Jahrgang 
1857
Seite
396
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Machte ihn dieſer ungewöhnliche Umſtand ſchon ſtutzig und bedenklich, ſo that ſein Argwohn die hundert Argus⸗ augen auf, als er durch Karoline erfuhr, daß der Rechts⸗ anwalt angekommen ſei. Von der beabſichtigten Eheſchei⸗ dung ſeiner Schweſter wußte er Nichts, ſo wie man ihn überhaupt, gleich einem unmündigen und unverſtändigen Knaben, über alle wichtigen Familienverhältniſſe im Un⸗ klaren ließ. Zu welchem Zwecke alſo hatte ſein Vater den Rechtsanwalt citirt, er, der ſo ſparſame, knauſernde Mann einen ſo koſtſpieligen Beſuch?

Um ſein Teſtament zu machen? Bei dieſer Frage ſchauderte ihn. Er ſah ſich im Geiſt ſchon um die einzig ſchöne und große Hoffnung ſeines Lebens, um die große Erbſchaft gebracht. machte, dann wurde er, der dem Vater nicht nur eine Laſt, ſondern ein Dorn im Auge war, auf ein ärmliches Pflicht⸗ theil zurückgeſetzt, und dann gute Nacht ihr ſchönen Träume von Reichthum und Anſehn! Vergebens gab ihm Karoline die feſte Verſicherung, daß ſein Vater niemals ein Teſtament machen werde. Mit der ihm eigenthümli⸗ chen Reizbarkeit antwortete er ihr, ſie wolle ihn nur täu ſchen, und ſie ſei nicht beſſer, als die Andern.

In dieſem Augenblicke wurde Karoline plötzlich von dem Rechtsanwalt zu Hilfe gerufen.Ich dachte mirs wohl! ſagte ſie, Richard verlaſſend.Das kann ſein Tod ſein. Machen Sie ſich auf Alles gefaßt!

Richards Aufregung ſtieg noch. Er war nicht gewöhnt, wichtigen Ereigniſſen zu begegnen. Und jetzt handelte es ſich für ihn gleichſam um Tod und Leben. Da hörte er plötzlich im Nebenzimmer die Stimme ſeines Bruders, dieſes gefühl⸗ und gewiſſenloſen Bruders, welchen er ver abſcheute; und eine andere Stimme, die Stimme ſeines eignen Dieners antwortete ihm leiſe, geheimnißvoll. Weshalb war Karl aufs Schloß gekommen? Woher wußte er, daß wichtige Ereigniſſe bevorſtanden? Was hatte er mit Richagds Diener ſo geheimnißvoll zu verkeh⸗ ren? Hal jetzt la am Tage: Es wurde ein Complott geſchmiedet, und er, Richard, war das auserleſene Opfer!

Es ſchwirrte, ſauſte ihm in den Ohren, und vor ſei⸗ nen Augen flimmerten Lichter. Seine Gedanken wurden unklar, verworren; eine ungeheure, faſt wahnſinnige Wuth erfaßte ihn; er huſchte auf den Krücken im Zim⸗ mer herum und dann ſetzt er ſich wieder nieder und warf die Krücken weit von ſich.

In dieſem Zuſtande fand ihn der Rechtsanwalt, wel cher, Karolinens Bitte Gehör gebend, zu ihm kam. Er ſuchte ihn zu beruhigen; er verſprach ihm ſeinen Beiſtand; er klärte ihn auf hinſichtlich der Angelegenheit, welche ihn heut zu dem Commerzienrath geführt. Aber ebenſo gut hätte er ihm geſunde Glieder verleihen, als den halb Wahnſinnigen zur Vernunft bringen können. Und wie wohl er um Karolinens willen der Wuth und Narrheit des Beſinnungsloſen einen friſchen Gleichmuth entgegen⸗ ſetzte, ſo blieb ihm am Ende doch nichts andres übrig, als ihn ſich ſelber zu überlaſſen. Er ging nach dem Garten hinab und theilte dies Richards Diener mit, damit man, im Falle man ſeiner bedürfen ſollte, ihn zu finden wüßte.

Die Nachricht von dem Tode ſeines Vaters raubte Richard den letzten kleinen Reſt ſeiner Beſinnung. So war er nicht einmal am Sterbelager ſeines Vater gewe ſen! Sein Bruder Karl oder ſeine Schweſter Gottliebe hatte dem Verſcheidenden die Augen zugedrückt! Warum rief man ihn ſo ſpät? O, er durchſchaute es wohl, er war aufs Neue betrogen!

