Jahrgang 
1857
Seite
392
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kerungen bewohnte Grenzprovinz Marghi. Nachdem dieſe ziemlich unſichere Provinz durchwandert war, betrat Barth Adamaua, ein mohammedaniſches Königreich, auf eine man⸗ nigfaltige Reihe heidniſcher Stämme aufgepfropft, die Ero⸗ berung des kühnen und fanatiſchen Pullo⸗(Fulb⸗) Häupt⸗ lings Adama über das große heidniſche Königreich Fumbina. Die Landſchaft nahm einen bergigen Charakter an, dann, als man ſich der Hauptſtadt Yola näherte, wechſelte Wal⸗ dung mit bebautem Lande ab, eine Abdachung nach Süden machte ſich bemerklich, Alles zeigte an, daß man der großen Ader des Landes näher kam. Endlich am 18. Juni 1851 ſollte der Fluß erreicht werden, nach welchem Barth ſo viel⸗ fach geforſcht, von dem er ſo Vieles gehört und nach dem er ſo begierig Verlangen getragen hatte. Die Nähe der ge⸗ waltigen Waſſerader wurde zuerſt angezeigt durch eine große Menge hoher Ameiſenhügel, die in der Nachbarſchaft von Flüſſen vorwiegen und hier großartige ſyſtematiſche Bau⸗ werke oder vielmehr ganze Ketten von Bauwerken bilden. Südweſtlich trat das Gebirg Alantika hervor. Dann gings über eine ſumpfige Ebene, die Savanne von Fumbina und eine Viertelſtunde⸗ſpäter ſtand Barth am Ufer des Benue.

Er fand ſeine lebhafteſte Erwartung weit übertroffen. Er hatte, ohne irgend eine Ahnung davon zu haben, den Fluß gerade an der intereſſanteſten Stelle berührt, da nämlich, wo derſelbe einen andern, ebenfalls von bedeutender Größe, den Faro, in ſich aufnimmt. Von ſtummem Entzücken er⸗ griffen ſchaute er ſprachlos über den gewaltigen Strom in die reiche Landſchaft hinein, ein Feld der Thätigkeit für kom⸗ mende Geſchlechter. Der Benue oder Benoë(wörtlich die Mutter der Gewäſſer alſo eigentlich die Benue) floß von Oſt nach Weſt, in majeſtätiſcher Breite, durch ein vollkom⸗ men offenes Land, auf dem nur hier und da vereinzelte Berghöhen aufſtiegen. Die gegenwärtigen Ufer ſtiegen bis 25, ja 30 Fuß in die Höhe, während gegenüber, hinter einer Sandſpitze, der Faro hervorſtürzte und nicht viel kleiner ſchien als der Hauptfluß ſelbſt, wie er in ſchön gewundenem Laufe von Südoſt kam, vom ſteilen öſtlichen Fuß des Alan⸗ tika. Der ſo gebildete Doppelſtrom hielt ſich unterhalb des Zuſammenfluſſes in der Hauptrichtung des größeren Fluſſes, machte aber eine leichte Biegung nach Norden und floß am nördlichen Fuß des Berges Bagele entlang. Hier war er dem leiblichen Auge verloren; das geiſtige Auge aber ver⸗ folgte den Lauf des ſchönen Stromes durch die Gebirgsland⸗ ſchaft der Batſchama und Sina nach Hamarrua und von dort längs der Ufer des über ſeine Nachbarn durch einſtige politiſche Bedeutung und einen gewiſſen Grad von Induſtrie hervorragenden Karorofa, bis er den großen weſtlichen Strom erreicht, den von den älteſten Sitzen der Mandingos oder Wankore aus, nur wenige hundert Meilen nördlich von der Küſte von Guinea, in weitgeſchwungenem, bogenförmigen Laufe mit einer Länge von mehr als 2000(engl.) Meilen an ſo vielen Stätten lebendigen Handelsverkehrs vorüber⸗ fließenden Djoliba, Iſſa oder Kuara, mit dem vereint er dem Alles verſchlingenden Ocean zueilt. Man ſieht, Barth iſt hier in dem Mittelpunkt ſeiner Forſchungen angelangt, bei der Aufhellung des ungeheuren, das geſammte Centralafrika faſt in ſeiner ganzen Breite umfaſſenden Stromgebietes des fälſchlich ſogenannten Niger, über den noch vor Kurzem die europäiſche Geographie völlig im Dunkeln tappte. Jetzt war die feſte Hoffnung begründet, daß längs dieſer Natur⸗ ſtraße europäiſcher Handel und Einfluß in das Innere die⸗ ſes Continents eindringen werde. Bereis im Jahre 1854, drei Jahre nachdem Barth ſeine Entdeckung gemacht und nach England berichtet hatte, drang Baikies vom Ocean aus

auf einem Dampfboot den Kuara und Benue hinauf bis unfern der Stelle, wo Barth den letztern Fluß überſchritten hatte, bis in die Nähe von Yola.

