Jahrgang 
1857
Seite
381
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gleichſam als zweites Erbtheil, ſeinen Kindern zurück, auf

daß ſich die Sünden des Vaters rächen möchten an ihnen

bis ins dritte und vierte Glied!

Er war todt. Karolinens Hand drückte ihm die Augen zu. Keine Thräne wurde um ihn geweint. Vielmehr begann ſogleich der von ihm hinterlaſſene Fluch zu wirken.

Und nun, Fräulein Karoline, geben Sie mir wohl die Schlüſſel heraus und entfernen Sie ſich von einem Orte, wo Sie fürder weder unentbehrlich, noch gern ge⸗ ſehen ſein werden. Die Erbin legte in dieſe Worte ſo viel Bitterkeit und Hohn, als ihr möglich war.

Karoline richtete ſich hoch auf, wie ſie in allen Mo⸗ menten der Erregung zu thun pflegte, und entgegnete mit edler Ruhe und Mäßigung:Sie irren, Frau Gräfin; ich war hier nie ſo unentbehrlich, als eben jetzt. Ich vertrete nämlich die Rechte Ihres hilfloſen Bruders Richard. Und was die Schlüſſel betrifft, was beſonders dieſen hier betrifft, ſie nahm den Schlüſſel zum Sekretär aus der Taſche des Todten und ſteckte ihn zu ſich,ſo halte ich mich für verpflichtet, dieſelben nur in Gegenwart aller drei Erben auszuhändigen.

Recht ſo, ſüßes Mädchen! rief Karl, der Wüſtling, mit triumphirender Miene in das Sterbezimmer ſeines Vaters tretend.Ich werde mich dankbar beweiſen für dieſe edle Feſtigkeit, mit der Sie mein Recht als Erſtge⸗ borener gewahrt, und ich hoffe, Sie werden kein Bedenken tragen, mir als dem jetzigen Haupte der Familie die Schlüſſel auszuhändigen.

Auch Sie irren ſich, Herr Oberamtmann, verſetzte Karoline feſt.Es fehlt noch Richard, und ich werde Sorge tragen, daß er ſogleich erſcheine. Sie zog nach dieſen Worten die Klingel und befahl dem eintretenden Diener, dem Herrn Richard den Tod ſeines Vaters anzuzeigen und ihn zu bitten, im Zimmer des Todten zu erſcheinen.

Aber das iſt närriſch, Karoline.

Ich heiße, und werde Ihnen gegenüber ſtets heißen, Fräulein Karoline, mein Herr!

Nun meinetwegen, theures Fräulein, gnädiges Fräu⸗ lein ſogar, wenn Sie befehlen; aber ich wiederhole, es iſt närriſch, auf die Anweſenheit dieſes verkrüppelten, elen⸗ den und geiſtig unmündigen Richard irgend einen Werth

In dieſem Augenblicke wurde Richard in einem Roll⸗ ſtuhle ins Zimmer gefahren. Sein Auge glänzte fieber⸗ haft, ſeine Wangen waren tief geröthet, der ganze Aus⸗ druck ſeiner Züge verrieth eine außerordentliche, krankhafte Aufregung.Hier bin ich! rief er, ohne einen Blick auf den Todten zu werfen.Ich werde meine Rechte als Erbe ſelber wahrzunehmen wiſſen. Ich bin mündig und bei vollem Verſtande. Ich laſſe mich nicht blenden oder täuſchen. Reizet mich nicht zum Aeußerſten! Ich werde Eure Falſchheit mit Liſt bekämpfen, werde nicht die ge⸗ ringſte Verkürzung dulden! Ja, ſtaunet mich nur an! Der Krüppel ſoll nicht der Spielball Eurer Selbſtſucht ſein. Jahre lang hab' ich unter Druck und Tyrannei ge⸗ ſchmachtet; jetzt will ich frei und unumſchränkter Herr über mein Vermögen ſein!

Mit einem diaboliſchen Lächeln hatte der Erſtgeborene der überſpannten, wirren Rede ſeines Bruders zugehört. Jetzt wandte er ſich mit demſelben Lächeln an Karoline und ſagte:War das die Sprache eines geiſtig vollkom⸗ men geſunden Mannes?

Mein Herr, rief Karoline mit der höchſten ſittlichen Empörung,in Ihren Worten liegt als Hintergrund ein fürchterlicher Sinn, eine entſetzliche Abſicht! Hüten Sie ſich! Ich muß zugeben, Herr Richard iſt krankhaft aufge⸗ regt, bis zur Beſinnungsloſigkeit erſchüttert. Dies iſt aber ſehr natürlich und erklärlich als Folge und Wirkung von dem plötzlichen Tode ſeines Vaters. Seit fünf Jah⸗ ren kenne ich ihn und bin täglich mit ihm in Berührung gekommen. Mein Zeugniß, welches durch kein unlaute⸗ res Motiv verdächtigt werden kann, wird, das bin ich gewiß, jede etwaige, von Selbſtſucht und Habgier dictirte Anklage entkräften!

Wir werden ſehen! antwortete er mit unheimlicher Entſchloſſenheit.(Fortkſeßung ſolar.

Bilder aus dem Ungarlande.

I. Das Erdbeermädchen.

Im Heoeſcher Komitat iſt Tärkany, ein Dorf in der rei⸗ zenden Umgebung Erlaus, berühmt durch die Schönheit ſei⸗ ner Weiber. Zur Erdbeerzeit kommen die Tarkänyer Land⸗ mädchen beſonders häufig in die Stadt, um die würzigen Waldbeeren, die in Fülle auf ihren Bergen wachſen, zu Ver⸗ kauf zu bringen. Sie tragen ihre ſüße Laſt auf dem Rücken, in einem Tragkorbe aus Lindenbaſt, über welchen, zum Schutz gegen Staub und Sonne, ein großes weißes Linnen gebreitet

und tuchartig über die Bruſt gekreuzt wird. Der kleinere

Handkorb dient für den Klein⸗Verſchleiß. Um den Kopf iſt meiſt ein rothes Tuch geſchlungen; ſonſt tragen ſie längere Röcke, als die Erlauer Landmädchen; doch dürfen auch bei ihrem Sonntagsſtaat die hochſchaftigen rothen Tſchismen (esizma, der ungariſche Stiefel) nicht fehlen, eben ſo wenig wie das breite, hellfarbige Seidenband, welches ſie in das kaſtanienbraune Haar flechten. Malern, die ihr Weg über Erlau führt, dürfen wir die Tärkänyer Erdbeermädchen zu Studienköpfen empfehlen.

II. Schokatzen.

Um dem Drucke der türkiſchen Herrſchaft zu entgehen, ſind zu verſchiedenen Zeiten ganze Gemeinden aus Bosnien ausgewandert, und haben ſich theils zwiſchen Donau und Drau im Baranyaer Komitate, theils in der Bäcska nieder⸗

gelaſſen. Dieſe in Ungarn angeſiedelten Bosniaken nennen ſich ſelbſt Schokzen oder Schokatzen, bekennen ſich durchweg zur katholiſchen Kirche und haben ihren nationalen Typus

unvermiſcht erhalten, denn ſie heirathen nur unter ſich. Blos