Wenn ſein Vater ſein Teſtament

Wir haben ſeine wirren, überſpannten Reden im Tod⸗ tenzimmer angehört und finden ſie jetzt erklärlich. Wir wiſſen aber auch, daß er nicht wirklich wahnſinnig, ſon⸗ dern zunächſt nur bis zur Beſinnungsloſigkeit aufgeregt war.

Der Wortwechſel zwiſchen ſeinem Bruder und Karo⸗ line ſchien ihm Anfangs unverſtändlich. Ueberhaupt faßte er den entſetzlichen Sinn in Karls Worten nicht mit dem Begriff; ſondern er fühlte nur aus Karolinens Worten, man könnte ſagen inſtinktmäßig heraus, daß man etwas Furchtbares, von ihm noch gar nicht Geahntes, gegen ihn im Schilde führe. Da wandte er ſich mit flammendem, rollendem Auge gegen den Bruder und rief:Ha, Du Schurke, Du tauſendfacher Schurke, Du triumphirſt zu früh! Dieſer zarte, ſchwache Engel(er deutete auf Karo⸗ line) wird Dich, Goliath, überwältigen. Und bei der Leiche meines Vaters ſchwör' ichs: Deine hölliſchen Machi⸗ nationen werden Dir Nichts, als Schmach und Schande eintragen!

Es trat eine Pauſe ein, während welcher er ſich zu ſammeln ſchien. Darauf befahl er dem Diener, ihn bis zur Leiche ſeines Vaters zu ſchaffen. Er ergriff des Todten kalte, ſtarre Hand, küßte ſie und benetzte ſie mit Thränen. ſagte:Ich habe Niemand, Niemand auf der ganzen Welt, der mich ſchützen und vertheidigen kann, als Sie, Karo⸗ line. Bei der Leiche meines Vaters beſchwör' ich Sie, bleiben Sie mir treu! 4

Hierauf verließ er mit Hilfe des Dieners das Zimmer.

Nun, dächt' ich, wäre die Reihe auch einmal an mir, meine Meinung zu ſagen, ſo begann Gottliebe, die

Gräfin, welche, in dem alten Lehnſtuhle ihres verſtorbenen

Vaters ſitzend, mit geheimer Freude und Neugierde der Scene zugeſchaut hatteund ich frage Sie, Fräulein, Miß oder wie Sie genannt ſein wollen, halten Sie es noch länger für angemeſſen, uns, den legitimen Erben des Entſchlafenen, die Schlüſſel zu unſerm Eigenthum vorzuenthalten? Zugleich mach' ich Sie darauf aufmerk⸗ ſam, daß Ihre bisherige Stellung in dieſem Hauſe von Stund' an endet. Legen Sie uns gefälligſt Rechnung, und wir werden Sorge tragen, daß Sie Ihre rückſtändige Löhnung erhalten.

Du biſt ein unzartes, grobes Geſchöpf, Gottliebe! fiel der Bruder ein, indem er ſich Karolinen mit lüſter⸗ nem, fauniſchem Blicke näherte.Mein Fräulein, wie wohl ich das Verlangen meiner Schweſter nach Heraus⸗ gabe der Schlüſſel unterſtützen muß, ſo ſprech' ich doch die Bitte aus, dies Haus auch fernerhin als Ihr Aſyl zu betrachten.

O, mein Gott, ich habe Nichts dagegen, wenn ſie Deine Geſellſchafterin oder Richards Wärterin ſpielen will, ſagte Gottliebe höhniſch,Ich habe ihr auch gar nicht den Aufenthalt im Schloſſe, ſondern nur ihre bis⸗ herige Stellung gekündigt. Und dagegen, wirſt, denk ich, auch Du nichts einzuwenden haben.

Karoline, welche in der Nähe des Todten ſtand und ihn ſeit Richards Entfernung ſtarr angeſchaut hatte, ſchien weder die gemeinen, hämiſchen Reden Gottliebens gehört, noch Karls lüſterne Blicke bemerkt zu haben. Man ſah ihr an, daß ſie hoch, unerreichbar hoch über der Bosheit und Unlauterkeit dieſer beiden Menſchen ſtand. Jetzt, da eine Pauſe eingetreten war, entriß ſie ſich ihrem Nachſin⸗ nen, ſchaute ſie beide mit einem Blicke unausſprechlicher

Darauf ließ er ſich von Karolinen die Hand reichen und