Jahrgang 
1857
Seite
387
Einzelbild herunterladen

ſelbe die eigentlichen Armenviertel zu ihrem Hauptſitze wählt. In andern und ſelbſt in den meiſten Fällen läßt eine genaue Unterſuchung der Umſtände wohl auch die Verpflanzung des Typhus durch unmittelbare oder mittelbare Anſteckung er⸗ kennen(Contagium). In ſehr vielen Fällen iſt es dagegen nicht anders möglich als eine Selbſtentwicklung des Leidens ohne irgend erreichbare Gelegenheitsurſachen anzuerkennen(ſpon⸗ taner Typhus). Immer bleiben jedoch die Veränderungen im Organismus dieſelben; und ſelbſt in der Schwere der Erkrankungen läßt ſich kein Unterſchied erkennen.

Der Typhus iſt eine Vergiftung des Blutes dieſe Formel hört man ſchon jetzt oftmals im größern Publi⸗ kum. Sie bezeichnet allerdings bis zu einem gewiſſen Grade am zutreffendſten das Weſen des Darmtyphus. Seine Symptome ſind denen, welche durch direkte Einführung faulig zerſetzter Stoffe in das Blut entſtehen, außerordentlich ähnlich; und hat auch zwar noch Niemand bei Thieren durch ſolche Injectionen einen wirklichen Unterleibstyphus hervor⸗ bringen können, ſo werden doch genau dieſelben Drüſen des Dünndarmes in ziemlich ähnlicher Weiſe affizirt, welche ſeinen Hauptſitz bilden. Schwellungen der ſogenannten Meſenterialdrüſen, ſowie eine eigenthümliche Verſchwärung und Verſchorfung der ſogen. Peyerſchen Drüſen an der in⸗ nern Wandung des Dünndarms, das ſind von anderen ſecundären Veränderungen durch den Krankheitsverlauf ab⸗ geſehen die conſtanten Erſcheinungen, welche der Leichen⸗ befund nachweiſt. Es gibt keinen Unterleibstyphus ohne ſie und das Weſen des Fleckfiebers ſcheint eben darin zu beſte⸗ hen, daß der eigenthümliche Typhusprozeß ſich nicht auf den innern Organen lokaliſirte ſondern auf der äußern Ober⸗ fläche des Körpers ablagert. Deshalb kann auch das Fleck⸗ fieber ganz ohne Darmaffectionen verlaufen, obſchon ſie ſich recht häufig damit verbinden. Ob nun von jenen Darm⸗ drüſen aus eine direkte Aufſaugung von Eiter und Jauche und deren Ueberführung in das Blutſyſtem erfolgt, läßt ſich weder beſtimmt behaupten, noch verneinen. Die Krankheits⸗ erſcheinungen ſprechen dafür.

Denn wenn endlich die Typhus⸗Vorläufer in Fieber übergehen, ſo fällt dies ſehr wahrſcheinlich mit den erſten Anfängen der Verſchwärung im Unterleib zuſammen. Das anfangs mäßige Fieber, welches mit jedem folgenden Tage an Hitze zunimmt, bildet nun einen fortwährenden Zuſtand, deſſen Heftigkeit ſich Abends ſteigert. Die Hinfälligkeit des Kranken tritt zugleich raſcher und ſtärker ein, als ſonſt bei acuten Krankheiten. Dumpfer Kopfſchmerz in der Stirn, Eingenommenheit des Geiſtes, Schwindel, Ohrenſauſen, etwas Lichtſcheu, Mangel an Schlaf oder ſchwere Träume, meiſtens auch reißende Schmerzen in den Beinen martern ihn, werden aber meiſtens nur auf Befragen geklagt. Hierzu treten gaſtriſche Symptome: gänzliche Appetitloſigkeit mit Durſt, bitterer oder pappiger Geſchmack, belegte Zunge mit rothem Rand und Spitze; ſeltenes Erbrechen, mitunter angehaltener, mitunter offen jetzt abweichender Stuhl, mit⸗ unter Leibſchmerzen, mitunter nicht. Alle dieſe Erſchei⸗ nungen wachſen etwa eine Woche lang, doch ſo, daß die fieber⸗ haften von den gaſtriſchen mehr überwogen werden. Der Urin iſt immer ſparſam, dunkel, oft beinahe ſchwarz. Unter⸗ deſſen zeigt ſich das Geſicht des Kranken aufgedunſen und oft violettroth gefärbt an den Wangen, während die Lippen und die Naſenſchleimhaut ebenfalls eine geſättigte Farbe an⸗ nehmen. Der Unterleib wird geſpannt und empfindlich in der Gegend des Blinddarms; die Milz, meiſtens auch die Leber beginnt zu ſchwellen, die Ausleerungen werden hell, dünnflüſſig, mit weißlichen Flocken gemengt. So tritt der

