beſonders günſtigen Umſtänden wirklich einmal der Fall, ſo würde doch die ganze Thätigkeit und Kraft eines ſolchen ausſchließlich durch Beſchaffung der allernothdürftigſten Sub⸗ ſiſtenzmittel konſumirt werden, ohne daß ihm zur Ausbildung aller höhern Anlagen unſerer Natur irgend Zeit und Mög⸗ lichkeit bliebe. Man vergeſſe nie, wenn man auf die Leiden in unſern ſocialen Zuſtänden achtet, zu beherzigen: daß das
allertraurigſte Loos, welches ſich hier nur auffinden läßt,
einem Daſein außerhalb der menſchlichen Geſellſchaft jeden⸗ falls vorzuziehen iſt. Der ärmſte Tagelöhner ſchläft doch auf Stroh, unter Dach und Fach, iſt irgendwie, wenn auch ſchlecht bekleidet und hat ein Stück Brod für den Hunger. Wie wäre es mit ihm, ſtünde er nackt und blos allein für
mende Geſchlechter ſichert.
ſich in der Oede, hätte er da wohl Ausſicht, ſich dieſe Gegen⸗ ſtände zu verſchaffen? Ja, ſelbſt die Sprache, und mit ihr
das ſchlüſſige Denken gingen ihm ab, der hilfloſen Kindheit gar nicht zu gedenken, die den Menſchen mehr wie jedes an—
ſelbſtbewußtes Weſen vermag der Menſch ſeinem Sein und
Thun einen dauernden Ausdruck zu geben, es in ein bleiben⸗ des Reſultat zuſammenzufaſſen, Gedanken und That zu fixiren, den Dingen die Spur ſeines Wirkens aufzuprägen und ſie zu ſeinen Zwecken für immer umzugeſtalten. So gewinnt der Einzelne eine über die Grenze ſeines Daſeins hinausreichende Bedeutung, gleichſam eine Fortdauer nach dem Tode, welche ihm eine Wirkſamkeit noch für nachkom⸗ Vermöge des Charakters der Mittheilbarkeit, der Uebertragbarkeit, welcher den Früchten ſeines Denkens und Thuns anklebt, werden dieſelben Gemein⸗ gut der folgenden Generationen und häufen ſich von Jahr⸗ hundert zu Jahrhundert gleich einem großen Erhe des Men⸗ ſchengeſchlechts, in welches die Nachkommen gleich von Geburt aus eintreten. Ganz im Gegenſatz zu den Thieren, welche noch gegenwärtig auf demſelben Standpunkte ſich befinden,
wie die erſten ihrer Gattung in grauer Urzeit, werden auf
dere Weſen an die Unterſtützung der Seinigen verweiſt. Aber freilich vermögen wir bei ſolchen Vergleichen immer
nur für die eine Seite Beiſpiele zu finden, nie für die andere, vielmehr ſind wir genöthigt, uns derartige Zuſtände blos
nach dem, was ſich außer aller Erfahrung abnehmen läßt,
vorzuſtellen. Denn in der Wirklichkeit gibt es eben keinen
Menſchen in völliger Abgeſchloſſenheit, außerhalb der Geſell⸗
ſchaft, und hat es niemals einen gegeben: der beſte Beweis, daß ein ſolcher Zuſtand der menſchlichen Natur widerſtreitet.
Das geſellſchaftliche Zuſammenleben der Men⸗ ſchen iſt alſo nicht etwas von ihnen Erfundenes, nach Belie⸗ ben oder zu mehrerer Bequemlichkeit Eingeführtes, was ſich ebenſo füglich wieder abſtellen ließe, vielmehr der unmittel⸗ bare Ausfluß ihres eigenſten Weſens, eine Naturnoth⸗ wendigkeit. So lange und wo immer es Menſchen gibt, haben wir auch eine Geſellſchaft. Die Abgeſchloſſenheit wäre für ſie ſoviel als Verkümmerung, Tod, ihr Natur⸗ zuſtand iſt alſo der geſellſchaftliche. Der Geſell— ſchaftstrieb iſt Grundbeſtandtheil unſeres Weſens, und die daraus entſpringende Gliederung der Einzelnen, die Ge⸗ ſellſchaft, als durch unſere natürliche Organiſation bedingt, ſelbſt wieder ein Naturproduct. Als ein ſolcher Ge— ſammtorganismus iſt ſie ebenſo beſtimmten organiſchen Geſetzen unterworfen, welche ihren Entwickelungs- und Ge⸗ ſtaltungsproceß beherrſchen, wie die Einzelweſen, aus denen ſie zuſammengeſetzt iſt und überhaupt Alles von der Natur Gegebene.
Um aber dieſe natürlichen Geſetze der Geſellſchaft auf⸗ zufinden, muß man ſich vor Allem das Weſen der Geſell⸗ ſchaft klar zu machen ſuchen, in welcher Hinſicht im Allge— meinen auf einen zwiefachen Geſichtspunkt hinzuweiſen iſt.
