Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo man Zeit dazu hatte, alten Herkömmlichkeiten des alltäglichen und gewöhnlichen Ver⸗ kehrs vortreffliche Lehren darüber entgegenzuſetzen, was nicht mehr an der Zeit ſei. Man ſollte im Bewußtſein„überwundener Standpunkte“ abſolut geiſtreich ſein und mußte es ſich gefallen
z. B. vom Wetter ſprach. Das iſt heut vorüber; die Geiſtreichen und Tonangeber jener Zeit ſind kein„junges Deutſchland“ mehr, aber dafür praktiſche Männer, Familienväter, Nützlichkeits⸗ menſchen geworden. Man darf heut wieder vom Wetter ſprechen, natürlich das politiſche Wetter ausgenommen, deſſen Beſprechung wenigſtens misliebig iſt. Wir dürfen uns populär⸗ naturwiſſen⸗ ſchaftlich mit dem Einfluſſe der Clectricität auf Gewitterbildun⸗ gen beſchäftigen, nicht aber damit, wie z. B. in künſtlich gemach⸗ ten politiſchen Ferien die Electricität der öffentlichen Stimmung, des Nationalbewußtſeins und anderer Allotria ihren naturge⸗ mäßen Prozeß fortentwickelt. Auch das politiſche Wetter ſoll uns jetzt blos noch von oben kommen und kleine Gewitter werden da manchmal gerade fabrizirt, wie vom Phyſiker mit der Glectriſir⸗ maſchine in der friedlichen Studirſtube. Auch die vielbeſchriee⸗ nen Mazziniſchen Putſchverſuche in Italien ſcheinen ſich allmählig in ein derartiges künſtliches Wetterleuchten aufzulöſen. Natür⸗ lich nicht etwa, daß man mit dem Schrecken darüber auf den ehrbaren Bürger und Patrioten Frankreichs in Bezug auf die franzöſiſchen Nachwahlen einwirken wollte. franzöſiſche Inſpiration verſichert uns ja vielmehr, daß die vor⸗ treffliche Pariſer Polizei gerade damals alle Fäden bereits in Händen gehabt und ihren Fang bloß aus zarter Rückſicht auf die moraliſche Wahlfreiheit geheim gehalten habe. Auch nicht etwa, um mit der Flüchtlingsfrage und einem drohenden Anlaufe gegen das engliſche Aſylrecht, an welchem bekanntlich die Briten wie an einem Palladium hängen, eine neue Erkältung zwiſchen Frankreich und den Nachbarinſulanern herbeizuführen, für welche etwa in freundſchaftlichen ruſſiſchen Händedrücken die Ausglei⸗ chung zu finden wäre. Wer wagt an ſo etwas zu denken?
Das warme trockne Sommerwetter erzeugt ungehörige Ge⸗ danken! Das erkennt man auch an der entſetzlichen Ungeduld Deutſchlands in der däniſch⸗deutſchen Frage, deren wohl⸗ thuende Löſung doch erſt ſeit etwa anderthalb Jahren von Woche zu Woche verſprochen und nunmehr vorläufig blos auf ein Vierteljahr vertagt iſt. Als wenn die deutſchen Herzogthümer nicht auch noch ſo lang leiden könnten, nachdem ſie doch bisher mit ſo gutem Anſtand ihr Leid ertragen haben! Es kommt ja nicht auf Deutſchlands Ehre und Machtſtellung an, ſondern blos darauf, vor Europa die bezweifelte Langmuth und Mäßigung zu erhärten. Baiern hat auch noch überdies das Verdienſt, die Conſequenzen dieſer Nicht⸗Ueberſtürzung zuerſt zu ziehen: es verbietet ſoeben die freiwilligen Sammlungen für die ſeit bloß fünf Jahre von Haus und Hof vertriebenen Beamten Schleswig⸗ Holſteins„aus politiſch⸗polizeilichen Gründen.“ Vielleicht hat das Miniſterium Pfordten die Genugthuung auch nach dieſer Seite„Deutſchlands Einheit und Machtſtellung“ anzubahnen. Man wende doch den Blick von dieſen Kummergeſtalten, welche die Tilgung einer Ehrenſchuld ihres„Geſammtvaterlandes“ er⸗ warten! Man blicke doch lieber auf das freudige Ereigniß, daß ſoeben zum erſtenmal Baierns König zum Inhaber eines ruſſichen Regiments ernannt wurde und zum erſtenmal Rußlands Kaiſer zum Chef eines bairiſchen Reiterregiments. Man bethätige doch den nationalen Patriotismus dadurch, daß man den nationalen Barden von Pfaffenhofen für Deutſchlands größten Dichter aner⸗ kennt, anſtatt ihn wie überall bei ſeinen Sängerfahrten auszu⸗
Aus dem Weltleben.