Die Ueberfahrt wurde in einem kleinen, ſehr kunſtloſen Kahne vollbracht; Pferde und Kameele mußten daneben her⸗ ſchwimmen. Der Fluß war da, wo er paſſirt wurde, nach Barths Schätzung wenigſtens 1200 Schritt breit und im Strome durchſchnittlich 11 Fuß tief; er mußte aber, nach vorhandenen Anzeichen, noch 30, ja 50 Fuß ſteigen. Hier⸗ auf mußte auch noch der Faro überſchritten werden. Barth fand ihn bei ſeiner Ausmündung in den Benue ungefähr 900 Schritt breit, aber im Allgemeinen nicht über 2 Fuß tief. Sein Waſſer war reißender als das des Benue. Nach der Angabe der Eingebornen kommt der Faro vom Berge Labul, etwa 7 Tagemärſche im Süden.

So hohe Befriedigung dieſe wichtige Entdeckung unſe⸗ rem Reiſenden gewähren mußte, ſo wenig erfreulich waren ſeine Erlebniſſe in Yola, das nach Ueberſchreitung des Stro⸗ mes in zwei Märſchen erreicht wurde. Die Aufnahme, welche Barth beim Herrn von Adamaua fand, war eine durchaus ungünſtige, wie es ſcheint, zum Theil deshalb, weil der Be⸗ gleiter, den der Scheich von Bornu unſerm Landsmann mit⸗ gegeben hatte, ohne Wiſſen Barths zugleich den Auftrag er⸗ halten hatte, in Adamaua gewiſſe ſtaatliche Rechtsanſprüche geltend zu machen. Der aufgebrachte Statthalter ſandte Barth ſammt ſeinen Geſchenken in ſein Quartier zurück. Ein paar Tage darauf kam die höfliche Botſchaft, der Fremde ſei gebeten zurückzukehren, woher er gekommen. Dieſe Bitte verwandelte ſich indeſſen raſch in einen ſehr poſitiven Aus⸗ weiſungsbefehl, als Barth das ihm überſandte Geſchenk des Statthalters unter dieſen Umſtänden ablehnen und das er⸗ wartete Gegengeſchenk verweigern zu müſſen glaubte. Schon am 24. Juni mußte Barth Yola wieder verlaſſen. Körper⸗ lich leidend und durch die ſchnelle Zurückſendung verſtimmt, kehrte er ſo ziemlich auf demſelben Wege nach Kukaua zurück, wo er am 24. Juli, nach einigen Abenteuern unterwegs, ankam und die erwarteten Waaren im Werth von 100 Pfd. St. antraf. Seine Aufnahme war hier die beſte. Der Vezier bewies ſich ihm durchaus freundlich und geneigt und ſicherte ihm jede Unterſtützung für den Verſuch, den Tſadſee zu erforſchen, zu. Dadurch wieder erheitert, faßte er den Bericht an die engliſche Regierung über ſeine Entdeckung des Benue ab, der ihm die Gunſt Palmerſtons erwarb und dieſen beſtimmte, unſerm deutſchen Landsmann die von Richardſon bekleidete Miſſion zu übertragen. Mit der Rückkehr Barths von Adamaua nach Kukaua ſchließt der zweite Band.

Schon dieſe flüchtige Skizze der in dem zweiten Bande niedergelegten äußeren Erlebniſſe unſeres Reiſenden läßt ahnen, daß ſein Inhalt reicher und bedeutender iſt als der des erſten. Es handelt ſich hier nicht mehr um eine Reiſe durch die Wüſte, ſondern um ein reiches, zwar zerriſſenes, aber lebensvolles Völkerweſen, um große Staaten und fruchtbare, wohl angebaute, freilich durch häuſig wiederkehrende Kriege nur allzuoft der Verwüſtung unterliegende Provinzen, um bedeutende Städte, die Sitze lebhaften Handels und zum Theil ſogar einer regen Induſtrie mit großem Abſatzgebiete. Beim Austritt aus der Landſchaft Damerghu, welche noch zum Lande Air oder Asbu gehört, ſind es zunächſt einige unabhängige, meiſt noch heidniſche Hauſſa⸗Provinzen, die unſer Reiſender zwar nur flüchtig kennen lernt, indem er an ihrer Grenze hinwandert; Mariadi mit den Diſtrikten Gober und Teſſaua, ſchwer bedrängt von Süden her durch die Pullos oder Fulbe, welche den größten Theil der Hauſſa⸗ Völker ihrer Herrſchaft unterworfen und ſie zum Islam her⸗

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