Zunächſt ſehen wir den Menſchen ſeiner individuellen Entwickelung halber, zur Erreichung der Zwecke ſeines Ein⸗ zeldaſeins, an die Geſellſchaft gewieſen, und dieſe ſolcherge⸗ ſtalt nach einer Richtung hin beſtimmt. Darnach beſteht ſie aus einer Menge Einzelner, von denen Jeder neben dem Andern ſeine Sonderzwecke verfolgt, indem ſie jedoch Allen gleicherweiſe als nothwendiges Mittel dient, dieſelben zu erreichen. Es iſt dies die rechtliche Seite der Geſellſchaft, die individualiſtiſche, wornach eben nur in dem Mittel, nicht in den Zwecken ſelbſt Gemeinſamkeit Statt findet. Ein ziemlich lockerer Verband, den wir als die niederſte Stufe der Geſellſchaft zu bezeichnen haben werden.
Sodann ſehen wir aber in der Geſellſchaft, bei genauerer Betrachtung, außer der Förderung der Individuen in ihren Sonderzwecken, noch ein anderes, ein Geſammtbild vor uns erſtehn, bei welchem wir einen Augenblickverweilen müſſen. Als
dieſe Weiſe den Nachgeborenen unter den Menſchen alle die mühſamen Anfänge geſpart, durch welche die ganze Kraft der Vorfahren in den verſchiedenen Zweigen menſchlicher Kennt⸗ niß und Thätigkeit erſchöpft wurde. Indem ſie da begin⸗ nen, wo die letzteren ſtehen blieben, müſſen ſie es nothwendig weiter bringen, bis ſie endlich auch ihrerſeits an einem ge⸗ wiſſen Zielpunkte angelangt, dieſen einem ſpäteren Geſchlecht als Ausgangspunkt übermachen. Welcher ungeheure Unter⸗ ſchied zwiſchen den Beſten und Weiſeſten unter den Völkern der Vorzeit, in ihren rohen und verkehrten Vorſtellungen
vom Weſen der Dinge, und einem nur mäßig Unterrichteten
von unſern Schulknaben, dem die Geheimniſſe des Sonnen⸗
ſyſtems, die Erklärung der wichtigſten Naturerſcheinungen ſy g ſch g
als Etwas ſich von ſelbſt verſtehendes gleich von Haus aus mitgegeben werden! Ferner, welcher ungeheure Unterſchied zwiſchen den Leiſtungen jener früheſten Menſchen, welche faſt
ohne Werkzeuge und andere Hilfsmittel, als ihre phyſiſche
Kraft, mühſam ihres Lebens Nothdurft der Erde abrangen, und den Rieſenfortſchritten der heutigen Induſtrie, welche mit den kunſtvollſten Maſchinen und in Benutzung der Natur⸗ kräfte Alles, was das Alterthum von den Wunderwerken der Kyklopen fabelte, weit hinter ſich läßt! Und das Alles empfängt das jetzige Geſchlecht, ohne ſich deßhalb zu bemühen oder dafür zu danken, als eine ihm von Rechtswegen gebüh⸗ rende Mitgift, und weit entfernt, ſich bei dem überkommenen Erbe zu beruhigen, daſſelbe müßig zu genießen, findet es darin nur einen Sporn, ſeinerſeits neue Schätze dazu zu häufen und es ſo, bereichert und vermehrt, wieder auf ſeine Nachkommen überzutragen. Auf ſolche Weiſe ſehen wir nicht blos die gleichzeitig neben einander exiſtirenden Indivi⸗ duen, ſondern auch die nach einander folgenden auf das innigſte unter einander verknüpft, in dem gemeinſam erſtreb⸗ ten Ziele eine ſtetige Einheit gewinnen. Und ſo rollt ſich vor unſern Augen das Bild der Menſchheit im Ganzen und Großen auf, als eines Kollektivweſens, deſſen Daſein im unaufhörlichen Kommen und Schwinden der Generationen ununterbrochen fortbeſteht, wie das Leben des Einzelnen im Wechſel der Atome. Zugleich gelangen wir zur Vorſtellung von Beſtimmung und Zwecken der Menſch⸗ heit in ihrer Geſammtheit, welche die der Einzelnen zwar nothwendig in ſich ſchließen, ihnen aber ebenſo übergeordnet bleiben, wie es die Gattung dem Ind ividuum iſt. Nur in der Gattung kommt der ganze Begriff einer Art vollſtän⸗ dig zur Erſcheinung, nur ſie hat Dauer, nur in ihr vereinigt ſich das Geſammtſein und Thun aller dazu gehörigen Einzel⸗ weſen in Zeit und Raum. Deßhalb iſt es eben auch dieſes Gattungsleben der Menſchheit mit ſeinem von Ge⸗
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