Jahrgang 
1857
Seite
378
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im Oberhauſe als bei den Gemeinen die Regierung in den letz⸗ ten Jahren wegen der Verwaltung Indiens angegriffen worden iſt. Es wäre ein Wunder geweſen, wenn durch die planvolle und gefliſſentliche Verbreitung der auf Indien bezüglichen Par⸗ lamentsverhandlungen ſich nicht eine Maſſe von Unzufrieden⸗ heit unter den Eingeborenen dieſes Reiches angeſammelt hätte, und man muß, um gerecht zu ſein, den großen Sinn der Briten bewundern, welche in einer britiſchen Lebensfrage nicht nur kei⸗ nen Anſtand nehmen, alle Mängel in der Verwaltung ſchonungs⸗ los, und oft in der heftigſten Form, in England vor die Oeffent⸗ lichkeit zu ziehen, ſondern auch in dem mit dem Schwerte er⸗ oberten Lande die ungebundenſte Discuſſion der öffentlichen Verhältniſſe in der Preſſe geſtatten. Die Geſchichte hat für die Verleihung ſolcher Freiheiten an eroberte Völker ſchlechterdings kein Beiſpiel; keine Nation, welche je in die Lage kam, eroberte Länder zu beherrſchen, war von einem ſo hohen Gefühl der eige⸗ nen Ueberlegenheit erfüllt, um den Eroberten die freie Erörte⸗ rung ihrer Verhältniſſe durch die Preſſe zu geſtatten. Zu den ſchlimmen Wirkungen dieſer unbeſchränkten Preßfreiheit kam ſodann unter den Regimentern die Schlaffheit der Disciplin in Folge des Mangels an europäiſchen Officieren, Unzulänglichkeit der Truppen für den Umfang des weiten Reiches, und die große Thorheit chriſtlicher Propaganda unter Hindus. diſchen Bevölkerungen haben das Gefühl politiſcher Selbſtſtän⸗

digkeit verloren, aber um ſo feſter klammern ſie ſich an ihre reli⸗

giöſen Anſchauungen und Gebräuche an, ebenſo wie die euro⸗ päiſchen Griechen unter türkiſcher Herrſchaft um ſo zäher an ihrer religiöſen Beſonderheit feſt hielten. Sie in dieſem Punkt beunruhigen, die Stellung des Officiers zu einer religiöſen Pro⸗ paganda, zur Vertheilung von Bibeln u. ſ. w. misbrauchen, das iſt ein Fehler, wofür den Briten eine derbe Lection gebührte. Völker von alter Cultur wie die Chineſen oder Hindus ſind ein durchaus undankbares Feld für religiöſe Propaganda, die vor⸗ zugsweiſe nur unter friſchen, von der Cultur unbeleckten Natur⸗ völkern Glück macht. Einem gebildeten, mit der Weisheit In⸗ diens getränkten Brahminen oder einem ſkeptiſchen materialiſti⸗ ſchen Chineſen wird das Chriſtenthum niemals imponiren, und wenn der fromme Eifer bornirter Miſſionäre dieſe Hinderniſſe überſieht, ſo wäre es die Aufgabe der ſchärferblickenden Regie⸗ rung geweſen, ihm einen Zügel anzulegen und insbeſondere ihre eigenen Organe von der unvperzeihlichen Verkehrtheit reli⸗ giöſer Propaganda zurückzuhalten.

Der zweite Band von Barth's Reiſen und Entdeckun⸗ gen iſt ſoeben ausgegeben worden. Er hat dieſelbe ſchöne typo⸗ graphiſche Ausſtattung, wie der erſte Band, iſt etwas ſtärker und bietet um ein gutes Theil mehr Intereſſe, da Barth nunmehr in die bevölkerten und reichen Negerſtaaten vorgedrungen und über dieſelben wichtige hiſtoriſche Notizen zu geben im Stande iſt,

Die in⸗

Deutſchen dieſſeits und jenſeits des atlantiſchen Oceans in ihrer ganzen inneren Hohlheit aufzeigt. Nicht leicht iſt dieſer vulgären und oberflächlichen Richtung, die jede mehr politiſche Beſtre⸗ bung nur zu verhunzen und lächerlich zu machen im Stande iſt, ſo ſchonungslos die Maske abgeriſſen, ſo meiſterhaft der Nachweis vollſtändiger Nichtigkeit geliefert worden, als hier von einem Manneder ſich lebhaft an der deutſchen Bewegung betheiligt und dafür Leben und Stellung eingeſetzt hatte.

