Jahrgang 
1857
Seite
397
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Hoheit und tiefen Mitleids an und begann:Sie ſehen mich außer Stande, Ihnen zu antworten. Ich weiß wohl, daß Sie beide zu mir geſprochen, und ahne, daß es ſo verletzend, als möglich, geweſen; aber die Worte ſelbſt hab' ich nicht vernommen. Ich war bewältigt von dem Ungeheuern, dem Entſetzlichen, was ich ſo eben erlebt. Ich ſchaute den Todten an, ob denn in ſeinen Zügen noch der Fluch zu leſen wäre, den er Ihnen hinterlaſſen zu haben und der auch augenblicklich in Erfüllung zuegehen ſcheint. Ich fragte mich, ob ich gewacht oder geträumt, als ich drei chriſtliche Kinder an der kaum erkalteten Leiche ihres Vaters ſich den finſtern Leidenſchaften der Habgier, des Neides und des Haſſes ſonder Scheu und Scham hingeben ſah.

Sie werden beleidigend, hüten Sie ſich! rief Gott⸗ liebe mit vor Wuth verzerrten Zügen.

Ich ſpreche für den Verblichenen, Frau Gräfin! ent⸗ gegnete Karoline mit feierlicher Stimme.Es iſt mir, als ob in ſeinen ſpitzen, entſtellten Zügen die Mahnung für mich läge, Ihnen zu ſagen, was, wenn er jetzt wieder erwachte, er Ihnen ſagen würde: Daß er ihm fluche, dem ſchnöden Mammon, den er durch achtzig Jahre voll Unruhe, Entſagung und Unſeligkeit angeſammelt, der ihm im Tode untreu geworden und der in den Herzen ſeiner Kinder nicht nur alle edlen Gefühle erſtickt, ſondern ihrem Betragen ſogar die Formen des Anſtands abgeſtreift habe!

Noch einmal, hüten Sie ſich! rief die Gräfin drohend.

Er hat Ihnen Millionen hinterlaſſen, fuhr Karo⸗ line ungeſtört fort,ſo viel hinterlaſſen, als tauſend Familien brauchten, um ſich eine ſichere und glückliche Exiſtenz zu begründen; und wie danken Sie ihm! Haben Sie an ſeinem Sterbelager und in ſeinem Sterbezimmer, ich will nicht ſagen Trauer und Thränen, denn das wäre gräßliche Lüge geweſen! haben Sie nur jene bewegte feierliche Miene gezeigt, welche auch der Ruchloſeſte meiſt

in Gegenwart des Todes zeigt? Haben Sie Ihren böſen

Leidenſchaften auch nur in ſo weit Zwang angelegt?

So gebiete Du ihr doch Schweigen! rief Gottliebe mit greller Stimme, indem ſie den Bruder, der auf Karoline wie auf eine Erſcheinung ſtarrte, am Arme packte.Sollen wir uns in unſerm Hauſe und von un⸗ ſerer Dienerin beſchimpfen laſſen?

Dienerin? wiederholte der Wüſtling, während er Karolinen, die hoch aufgerichtet, mit ſtolz zurückgeworfe⸗ nem Haupte und der Miene tiefer, edler Entrüſtung neben dem Leichnam ſtand, immer noch mit glühenden Augen verſchlang.Du biſt eine Närrin mit Deiner Dienerin! Dieſes ſtolze, kühne Mädchen iſt zur Herrſchaft geboren, und, bei meiner Ehre, zur Herrſchaft ſoll ſie gelangen!

Gottliebe hörte nicht weiter auf ihn. Zornentbrannt und außer Faſſung ſchritt ſie bis dicht vor Karoline, faßte ſie ungeſtüm am Arm und ſagte:Jetzt frag' ich Sie zum letzten Male, wollen Sie die Schlüſſel herausgeben? Ja, oder nein?

