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übergenöthigt haben. Die heidniſchen Schwarzen erſchienen Barth überall harmlos, friedlich und heiter, aber ſie finden ſich nur in loſen Verbänden und der Islam, indem er dieſe friedlichen Völker erobert und unterjocht, zerſtört unſtreitig unendlich viel Glück, er gründet aber— und das iſt ſein geſchichtlicher Vorzug— größere Staatsganze.
Weiterhin tritt Barth in das große Reich der Fulbe (Pullos, Fellanis) ein, dem ſowohl Katſena als Kano ange⸗ hören, das aber erſt ſeit etwa 50 Jahren in dieſen Gegen⸗ den begründet iſt. Katſena leiſtete dieſen merkwürdigen Fanatikern, die, urſprünglich ein Volk von Rinderhirten, unter Anführung eines religiöſen Reformators ſiegreich vom Weſten her nach Oſt und Nord vordrangen, einen hartnäcki⸗ gen Widerſtand, der ihm ſeine ganze Blüthe und Bedeutung koſtete. Katſena war im Lauf des 17. und 18. Jahrhun⸗ derts in commerzieller wie in politiſcher Beziehung die erſte Stadt in dieſem Theile Sudans; die durch den Verkehr mit den Arabern hervorgerufene Civiliſation ſcheint hier ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Seit der Eroberung durch die Fulbe gerieth die Stadt in raſchen Verfall und alle be⸗ deutenderen ausländiſchen Kaufleute ſiedelten nach Kano über, welches ſich der Herrſchaft der Fulbe ohne Widerſtand gefügt hatte. Die Nachbarſchaft der oben genannten unab⸗ hängigen Hauſſa⸗Staaten läßt den Kampf zwiſchen beiden Volkselementen hier nicht zur Ruhe kommen und darunter leidet die Bedeutung der Stadt fortwährend. Sie hat kaum noch 8000 Einwohner. Und doch iſt die Provinz Katſena eine der ſchönſten im ganzen Sudan; auf der Waſſerſcheide zwiſchen dem ſog. Niger und dem Baſſin des Tſad gelegen, hat ſie eine geſündere Luft als die meiſten andern Gegenden des tropiſchen Afrika.
Um ſo bedeutender iſt Kano, wahrhaft das afrikaniſche London, ungemein rührig und lebendig, ein commerzieller und induſtrieller Mittelpunkt, den höchſten Luxus und das tiefſte Elend, zugleich eine bunte Mannigfaltigkeit von Nationen und Völkertypen aufweiſend. Es iſt nach der Einnahme Katſenas durch die Fulbe vollſtändig an die Stelle dieſes großen Entrepots von Centralſudan getreten. Barth ſchätzt die Bevölkerung auf 30,000. Der Haupthandel von Kano beſteht in einheimiſchen Fabrikaten, beſonders in Baum⸗ wollenzeugen, die in der Stadt ſelbſt oder in den umherlie⸗ genden kleinen Ortſchaften der Provinz aus einheimiſcher Baumwolle gewebt und mit ſelbſtgezogenem Indigo gefärbt werden. Handel und Manufaktur gehn hier Hand in Hand und faſt jede Familie hat ihren Antheil daran. Die Fabri⸗ kate von Kano gehen im Norden bis Murſuk und Rhat, ja bis Tripoli, ſie erreichen im Weſten nicht bloß Timbuktu, ſondern ſelbſt die Küſte des atlantiſchen Ozeans, gegen Oſten verbreiten ſie ſich über ganz Bornu. Es iſt gewiß eine merk⸗ würdige, in Europa kaum für möglich gehaltene Thatſache, daß dieſer centralafrikaniſche Barbarenſtaat mit ſeinen Baum⸗ wollenfabrikaten in Murſuk, Tripoli, Timbuktu und an den Küſten des atlantiſchen Meeres glücklich mit England konkur⸗ rirt. Barth ſchlägt die jährliche Geſammtausfuhr Kano's an Baumwollenmanufakten auf 300 Mill. Kurdi an. Ueber⸗ dieß iſt die Provinz eine der fruchtbarſten der Welt; ſie hat Korn im Ueberfluß und die herrlichſten Weidegründe.„Be⸗ denken wir,“ ſagt Barth,„daß ihre Gewerbthätigkeit nicht wie in Europa in ungeheuren Fabriken betrieben wird und den Menſchen zur niedrigſten Stellung herabdrückt, ſondern daß jede Familie dazu beiträgt ohne ihr Privatleben aufzu⸗ opfern, ſo dürfen wir wohl ſchließen, daß Kano eines der glücklichſten Länder der Welt ſein müſſe.“ Freilich umfaßt die kommerzielle Thätigkeit Kano's auch den Sklavenhandel,
und Barth glaubt, daß jährlich etwa 5000 Sklaven ausgeführt und außerdem viele in einheimiſche Sklaverei verkauft werden mögen.— Europäiſche Waaren, und zwar engliſcher Kattun, franzöſiſche Seide, rothes Tuch aus Livorno und Sachſen, Glasperlen von Venedig, Nürnberger Waaren, Schwertklin⸗ gen aus Solingen und Raſirmeſſer aus Steiermark, gehen bisjetzt nur auf der nördlichen Straße nach Kano, während es Englands Intereſſe wäre, vor Allem den Kuara für regel⸗ mäßige Handelsbeziehungen zu eröffnen, den es bis jetzt nur entdeckt zu haben ſcheint, um ihn ſofort den Braſilianern zu überlaſſen, die amerikaniſche Waaren hier einführen und— Sklaven dafür zurücknehmen.
