgeizigen Umtriebe mächtiger Geſchlechter eine mehr ariſtokratiſche Färbung erhalten, die Reformation war eingeführt worden, und blutige Befehdungen mehrerer mit einander entzweiter angeſehener Familien hatten auch unter den übrigen Landesbewohnern oft Uneinigkeit und Ge⸗ waltthaten hervorgerufen. Mancherlei Händel mit den nei⸗ diſchen Nachbaren hatten in dieſer Zeit der politiſch⸗reli⸗ giöſen Wirren nicht vermieden werden können, und aller⸗ dings darf es nicht in Abrede geſtellt werden, daß die ſtolzen Dithmarſchen ſich bei ſolchen Anläſſen zuweilen zu einigen Uebergriffen hatten hinreißen laſſen. So fand z. B. im Jahre 1545 ein Ereigniß ſtatt, aus welchem die Landes⸗ herren in Schleswig und Holſtein ſpäter einen Vorwand zu

*) Die erſte Belehnung mit Dithmarſchen erlangte Chriſtian I. von Dänemark 1474 vom Kaiſer Friedrich III., derſelbe widerrief ſie aber 1481.