laſſen, für altmodiſch und dumm gehalten zu werden, wenn man
Gott bewahre, die
lachen, anſtatt wie in Magdeburg und Hamburg die Empörung über die Speculation auf eine bewußte Entwürdigung deutſchen Dichterberufs mit lärmenden Demonſtrationen, oder wiein Frank⸗ furt, mit ſchweigender, aber tiefſter Verachtung kundzugeben. Im eigenen Vaterlande darf Bacherl unſere Begriffe von Dichtern und Dichterberuf lächerlich machen, in Paris darf eine zuſammen⸗ geraffte Komödiantengeſellſchaft unſere nationaldramatiſche Kunſt dem Gelächter des Auslandes Preis geben. Das Alles iſt ja höchſt komiſch für unſer Nationalgefühl! Man lache doch, lache in dieſer heitern Zeit, aber— denke nicht!
Wir ſind faſt unwillkührlich bitter geworden; ein Feuille⸗ toniſt ſoll aber das Leben heiter anſchauen. Der Sonnenſchein und der ſchimmernde Wiederſchein eines buntbewegten Welttrei⸗ bens wäre ſchon dafür vorhanden; jedoch die düſtern Wolken⸗ wände kommender Trübſal lauern ebenfalls am Horizont. Er⸗ ſchreckend leuchten maſſenhafte Feuersbrünſte an der Moſel, in der Mark und Pommern, ſelbſt in Thüringen und aus den rhei⸗ ſchen Departements Frankreichs in den Ernteſegen herein. Noch erſchreckender ſchweben wenigſtens über vielen die düſtern Ge⸗. rüchte von abſichtlicher Brandlegung. Umſonſt fragt man nach dem Warum, und damit wächſt die Unheimlichkeit des Ein⸗ drucks. Zugleich melden aus dem europäiſchen Oſten bange Nachrichten vom weiteren Vordringen, aus der aſiatiſchen Tür⸗ kei vom furchtbaren Wüthen der Choleraſeuche. Und auch in unſern Landbreiten hat der unerbittliche Tod manchen ſchweren Verluſt herbeigeführt. Béranger, der ſchweizer Statiſtiker Frans⸗ cini, der tüchtige Gießener Theolog Credner, der Phyſiker Kaſt⸗ ner in Erlangen, der dramatiſche Künſtler Lußberger, der fran⸗ zöſiſche Paläontolog d'Orbigny, der Wiener Maler Raffelt, der bekannte griechiſche Diplomat C. Skinas ſind ſämmtlich im Juli geſtorben, während Mai und Juni verhältnißmäßig wenig Opfer von allgemeinerem Intereſſe forderten.
Was namentlich Béranger für Frankreich war, iſt bekannt. Doch über der nationalen Größe des Nachbarlandes dürfen wir die künſtleriſche Tüchtigkeit des Vaterlandes nicht überſehen. Eine ſolche war J. Lußberger auf dem an Künſtlern echten Styls immer mehr verarmenden dramatiſchen Gebiet. Wie aber momentan die Dinge geſtellt ſind, wird es ſchwer ſein, ihm einen ebenbürtigen Nachfolger nicht etwa bloß auf dem Wiener Hof⸗ burgtheater, ſondern in der deutſchen Theaterwelt überhaupt folgen zu laſſen. Immer ärmer an dramatiſcher Production geworden, verwaiſt unſere Bühne auch immer mehr an produc⸗ tiven Darſtellern. Schon ſpekulirt nur der ferne Weſten, zu welchem ſo viel Hunderttauſende materiell productiver Kräfte unſeres Vaterlandes hinziehen, auf die moderne Sucht der alten Welt nach berauſchendem Sinnenkitzel. Reclame folgt der Re⸗ clame in den Newyorker Blättern für eine Monſtre⸗Kunſtreiter⸗ geſellſchaft, welche von dort nach Europa abgeſegelt ſei zu einer dreijährigen Kunſtreiſe. 25 Fourgons von 40 Iſabellen gezo⸗ gen, ſollen unter Leitung eines einzigen Aufſehers durch die Straßen der bewundernden Hauptſtädte Deutſchlands rollen und Alt und Jung nach dem Circus locken, in welchem indianiſche Kriegstänze einen ſtehenden Theil des Programms bilden u. ſ. w. Alle Kunſt der alten Welt ſoll dieſer Gauklergabe des transat⸗ lantiſchen Weſtens weichen. Verſtummen ſollen Konzerte und Theater, wiſſenſchaftliche Vorträge und ſelbſt Franz Bacherl vor dem amerikaniſchen Pferdegetrappel und Indianergeſchrei. Aber noch ſind dieſe Weltwunder nicht angelangt, obgleich ſie angeb⸗ lich bereits im März drüben abſegelten. Vielleicht war's auch nur ein transatlantiſcher Puff! Deutſche Zeitungen haben ihn eifrigſt nachgeſchrieben.
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig.


