Jahrgang 
1857
Seite
388
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gegen die Todesſchwäche erweiſen ſich faſt in allen Fällen einige Löffel Bordeauxwein wenigſtens ſo lange am wirk⸗ ſamſten, bis der Arzt herbeigerufen iſt. In keinem Fall aber iſt auch nur ein Moment zu verſäumen, damit dies ge⸗ ſchehe. Der Tod könnte jetzt ſehr leicht raſcher ſchreiten, als der unſchlüſſige Menſch, ein unpaſſend angewendetes Mittel würde ihn aber noch beſchleunigen.

Wir ſtehen in den Momenten der peinlichſten Erwartung, der höchſten Beſorgniß um den geliebten Kranken. Und dieſe Momente dauern, wie bereits erwähnt, oftmals ohne Unterbrechung eine volle Woche, ohne daß irgend ein Symp⸗ tom auf Beſſerung hindeutet. Vielmehr ſcheint die Lebens⸗ kraft der in allen edlen Organen ſtürmenden Krankheit nur immer ſchwächeren Widerſtand zu bieten. Dabei ſind hier eine Menge objectiver Symptome dieſer Periode, welche eben bloß der Arzt vollkommen zu würdigen verſteht, mit Abſicht unerwähnt gelaſſen(Puls und Herzſchlag, Beſchaffenheit der Ausleerungen, Zuſtand der Athmungsorgane, Milz⸗ und Leberanſchwellungen ꝛc.), um die Hauptzüge des Bildes für den Laien nicht zu verwirren. Der Krankenpfleger hat jetzt eine unſäglich ſchwere Zeit, deſto ſchwerer, je näher er be⸗ theiligt iſt! Und leider ſiegt jetzt ſehr häufig die Krankheit über den Widerſtand des Körpers, das Leben verliſcht in Schwäche oder unter convulſiviſchen Zuckungen....

Der unmittelbarſte, wenn auch nur ein ſchwacher Troſt iſt dann, daß der Kranke von ſeinen Leiden ebenſowenig, wie vom Schmerze des Scheidens aus dem Leben und von den Lieben gefühlt hat. Aber wenn ein gütiges Geſchick es anders wendet, wenn auf der Krankheitshöhe zuerſt ein kurzer, ſanfter Schlummer, dann längerer, geſunder Schlaf erfolgt, ſo nimmt die Krankheit ebenſo ab, wie vorher zu. Die trockene Hitze der Haut verliert ſich im Verlauf einiger Tage, Bläſſe und Feuchtigkeit überzieht den Körper allmälig, Schweiße folgen. Aus dem häufigen Schlaf erwacht der Kranke mit freierem Bewußtſein und munterer, ohne von ſeinem Zuſtand und allen Vorgängen um ihn her etwas zu wiſſen. Er weiß nicht, was und wie ihm geſchehen; auch ſpäter vermißt er die Wochen der Krankheitshöhe vollkommen in ſeinem Leben. Der ſtupide Geſichtsausdruck verſchwindet nun, die Delirien werden ſeltner und kürzer, die klaren Mo mente häufiger und länger. Doch dauert das Fieber noch bei großer Schwäche, aufgeregte Nächte wechſeln mit ruhigen. Allein ſchon kommt etwas Verlangen nach Speiſe und Trank, die ſeltenen Ausleerungen gehen nicht mehr unwillkürlich ab, der bisher dunkle Harn wird blaſſer, reichlicher und macht Bodenſatz. Bei vollkommen günſtigem Verlaufe iſt dieſer Nachlaß aller Krankheitserſcheinungen regelmäßig anhaltend bis zum letzten Verſchwinden. Allein große Störbarkeit durch die leichteſten, äußern Eindrücke, große Angegriffenheit des Kopfes und tiefe Mattigkeit dauern noch bis in die volle Reconvalescenz hinein. Jeden Tag können ſich noch ſchlimme Zwiſchenereigniſſe entwickeln, Nebenkrankheiten hervortreten, Nachkrankheiten beginnen; die höchſte Vorſicht darf noch keine Secunde außer Acht gelaſſen werden. Die Symptome der Wendung und des Nachlaſſes müſſen ſogar in ſehr markirter Weiſe auftreten und dauern, wenn man nicht ſolche Ereig⸗ niſſe befürchten oder wenn nicht der Rückbildungsprozeß des Typhus ſich überhaupt ſehr verlangſamen und hinausziehen ſoll. Auch nach ſeinem ganz einfachen Verlaufe iſt die regel⸗ mäßigſte Reconvalescenz durch lange Dauer bis zur voll⸗ ſtändig normalen Wiederherſtellung aller Körperfunctionen, durch häufige Schwäche der geiſtigen Thätigkeiten oder leichte Ermüdung derſelben, langdauernde Abmagerung und Kraft⸗ loſigkeit der Gliedmaßen, ſehr regen Appetit bei dennoch

größter Empfindlichkeit der Verdauungsorgane gegen die leichteſten Diätfehler, durch langſam, aber deſto lebhafter ſich einſtellendes Wohlgefühl des Geſundwerdens bezeichnet. Der

frühere Körperumfang und ſein Gewicht, welches die Krank⸗

heit oft um mehr als 30 Pfund veränderte, ſtellt ſich all⸗ mählig wieder her, ja vermehrt ſich ſogar öfters; die Ober⸗ haut ſchiefert ſich ab, häufig fallen die Haare aus, erſetzen ſich aber wieder. Taube Stellen in der Haut, namentlich der Beine, bleiben oft Monate lang und noch länger.

