Jahrgang 
1857
Seite
391
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die Grenze eines neuen Staates zu überſchreiten: unſer Rei⸗ ſender verließ das Reich der Fulbe oder Fellani, um in das

: 1 2 ¹ cr 1 c. 221,1. Reich Bornu überzutreten, in deſſen Hauptſtadt ſich die drei

Gefährten wieder zuſammenfinden ſollten; aus dem Land der großentheils von den Fulben beherrſchten heitern und fleißigen Hauſſa⸗Bevölkerung kam er nun in das Land der politiſch un⸗

abhängigen, mit einer inhaltreichen politiſchen Geſchichte aus⸗ geſtatteten, aber melancholiſchen, gedrückten und rohen Ka nori⸗Bevölkerung. In Gummel, wenige Tagereiſen von Kano, wurde Barth durch Briefe aus Europa, die ihm ein⸗ gehändigt wurden, freudig überraſcht. Wir mögen uns vor⸗ ſtellen, wie aufrichtend ein ſolches Ereigniß auf einen Mann in der Lage Barths, in weiter Ferne, unter Barbaren und

in ſchwerer pekuniärer Bedrängniß, wirken mochte. Doch

wollen wir Barths Worte ſelbſt herſetzen, nachdem er der Briefe aus England, Berlin, von Ritter Bunſen u. ſ. w., der Verſicherungen der Theilnahme in Europa Erwähnung gethan.Alle dieſe Beweiſe der Liebe, Freundſchaft und Achtung machten einen tiefen Eindruck auf mich und regten mich lebendig an; aber doch war noch etwas Materielleres bei den Briefen, das mich, da es wunderbar zu meinen Ver⸗ hältniſſen paßte, wenigſtens im Augenblicknoch tiefer berührte. Ich war nämlich gänzlich ohne Geldmittel und da mein von Kano mitgenommener kleiner Vorrath von Muſchelgeld faſt ganz ausgegeben war, um mein Quartier herzurichten, meine Führer zu bezahlen und Machmud abzulohnen, der ſich als zum Dienſt untauglich erwieſen hatte ſo war mir faſt nichts übrig geblieben, um auch nur meine geringen Bedürf⸗ niſſe bis Kukaua beſtreiten zu können. Wie froh war ich daher, als ich in Herrn Gagliuffi's(des engliſchen Conſuls in Murſuk) Brief ganz unerwartet zwei ſpaniſche Thaler fand, die er mir ſandte, um einen kleinen Irrthum in meiner

Rechnung auszugleichen zwei ſpaniſche Th aler! Es war das einzige gangbare Geld, das ich damals hatte und deshalb waren mir dieſe zwei Thaler im Augenblick gewiß mehr werth als ebenſoviel hundert Thaler zu einer andern

Zeit. Auch die nahe Ankunft von Waaren im Werth von

100 Pfd. St. für die Zwecke der Expedition wurde aviſirt.

Ohne hinreichende Bedeckung, die zu theuer geweſen wäre, ſetzte Barth von Gummel ſeine Reiſe durch ein unſiche⸗ res, oft von Räubern heimgeſuchtes Land nach Kukaua fort.

Er mochte ungefähr die Hälfte des Weges zwiſchen Kano als er die erſte Kunde von

und Kukaua zurückgelegt haben, einem für das weitere Schickſal der Expedition wichtigen Ereigniſſe erhielt, die Kunde von dem inzwiſchen erfolgten Tode Richardſon's, des Chefs der Expedition. Ein Araber aus Marokko, der von Kukaua nach Sokoto reiſte, gab Barth dieſe Nachricht mit Einzelheiten, welche wenig Zweifel an der Wahrheit geſtatteten. nach wenigen Tagen gelangte er in die Nähe des herwärts von Kukaua gelegenen Ortes Nghurutua, wo Richardſon geſtorben war und begraben lag. Er fand die Grabſtätte mit Gefühl unter einer ſchönen Sykomore gewählt; man hatte ſie mit Dornenbüſchen wohl beſchützt und ſie ſchien unverſehrt. Die Einwohner betrachteten das Grab mit einer Art Verehrung. Der Todesfall hatte in der Umge⸗ gend großes Aufſehen gemacht. Richardſon war am 28. Fe⸗ bruar in geſchwächtem Zuſtand angekommen und ſchon am nächſten Morgen verſchieden. Barth ſorgte an Ort und Stelle für die Bewahrung des Grabes und beredete nachher den Vezier von Bornu, es durch eine ſtärkere Einfriedigung ſichern zu laſſen.

