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ustrirtes Volks-
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Inhalt: Des Geldes Fluch. Novelle von Theodor König. Drittes Kapitel.— Die Kaiſerreiſe in ungarn. I.— Rückblicke auf die deutſche Vor⸗ zeit. Die letzte Fehde. Von A. Wulfert. I.— Volkswirthſchaftliche Skizzen. Von H. Schulze⸗Delitzſch. II. Das Eigenintereſſe.— Noch einmal Bad Liebenſtein.— Aus dem Weltleben.— Was beliebt: Die Coalition der Papierfabrikanten.— Philiſterium und Rentierthum in
Deutſchland.— Der atlantiſche Telegraph.— Die Elbzölle.— Béranger.
Des Geldes Fluch.
Novelle von Th
eodor König.
Drittes Rapitel.
Um Richards überſpannte Reden, ſowie ſein ſpäteres Benehmen klar und begreiflich zu machen, müſſen wir Ei⸗ niges nachholen.
Für's Erſte iſt zu bemerken, daß in ſehr natürlicher Folge ſeiner Mißgeſtaltung, Erziehung und Lebensweiſe eine Hinneigung zur Ueberſpanntheit ſo wie zu einer ſehr ſelbſtſüchtigen Moral in ſeinem Weſen lag.
Um ſein unglückſeliges Loos erträglich finden zu kön⸗
nen, ja, man könnte ſagen, um ſich vor Wahnſinn zu ſchützen, mußte er ſich ganz abſonderliche Ideen und Grund⸗ ſätze von menſchlicher Glückſeligkeit bilden. So pflegte er ohne Zögern oder Scheu zu behaupten, er ziehe den Zu⸗ ſtand ſeiner Verkrüppelung demjenigen einer Verarmung vor. Und ſo entſetzlich dieſe Behauptung klingt, und ſo ſehr diejenigen, gegen welche er ſie äußerte, ſich durch dieſelbe empört fühlten; faktiſch gaben ſie ihm Recht, d. h. ſie ſchmeichelten ihm, beneideten ihn, drangen ſich ihm auf trotz ſeiner Mißgeſtalt. Und ſo bildete er ſich auf ſehr natürliche Weiſe bald auch den entſprechenden Grundſatz: Geld behält immer Recht der Armuth gegenüber!
Er ſah, ſo oft er unter die Leute kam, daß faſt die
ganze Menſchheit anbetend vor dem goldenen Kalbe kniete
und Abgötterei trieb; wie hätte er, deſſen Vater mit dem
Götzen auf ſo gutem Fuße ſtand, ſich berufen fühlen ſol⸗ V len, an dem Sturze deſſelben zu arbeiten oder nur an ſei⸗ ner Allmacht zu zweifeln?
gewieſen.
Ferner hegte er den ganz modernen, eigentlich nich abſonderlichen, aber höchſt ſelbſtſüchtigen Grundſatz: Man darf Niemandem trauen; denn Jeder ſucht zu täuſchen und zu betrügen!— Er, der von Niemand geliebt wurde, der täglich und ſtündlich Trug und Falſchheit in ſeiner Familie entdeckte, der ſich bewußt war, ſeinem Vater und ſeinen Geſchwiſtern gleichſam ein Dorn im Auge zu ſein, war ja gewiſſermaßen auf Mißtrauen und Argwohn an⸗ Wenn aber das Mißtrauen, gleich der Eifer⸗ ſucht, ſich ſchon aus ſich ſelber zu ernähren vermag, ſo gedeiht es bis zur Ueppigkeit, wird ſo zu ſagen fett, wenn es, wie bei Richard, täglich und reichlich fremde Nahrung erhält. Daher traute er keinem Menſchen, nicht einmal Karolinen; ja, man könnte ſagen, er traute ſich ſelber, ſeinen Augen und ſeinem Verſtande nicht.
Nun traf es ſich, daß er an dem Tage, an welchem un⸗ ſere Geſchichte beginnt, wie wir ja wiſſen, ſeinen Vater um die Erlaubniß, ausfahren zu dürfen ſo wie um einiges Geld hatte bitten laſſen. Karoline, welche, wie in dergleichen Fällen immer, auch heut die Vermittlerin geſpielt hatte, überbrachte ihm nicht nur die Erlaubniß, ſondern auch die volle erbetene Summe, ein Fall, welcher, ſo weit ſich Richard erinnerte, kaum vier oder fünf Mal in ſeinem ganzen Leben eingetreten war. In allen übrigen Fällen war er ſtets nur mit der Hälfte deſſen, was er erbeten,
abgefunden worden.