Von Kano, welches unter einem Pullo⸗Statthalter ſteht, gelangt Barth in den unabhängigen und alten Staat Bornu, deſſen Geſchichte in einem eigenen Abſchnitte umſtändlich ab⸗ gehandelt wird. Sie läßt ſich mit ziemlicher Sicherheit bis in das neunte Jahrhundert unſerer Zeitrechnung zurückver⸗ folgen. Der Staat iſt berberiſchen Urſprungs; am Ende des elften Jahrhunderts wurde der Islam eingeführt und durch ihn kam eine neue Dynaſtie auf den Thron. Die höchſte Blüthe erreichte der Staat im dreizehnten Jahr⸗ hundert. Gegen Ende des ſechzehnten Jahrhunderts erhob er ſich wieder aus einer langen Periode des Verfalls. In den letzten Jahrzehnten iſt er durch Revolutionen zerrüttet worden, die einen Wechſel der Dynaſtie mit ſich brachten. Es muß ſich aber erſt zeigen, ob die neue Dynaſtie im Stande ſein wird, eine neue Blüthe über das Land heraufzuführen.
Die jetzige Hauptſtadt von Bornu und Reſidenz des Scheich iſt Kukaua, nahe am Tſadſee, mit ſehr belebtem Marktverkehr, über welche, da ſie einen Mittelpunkt für die Expeditionen Barth's und Overweg's bildet, in den ſpäteren Bänden noch vielfach die Rede ſein wird.
Die Straße von Kukaua nach Yola führt zunächſt durch einen ſtrittigen, großentheils von Heiden bewohnten Grenz⸗ bezirk. Hier wohnt das Volk der Marghi, das in ſeiner körperlichen Erſcheinung und durch ſeinen Charakter einen ſehr günſtigen Eindruck auf unſern Landsmann hervorbrachte. Dieſe Unglücklichen ſind als Heiden fortwährenden Sklaven⸗ jagden von Seiten ihrer gläubigen Nachbarn in Nord und Süd ausgeſetzt.
Weiter ſüdlich erſcheint dann Adamaua, ein Staat der Fulbe, über deren geſchichtliche und ethnographiſche Verhält⸗ niſſe uns für die nächſten Bände noch eine genauere Aus⸗ kunft verſprochen wird. Der Staat, wie ſein Name, iſt neu; er verdankt Namen und Urſprung dem Vater des ge⸗ genwärtigen Statthalters, Mallem Adama; der alte heid⸗ niſche Name iſt Fumbina. Die Hauptſtadt Yola iſt eine ganz neue Anſiedelung. Barth ſchätzt ihre Einwohnerzahl auf etwa 12,000. Sklaverei beſteht hier im größten Maß⸗ ſtabe; es giebt Privatleute, die mehr als 1000 Sklaven be⸗ ſitzen. Leider war es unſerm unerſchrockenen Landsmanne nicht vergönnt, hier lange zu verweilen, ſo daß er uns nur weniges und Unvollſtändiges über den Ort und die Provinz mittheilen kann.
Dieſe kurze Skizzirung des reichen Inhalts des zweiten Bandes wird bei aller Mangelhaftigkeit hinreichen, unſern Leſern die Vorſtellung beizubringen, daß Barth in demſelben einen ſehr genauen Einblick in die politiſchen, ethnographi⸗ ſchen, wirthſchaftlichen und geſchichtlichen Verhältniſſe Cen⸗ tralafrikas vermittelt, ſo daß dieſe Länder fortan nicht mehr
mit einem dichten, undurchdringlichen Schleier für uns be⸗
deckt ſind, ſondern eine beſtimmte, faßbare Geſtalt gewinnen und in den Kreis unſerer Weltkenntniß eingefügt ſind.