Die Aufnahme in Bornureiches, Kukaua, wo Barth am 2. April 1851 eintraf,

Er beſchleunigte ſeine Reiſe und

der Hauptſtadt und Reſidenz des

Der Vezier Hadji⸗Beſchir, ein biede⸗ rer, offener Mann, machte den beſten Eindruck auf unſern Landsmann, der innig mit ihm befreundet wurde. Er fand eine für die europäiſche Reiſegeſellſchaft eingerichtete Woh⸗ nung vor. Seine Ankunft wurde dem Fürſten(Scheich) ſogleich gemeldet. Aber ohne Zögern ſtellten ſich auch Un⸗ annehmlichkeiten ein. Das ganze in Richardſons Begleitung befindliche Perſonal der Geſandtſchaft fand ſich ein und ver langte Bezahlung von Barth, der von den Effekten des Ver⸗ ſtorbenen noch gar keine Kenntniß hatte. Man wußte nur, daß ſie in völlig ungeordnetem Zuſtande dem Vezier über⸗ geben worden ſeien. Ohne Mittel, von Dienern, die zu Gläubigern geworden waren, verfolgt und gepeinigt, unge⸗ wiß ob die britiſche Regierung nach dem Tode Richardſons noch irgend ein Opfer für die Fortführung des Unterneh⸗ mens bringen wollte, mußte Barth gewiß mit Beſcheiden⸗ V heit vor die Großen in Bornn treten, von denen er ſich für V

war die freundlichſte.

die nächſte Zeit in jeder Beziehung abhängig fühlte; und doch ſah er recht gut, daß er es auch an Feſtigkeit nicht feh⸗ len laſſen dürfe, um die Sachen Richardſons zurückzuerhalten. Dieſe Feſtigkeit war allerdings nothwendig und ſie bewährte ſich vollſtändig. Ein Theil der Effekten war bereits ver⸗ V kauft, ein anderer Theil war auf die Erklärung des Dienſt⸗

perſonals hin, daß er zu Geſchenken für den Vezier und den Scheich beſtimmt ſei, von dieſen zurückbehalten worden. Barth erwirkte die Zurückſtellung ſämmtlicher Sachen mit einziger Ausnahme von Richardſons Uhr, von welcher ſich der Vezier unmöglich trennen konnte, und wußte ſich über⸗ haupt, trotz ſeiner Mittelloſigkeit, mit dem Vezier bald auf den freundſchaftlichſten Fuß zu ſtellen, ſo daß er ſich unge ſtört den eingehendſten Studien über die Geſchichte des Staates Bornu und über die Verhältniſſe der umliegenden Länder hingeben konnte. Der Vezier lieh ihm gegen An⸗ weiſungen auf Murſuk die nöthigen Summen, um das ganze Geſandtſchaftsperſonal abzulohnen.

Die geſchichtlichen und ethnographiſchen Studien, in denen ſich Barth durch den Verkehr mit gelehrten Männern verſchiedenen Stammes, die er in Kukaua traf, weſentlich ge⸗ fördert ſah, unterbrach er nur, um einen Ausflug an den nahen Tſadſee zu machen, jenes große centralafrikaniſche Becken, von welchem man bisher in Europa glaubte, daß es entweder einen Ausfluß haben oder Salzwaſſer enthalten müſſe, während die Forſchungen Barths und beſonders DOverwegs erwieſen haben, daß es keinen Ausfluß hat und mit ſüßem Waſſer angefüllt iſt. Inzwiſchen traf auch Over⸗ weg, vom Klima bereits ſehr angegriffen und geſchwächt, in Kukaua ein. Beide zuſammen hielten nun dem Scheich und ſeinem Vezier gegenüber den Charakter der Miſſion auf⸗ recht, die Hinterlaſſenſchaft Richardſons wurde ihnen bis auf jene Taſchenuhr, die zu ignoriren ſie für gut fanden, ausge⸗ folgt. Auch wegen eines Handelsvertrags wurden Unter⸗ handlungen gepflogen, ſie mußten ſich indeſſen überzeugen,

daß die Araber, welche jetzt faſt den ganzen Handel in dieſen Gegenden in Händen, von einem freien Zutritt der Euro⸗ päer in Sudan ſomit die größten Nachtheile zu befürchten haben, ihnen mit Intriguen in den Weg traten. Sodann, am 29. Mai machte ſich Barth, unter Zurücklaſſung Over⸗ wegs, nach dem Süden, nach Adamaua auf, in der ſichern Hoffnung den in den Meerbuſen von Benin mündenden großen Strom als eine in das Innere von Sudan führende Verkehrsſtraße aufzuweiſen.

Wenige Tagereiſen von Kukaua führte der Weg aus dem Gebiet des Bornureiches in eine zwiſchen dieſem und dem Adamauggebiete ſtreitige, meiſt von heidniſchen Bevöl⸗