Kranke in die zweite Woche, welche nebſt der dritten recht eigentlich dem beſonders geſtalteten Typhusfieber ange⸗ hören. Dieſes iſt nämlich allmälig, oder auch in plötzlichem Sprung innerhalb eines Tages bedeutend geſtiegen. Dabei verſchwindet meiſtens der Glieder- und Kopfſchmerz oder wird wegen der nun eintretenden Betäubung nicht mehr empfunden. Bei andauernd ſtarker Färbung des Geſichts wird der Ausdruck deſſelben ſtumpfer, die Sprache zögernder, ſchwerer, lallender und das Gehör geſchwächt. Nach größe⸗ rer Unruhe bei den abendlichen Fieberverſtärkungen können Nachts bereits Delirien eintreten; tagsüber ſchläft der Kranke viel, ſpricht aber dabei oft, laut oder murmelnd. Zunge und Mundſchleimhaut ſind trocken und zeigen bräunliche Be⸗ lege, leichten Schorfen vergleichbar; der Unterleib weit auf⸗ getrieben, doch ohne immer an Empfindlichkeit zuzunehmen. Dagegen erſcheinen jetzt die Bruſtorgane mehr in Mit⸗ leidenſchaft gezogen: beſchleunigtes Athmen, häufigerer Huſten, ausgebreitetes Schnurren und Pfeifen in der Bruſt⸗ höhle zeugen dafür. Einige Tage ſpäter erſcheint ein leichter Ausſchlag auf der Bruſt und dem Unterleib ſo conſtant, daß man ihn einen Begleiter jedes Darmtyphus nennen muß, wenn er auch häufig überſehen wird und nur als ſymp⸗ tomatiſche Zuthat auftritt. Sein Beſtand iſt verſchieden, oft mehrtägig, oft auch nur mehrſtündig, ſein Ausſehen gleicht roſenrothen Flecken, die man bei genauer Beſichtigung aus kaum nadelſpitzgroßen, ſelten erhabenen, unter dem Finger⸗ druck erbleichenden Punkten zuſammengeſetzt erkennt.

Bald nachher erreicht der Krankheitsprozeß ſeine Höhe. Jetzt darf der Kranke keinen Augenblick unbeobachtet bleiben, obgleich er mit dem Ausdrucke tiefſter Ermattung und Gleich⸗ giltigkeit nun meiſtens ruhig im Halbſchlummer liegt, ſchmerz⸗ los und ohne Wunſch, ohne Hunger und Durſt. Verloren in unaufhörlichen Phantasmen und Delirien hört er ſchlecht, ſeine Bewegungen ſind kraftlos und zitternd. Weit ſeltener treten die Fälle auf, wo auch noch in dieſem Stadium und bis zur Kriſis die Körperkräfte ſich erhalten, die Phantaſien laut und kräftig dauern, der Kranke deklamirt, ſingt, lacht, aus dem Bett ſpringt u. ſ. w.(Man unterſchied dieſe Form früher oft als Gehirn⸗ oder Cerebraltyphus, doch ganz zweck⸗ los.) Immer aber iſt die Fieberhitze bedeutend, die Zunge glatt, roth, trocken oder kruſtig, riſſig. Die Unterleibsauf⸗ treibung und Milzanſchwellung erreicht ihren höchſten Grad, die dünnflüſſigen, häufigen Stühle und ſeltener, ſtinkender Harn gehen meiſt unwillkürlich ab. Schon um dieſe Zeit (1114. Tag) kann der Tod erfolgen, auch wenn keine be⸗ ſondern Nebenzufälle eintreten; doch iſt dieß nicht häufig. Gewöhnlich dauern vielmehr dieſelben Zuſtände bis zum 14., 17. oder 21. Tage der Krankheit. Gewöhnlich ſteigern ſich jetzt noch die Bruſtbeſchwerden, die Lungen ſind von dicken Maſſen erfüllt, welche der Kranke nicht auszuhuſten vermag, ſein kurzer Athem ſtöhnt laut und angſtvoll, alle Kräfte ſchwinden mehr und mehr, das Bewußtſein iſt völlig ver⸗ dunkelt, die Züge des Geſichts ſind durch äußerſte Schlaffheit verzerrt, der Mundwinkel ſenkt ſich nach der Seite, auf welcher der Kranke liegt, die Augen ſind halb gebrochen, der von klebrigem Schweiß befeuchtete Körper rutſcht im Bett hinab, die abgemagerten Hände greifen haltlos an der Bett decke herum oder ſcheinen nach Fliegen zu haſchen. Ein er⸗ ſchreckendes Bild! Die Umgebungen erwarten jetzt meiſtens den Tod, beſonders je höher die Athemnoth ſteigt und je mehr die Mattigkeit zunimmt. Und in ſolchen Augenblicken iſt allerdings das Einſpringen des Arztes mit Kunſtmitteln oftmals die einzige Lebensrettung. Gegen die mit Erſtickung drohende Athemnoth ſind wirkliche Medikamente angezeigt;