Lebensverrichtungen, wie Athmung, Ernährung, Säfteum⸗ lauf u. a., wenn er beſtehen ſoll. Doch unterſcheidet er ſich andrerſeits von allen übrigen Weſen unſers Weltkörpers da⸗ durch, daß er Perſönlichkeit beſitzt, das heißt Selbſt⸗ bewußtſein und Selbſtbeſtimmung, und dies iſt die Seite ſeiner Natur, mit der wir es auf unſerm Felde haupt⸗ ſächlich zu thun haben.
Durch dieſe Eigenſchaſten erhält der Menſch nämlich eine nur ihm eigenthümliche Stellung jenen ſein Daſein be— dingenden Geſetzen gegenüber. Während Thier und Pflanze unter dem Walten derſelben im blinden Naturtriebe hinve⸗ getiren, ohne dieſelben je zu erkennen, hat der Menſch in ſeinem Selbſtbewußtſein die Fähigkeit, ſie als das Stete, ewig Wirkende unter der wechſelnden Oberfläche der Erſchei⸗ nungen aufzufinden und ſich Rechenſchaft davon zu geben. Wie das Erkennen, iſt dem Thiere und der Pflanze im Allgemeinen auch das Entgegenhandeln gegen jene Ge⸗ ſetze— das eigentliche Wollen— verſagt, die ſich viel⸗ mehr in ihnen unmittelbar, ohne daß ſie darum wiſſen, voll⸗ ziehen. Im Zwange des Inſtincts findet das Thier das ſeiner Natur Angemeſſene, meidet das ihm Feindliche, wäh⸗ rend es von der freien Selbſtbeſtimmung des Menſchen ab⸗ hängt, inwieweit er ſich durch die gewonnene Erkenntniß bei ſeinen Handlungen leiten laſſen will. So ſehen wir in ſeiner Stärke ſeine Schwäche, in ſeiner Schwäche ſeine Stärke.
Das Thier, ohne Erkenntniß und freien Willen, der Strö⸗
mung der Naturnothwendigkeit hingegeben, kann weder irren noch fehlen, der Menſch iſt beidem ausgeſetzt. In der Erkenntniß der Geſetze ſeines Weſens, welche ſeine Hand⸗ lungen beſtimmen ſollen, iſt der Irrthum möglich, und
ſelbſt gegen die richtige Erkenntniß kann er, vermöge ſeines freien Willens, in ſeinen Handlungen fehlen. Es kann
nicht anders ſein: ohne die Möglichkeit des Irrthums keine Erkenntniß, keine Freiheit ohne die Möglichkeit zu fehlen. Wäre die Wahrheit einem Jeden von uns von Haus aus aufgezwungen, wie könnte da von einem Suchen und Finden derſelben, das heißt einer Aneignung aus Wahl und
Ueberzeugung— und das iſt ja eben das Erkennen— die
Rede ſein, worauf wir als den Grundtrieb unſeres geiſtigen Lebens ſo großen Werth legen? Desgleichen in unſerem Thun. Hüätten wir keine Wahl, müßten wir ſofort immer
nur das Eine, das Rechte ergreifen, ſo ſchlöſe dies jede
Spur von Freiheit aus und ſtellte uns unter den Bann des thieriſchen Inſtincts. Nun faſſe man aber dieſe Möglichkeit, die Geſetze unſe⸗
res Weſens zu verkennen und ihnen zuwider zu handeln,
nicht etwa fälſchlich ſo auf, als ob es dem Menſchen vergönnt ſei, ſich ihnen zu entziehen, oder dieſelben gar abzuändern. Denn wenn ſie auch dem Menſchen gegenüber nicht immer in der Form unmittelbarer Nöthigung auftreten, ſtecken ſie ihm doch nicht blos gewiſſe Grenzen, welche er niemals über⸗ ſchreiten kann, ſondern knüpfen auch an ſein Thun und Laſſen beſtimmte Folgen, welche unbedingt zutreffen, ohne daß er ſie abzuändern vermöchte. Nur das ſteht daher dem Menſchen in den meiſten Fällen frei, ob er ſein Verhalten darnach ein⸗ richten will, oder nicht; die unausbleiblichen Folgen aber, welche in dem einen oder anderen Falle entſtehn, muß er über ſich ergehn laſſen. Wie er bei richtiger Erkenntniß und demgemäßer Handlungsweiſe in Erreichung der Zwecke ſeines Daſeins gefördert wird, ſo iſt im Gegentheile Hemmung und Störung in ſeinem Sein, mit einem Worte: das Uebel, als die auf die Geſetzesverletzung geſetzte Strafe, nothwen⸗ dige Folge eines ſolchen Zwieſpaltes. So iſt, um das nächſte Beiſpiel zu wählen, unſere Exiſtenz an das Geſetz des S toff⸗
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wechſels geknüpft. Wir müſſen eſſen, trinken, athmen u. ſ. w., um zu leben. Vermöge ſeines freien Willens ſteht es nun zwar bei dem Menſchen, ſich durch Erſtickung oder Hunger zu tödten, keineswegs aber, ohne Athem und Speiſe zu leben. Entzieht er ſich das Eine oder das Andere, ſo handelt er gegen ein Geſetz ſeiner Exiſtenz; aber eben dadurch derſtört er dieſe und dem Geſetz bleibt in allen Fällen ſein Recht.