Bei der Schilderung des Krankheitsverlaufes wurde ſo oft auf deſſen Verbindung mit andern Leiden, wie auch auf die Nachkrankheiten hingewieſen, daß ſie wenigſtens einige Bemerkungen erfordern. Beide treten leider in ſo unermeß⸗ licher Mannigfaltigkeit in allen Organen und Syſtemen des Körpers auf, daß ſelbſt eine bloße Aufzählung ihrer Namen faſt unmöglich iſt. Wie aber die Nebenkrankheiten meiſtens nur vom Arzt genau erkannt werden können, ſo iſt auch die Sorge für ihre Behandlung dieſem ausſchließlich zu überlaſſen. Der Krankenpfleger kann zu ihrer möglichſten Verhütung oder doch Begegnung am meiſten beitragen, wenn er eben, wie ſchon erwähnt, die ärztlichen Vorſchriften peinlich genau befolgt und dem Arzte von Beſuch zu Beſuch den treueſten Bericht abſtattet über jede Erſcheinung am Kranken. Er wähne nicht, daß es genüge, wenn er ſich im Allgemeinen über deſſen Zuſtand ausſpricht, er erachte nicht das eine oder andere Symptom für zu geringfügig und in⸗ different, er wolle nicht ſelbſt urtheilen; immer und immer ſei er bloß ein getreuer Berichterſtatter. Auf die Ausſagen des Kranken ſelbſt iſt dabei wenig zu geben, namentlich wenn temporäre oder dauernde Geiſtesumnebelung vorhanden iſt. Er verſichert entweder fortwährend ſein volles Wohlbefinden, oder klagt ſeine Leiden ſo unklar, mit ſo abgeſtumpftem, ab⸗ geändertem, irrigem Gemeingefühl, daß daraus meiſtens gar nichts gefolgert werden kann. Dennoch dürfen auch ſeine Aeußerungen beim Rapport keineswegs unerwähnt bleiben; der Arzt kann ſie als Merkzeichen für ſeine genauere Unter⸗ ſuchung benützen. Beſonders große Gefahren drohen nun im Verlaufe des Typhusprozeſſes namentlich in den Unter⸗ leibs- und Bruſtorganen, doch kaum geringere von den ano⸗ malen Zuſtänden des Blutes ſowie des Kopf⸗ und Nerven⸗ ſyſtems. Nach dieſen vier Seiten richte ſich demnach die gleichzeitige Aufmerkſamkeit.

Die Nachkrankheiten ſind häufig, doch keineswegs immer, weitere Entwickelungen der innerhalb des Typhus⸗ prozeſſes begonnenen, mitunter ſelbſt gänzlich durch ihn ver⸗ hüllten Nebenleiden. Oft ſchießen ſie jedoch auch blitzſchnell empor entweder in der Wendungsperiode oder ſelbſt bei ſchon weit vorgeſchrittener Reconvalescenz, ohne den geringſten Zuſammenhang mit dem Typhusleiden, ohne nachweisbare neue Gelegenheitsurſachen. Wie die Nebenkrankheiten unbe⸗ meßbar nach Zahl und Sitz, ſind ſie immer als höchſt be⸗ denklich anzuſehen. Der entkräftete, in allen Atomen über⸗ aus reizbare Körper hat ſelten die Kraft, ſie ohne ſchwere Folgen zu beſiegen. Entzündungen folgen ſchweren Affectio⸗ nen des Darms und der Bruſtorgane. Letztere bedingen oftmals die Entſtehung der Tuberkuloſe(Schwindſucht), die Affectionen des Kehlkopfs chroniſche Kehlkopfsleiden, Gehirn⸗ und Nervenaffectionen werden bei einer langſamen und ſchweren Rückbildung mitunter ganz oder theilweiſe unheil⸗ bar. So vornämlich auch die Schwäche des Gedächtniſſes und Gehörs. Aus dem Leiden des Blutſyſtems entwickeln ſich bisweilen Blutarmuth, Herzleiden, Waſſerſucht oder auch ſogenanntemetaſtatiſche Prozeſſe Furunkeln, Hautab⸗ ſceſſe, Geſchwülſte und Vereiterungen namentlich der Speichel⸗