Die Reiſe des Zaren in Deutſchland und ſein Aufenthalt in Bädern und an ein Paar Höfen hat faſt die ganze officielle und ſouveräne Welt Deutſchlands in Bewegung geſetzt, und es will nicht ſcheinen, daß in Folge des letzten Krieges und ſeines für Rußland nicht ſehr günſtigen Ausgangs dieſes in den kleinern deutſchen Staaten an Anſehen und Einfluß verloren hätte. Iſt jedoch der Badaufenthalt des Zaren in Kiſſingen durch eine herz⸗

liche Intimität mit dem katholiſchen Fürſtenhauſe der Wittelsbach

bezeichnet, das ſich bis dahin weniger als gewiſſe proteſtantiſche Dynaſtien zur Kunſt des Zarenhauſes herangedrängt hatte. Der Monarch von Heſſen⸗Darmſtadt unternahm, während der Zar in Süddeutſchland war, eine mit dieſen Aufenthalt in offen⸗ barer Verbindung ſtehende eilige Reiſe nach Plombières zum Kaiſer der Franzoſen nicht mit Erfolg, wie es ſcheint, denn beſtimmter als je wird eben jetzt von Paris gemeldet, daß eine Zuſammenkunft zwiſchen den Kaiſern von Frankreich und Rußland auf deutſchem Boden nicht ſtattfinden werde. Doch im Sept. kehrt der Zar nach Potsdam zurück; vielleicht ſind bis dahin die hochgebornen deutſch⸗ruſſiſchen Vermittlungsgeſchäftigen glück⸗ licher geweſen! Der Zar reiſte von Süddeutſchland über Thü⸗ ringen nach Berlin und hielt ſich ein Paar Tage in Wilhelms⸗ thal bei Eiſenach auf. Man weiß es ſich nicht recht zu erklären, daß die geſammte weimariſche Gensdarmerie ſammt der vor⸗ räthigen Polizeidienerſchaft aufgeboten wurde, um das Publikum vom Bahnhof und von jeder Straße, die der Zar paſſirte, ab⸗ zuſchließen. Sollte man denn etwas für die Sicherheit des kaiſerlichen Hofes beſorgt haben? und vollends von dem gut⸗ müthigen, harmloſen Thüringer Völkchen? Der Vorfall in Göt⸗ tingen kann dem Zaren geſagt haben, daß er Schmeichler und Bediente in Deutſchland nur in den officiellen Regionen finden kann; aber ſicher iſt er gewiß in jeder Gegend Deutſchlands. Doch vielleicht war es nur ein lächerlicher Amtsübereifer der Eiſenacher Behörde. In dieſem Augenblick iſt der ganze ruſſiſche Hof in Potsdam und Sansſouci, wo der Zar gleich nach ſeiner Ankunft am 26. Juli eine griechiſche Meſſe hörte. Hier fand ſich, außer andern Fürſtlichkeiten, auch der blinde Beherrſcher der Hannoveraner ein, der ſeine Reiſe an das Hoflager des Zaren ſo eilig betrieb, daß er unterwegs in der Haſt in die wenig könig⸗ liche Stellung gerieth, beim Ausſteigen auf einem Bahnhof zwiſchen dem Perron und den Wagen hinabzugleiten und eine

während der erſte Band faſt nur die Reiſe durch die Wüſte um faßt. Wir werden in der nächſten Nummer einen Bericht über den Inhalt dieſes zweiten Bandes veröffentlichen, wie wir ihn ſeiner Zeit über den erſten gegeben. Ebenſo werden wir dem⸗ nächſt einen eingehenden Artikel über Julius Fröbel's Buch über Amerika bringen, das zu den bedeutendſten literariſchen Erſcheinungen gehört und durch welches ein in der Bewegungs⸗ zeit vielgenannter Mann ſein Andenken beim gebildeten deut⸗ ſchen Publikum aufs vortheilhafteſte aufgefriſcht hat.

Es iſt um ſo nothwendiger, dieſer Schrift Fröbels die ver⸗ diente Bedeutung vor dem größeren Publikum zu vindiziren, als der liberale und demokratiſche Theil der deutſchen Preſſe leicht ſich bewogen finden mag, das Buch todt zu ſchweigen, das den Lieblingsphraſen des Liberalismus und der Demokratie offen und männlich entgegentritt und die politiſche Kannegießerei der

Weile ſtecken zu bleiben. Beim Durchleſen der officiellen Berichte über ſolche königliche und kaiſerliche Zuſammenkünfte müſſen wir es immer lebhaft bedauern, daß wir keinen Börne mehr haben, V um die deutſche Grammatik gegen die gräulichen Mißhandlungen des Hofſtyls zu ſchützen. So lieſt man im pr. Staatsanzeiger vom 24. Juli:Es fand in der griechiſchen Kapelle ein Gottes⸗ 6 dienſt ſtatt, dem Ihre Maj. die Kaiſerin Mutter von Rußland, Se. kaiſerliche Hoheit der Großfürſt Michael nebſt Aller höch⸗ ſtem und höchſtem Gefolge beiwohnte u. ſ. w.Allerhöchſtes und höchſtes Gefolge! das erinnert an den Rechnungspoſten der

Hofbedienten:für den durchlauchtigſter Schimmel Hafer Gut

zwei Thaler. Ebenſo müßte man von den Hunden eines Fürſten' ſagen können: die allerhöchſten Hundel Es iſt wirklich zu unbillig die Niedrigkeit der Geſinnung bis zur Gewaltthat gegen den Genius der Sprache auszudehnen.

Verlag von Sugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: H

Hugo Scheubei in Gotha. Druck von Gieſeche& Devrient in Leipzig.