Hier kommen wir nun auf die Stelle, welche dem Uebel in der phyſiſchen und ſittlichen, wie in der wirthſchaftlichen Welt angewieſen iſt. Mit der Möglichkeit des Irrens im Erkennen, des Fehlens im Handeln i*ſt ſeine Nothwendigkeit und zugleich ſeine heilſame Wirkung gegeben. Judem es als unausbleibliche Folge der Verletzung der Geſetze unſerer Natur, entweder in Anwendung einer irrthümlichen, oder im Fehlen gegen die richtige Erkenntniß derſelben eintritt, be⸗ währt es ſich als untrüglicher Wegweiſer, der uns die Ab⸗ wege erkennen und die rechte Bahn finden lehrt. Die Kon⸗ ſequenz der Freiheit, iſt das Uebel zugleich deren Korrektiv, und von ihr dem Weſen nach unzertrennlich. Das Uebel aus der Menſchenwelt entfernen, hieße daher entweder die Freiheit aufheben, oder ihren Mißbrauch ſanctioniren. Beides aber wäre nur denkbar, wenn man die Geſetzlichkeit in der Natur beſeitigte.
Hiernach ſehen wir im Selbſtbewußſein und der Selbſtbeſtimmung den Gipfelpunkt der Menſchennatur. Der Trieb nach Wahrheit und der Trieb nach Frei⸗ heit, aus ihnen quillt alles menſchenwürdige Denken und Thun. Das Gute, Rechte und Nützliche erkennen, und das dafür Erkannte in allen praktiſchen Lebensverhältniſſen, in die wir treten, realiſiren: das wollen Alle, in denen ein Funke von geiſtigem Streben lebt. Und wie das Streben nach Wahrheit ohne die entſprechende Freiheit nie zum Ziele gelangen könnte, ſo würde die Freiheit ohne Erkennt⸗ niß zur Selbſtzerſtörung führen. Daher ſetzen beide ein— ander voraus, bedingen einander mit Nothwendigkeit, und in ihrer vollkommenen, gegenſeitigen Durchdringung, im ſebſtbewußten Wollen, d. h. in der Erkenntniß der
Geſetze unſeres Weſens und der umgebenden Natur, und
einem demgemäßen Handeln, aus freiem Entſchluß und mit Bewußtſein der Folgen, liegt das Ziel menſchlicher Ent⸗ wickelung.
Weiter ſtellt ſich uns aber auch der Menſch, außer in ſeinem Einzeldaſein, noch in den Wechſelbeziehungen mit ſeines Gleichen dar. In dieſer Rückſicht bezeichnen wir ihn als ein geſelliges Weſen, als ein Weſen, welches durch ſeine natürliche Beſchaffenheit genöthigt iſt, mit andern ſeines Gleichen in Gemeinſchaft zu leben. Er kann nicht, wie das Wild im Walde, das Raubthier in der Wüſte, vereinzelt, ohne Verbindung mit Andern ſeiner Gattung exiſtiren, ſoll er nicht verkümmern. Er würde in ſolcher völligen Einſam⸗ keit ſeine Beſtimmung verfehlen. Dabei halte man jedoch alle theologiſchen Nebengedanken von dieſem Begriffe fern. Vielmehr gilt uns hier nur als die natürliche Beſtim⸗ mung aller organiſchen Weſen, alſo auch des Menſchen: die vollſtändige Entwickelung aller in ihnen enthal⸗ tenen Keime und Anlagen. Zu einer ſolchen Ent⸗ wickelung gelangt aber der einzelne Menſch in völliger Abge⸗ ſchloſſenheit mit ſich allein niemals, vielmehr bedarf er, als nothwendiger Bedingung dazu, des Zuſammenlebens und des dadurch ermöglichten Austauſches gegenſeitiger Hilfs⸗ leiſtungen mit Weſen ſeiner Art. Ohne dies würde dem Einzeluen in den meiſten Fällen kaum die kümmerlichſte phy⸗ ſiſche Exiſtenz möglich ſein. Und wäre das letztere unter