Biſt Du raſend? rief Karl, indem er Gottliebe unſanft bei Seite ſchob.Siehſt Du nicht, daß ſie unter meinem Schutze ſteht, daß 2

Halten Sie ein! unterbrach ihn Karoline gebiete⸗ riſch.Auch Sie ſind raſend. Die Raſerei ſcheint ſich aller Familienglieder bemächtigt zu haben. Und wenn meine Pflicht mich nicht bei dem hilfloſen, kranken Richard zurückhielte, ſo würde ich dieſes unglückſelige, fluchbela⸗ dene Haus noch in dieſer Stunde verlaſſen. Aber ich

darf es nicht. Ich werde meine Pflicht thun, ſo ſchwierig und ſchrecklich ſie ſein möge. Ich werde den unglück lichen Mißgeſtalteten beſchützen. Damit ich aber wenig⸗ ſtens den widerlichen, empörenden Scenen und perſönli⸗ chen Beleidigungen entgehe, werd' ich in Herrn Richards Namen den Herrn Rechtsanwalt zu ſeiner Vertretung herbeirufen. Und dann werd' ich nicht eine Sekunde länger zögern, die ſo ungeſtüm geforderten Schlüſſel in die Hände der Erben zu legen.

Sprach's und verließ ruhig und ungehindert das Zimmer; ſo ſehr imponirten ihre Beſonnenheit und Feſtig⸗ keit ſelbſt dieſen von den furchtbarſten Leidenſchaften aller Vernunft und alles Anſtandes beraubten Menſchen.

Sie traf den Rechtsanwalt im Garten. Trotz ihrer äußeren Ruhe und Faſſung war ſie doch innerlich aufge⸗ regt, empört. Sie lebte ſeit fünf Jahren in dieſer Fa⸗ milie. Sie kannte den ſittlichen Werth oder Unwerth jedes Familiengliedes, und war ſeit lange auf die heut eingetretene Kataſtrophe ſowohl, als auf unerquickliche leidenſchaftliche Scenen und Verhältniſſe, welche ſich aus derſelben entwickeln mußten, gefaßt. Aber von einer ſo tiefen Entſittlichung und Gemeinheit der beiden Ge⸗ ſchwiſter hatte ſie keine Ahnung gehabt, und ihre edle Natur war durch die grelle Entfaltung ſolcher Nichts⸗ würdigkeit tief erſchüttert und empört worden. Dieſe innere Aufregung aber bei der vollkommenen äußeren Faſſung und Beherrſchung verlieh ihrem ohnehin edlen Weſen etwas Majeſtätiſches, im höchſten Grade Im⸗ poſantes..

Wir haben den Eindruck beobachtet, welchen dies Weſen auf den blaſirten Wüſtling machte. Schon ſeit einem Jahre verfolgte er Karoline mit ſeinen Blicken. Aber bisher hatte ihn eigentlich nur die ſchöne Form an⸗ gezogen. Heut jedoch hatte ihm die ſittliche Macht in ihr imponirt; und dies war für ihn, den Sinnlichen, den Materialiſten, etwas Außerordentliches, Unbekanntes.

Daher war der Eindruck, welchen ſie heut auf ihn ge⸗

macht, ſo groß und überwältigend.

Aber auch dem Anwalt imponirte dieſes Weſen, als ſie jetzt vor ihn trat. Noch leuchtete feſte Entſchloſſen⸗ heit und edle Entrüſtung aus ihrem Auge, noch lag ein purpurner Hauch auf ihrer ſonſt bleichen Wange, ihre Bruſt wogte noch.

Was haben Sie mit Richard geſprochen? Was hat ihn ſo furchtbar aufgeregt und um alle Beſinnung ge⸗ bracht? fragte ſie haſtig.

Ich war im Begriff, dieſelbe Frage an Sie zu rich⸗ ten. Denn als ich bei ihm eintrat, fand ich ihn bereits in Wuth und Leidenſchaft.

Der Tod des Commerzienrathes iſt Ihnen bereits bekannt?.

Er iſt mir vor wenigen Minuten von Herrn Richärd's Diener bekannt gemacht worden.

Dieſer Tod hat in dieſem Hauſe entſetzliche Leiden⸗ ſchaften wach gerufen. Man könnte glauben, daß auf jedem Reichthum ein Fluch laſte der Fluch der Uner⸗ ſättlichkeit. Wer Viel hat, will Alles haben! Ich kann noch keine beſtimmte Anklage ausſprechen. Aber ich fürchte, es wird in dieſem Hauſe eine furchtbare Intrigue, ein entſetzlicher Betrug vorbereitet. Zum Opfer iſt der unglückliche Mißgeſtaltete auserſehen. Wachen Sie, wachen Sie mit mir. Wir wollen ihn ſchützen!

Dazu müßte ich eine Vollmacht, einen Auftrag wenigſtens, von Richard haben.

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