Jahrgang 
1857
Seite
377
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In einem Kirchdorf Nordangelns, erzählt ein ſchleswig' ſcher Brief in denGrenzboten, das zwei Prediger beſaß, blieb der Hauptpaſtor als unſchädlich auf ſeinem Poſten, und nur ſein College wurde durch einen ſeeländiſchen Candidaten erſetzt. Der Deutſche und der Däne predigten von nun an abwechſelnd Sonn⸗ tag um Sonntag. Der erſtere fand ſtets eine volle Kirche, wäh⸗ rend letzterer nur zwei ſtändige Zuhörer beſaß, den Küſter und ſeine Frau. Dies war eine Reihe von Wochen ruhig fortgegan⸗ gen, als plötzlich die beiden Prediger über ihre Amtsausübung in Streit geriethen. Seit Jahren hatte am Neujahrstag immer der Hauptpaſtor gepredigt. Dieſes Mal traf es ſich, daß die Reihe an dem Dänen war. Die Gemeinde, in dem Glauben, es werde heute wie immer gehalten, war ſehr vollzählig verſam⸗ melt. Als der Hauptpaſtor auf die Kanzel gehen will, tritt ihm der Däne entgegen. Es entſpinnt ſich nun vor der Kanzel ein Wortgefecht. Der Compaſtor, in der Hoffnung, die ganze Ge⸗ meinde werde nun gezwungen werden, eine ſtundenlange däniſche Predigt anzuhören, erklärte rund heraus, er werde von ſeinem Rechte keinen Fuß breit abgehen, und ſchüchterte ſeinen Gegner, einen alten Mann, mit der Drohung ein, er werde über ſein ganzes Benehmen nach Kopenhagen berichten. Die Gemeinde ſieht dem Streite ruhig zu, als aber endlich der Däne die Stufen hinaufſteigt, erhebt ſich eine alte Frau und ruft mit lauter Stimme ihrem Manne zu:Du, Jörn, de Dän predigt; das könnt wi nich verſtahn; lat uns na Huuſe gahn. Nach dieſer Aufforderung erhebt ſich nicht bloß Jörn, ſondern die ganze Ge⸗ meinde, und von der allgemeinen Bewegung mitfortgeriſſen verlaſſen ſelbſt der Küſter und ſeine Frau die Kirche.

Der Ausfall der letzten Pariſer Wahlen in Verbindung mit dem Leichenbegängniß Bérangers conſtatirt eine That⸗ ſache, deren Bedeutung allerdings leicht überſchätzt werden kann, die aber doch wieder nicht zu gering angeſchlagen werden darf, nämlich den offenen Bruch zwiſchen dem Kaiſerthum Napoleons III. und dem Pariſer Volke. Bekanntlich hat das letztere in fünf Wahlbezirken vermittelſt einer Verbindung der liberalen und republikaniſchen Bourgeoiſie mit den Arbeitern Oppoſitionsabgeordnete in den geſetzgebenden Körper von Frank⸗ reich gewählt. Es wäre klug geweſen über dieſen Vorfall, der bei einiger Kenntniß des Pariſer Volkes, ſeiner oppoſitionellen Erregbarkeit und revolutionären Erinnerungen nicht eben über⸗ raſchen konnte, und der gegenüber dem vollſtändigen Siege der Regierung in den Provinzen an ſich ſehr wenig bedeutete, leicht hinwegzugehen und keine Gereiztheit oder Aerger zu zeigen. Die franzöſiſche Regierung konnte das nicht: ſie war aigrirt über die Undankbarkeit des Pariſer Volkes, als ob man den Pariſern zumuthen könnte den Umſturz der republikaniſchen Verfaſſung, welche Paris eine ſo hohe politiſche Bedeutung verlieh, als eine Wohlthat zu betrachten. Durch dieſe Gereiztheit verleiht man aber Paris und dem Pariſer Volke erſt wieder eine Bedeutung, die ſie ſeit dem Staatsſtreich entſchieden verloren hatten. Der ärgſte faux pas aber, deſſen ſich die franzöſiſche Regierung in dieſer ihrer Verſtimmung ſchuldig machen konnte, knüpft ſich an den Tod des bedeutendſten und populärſten Liederdichters, den Frankreich je beſeſſen, Bérangers. Béranger, der Sänger des Volks und der Revolution, der Mann, deſſen Lieder tiefer in das Volk eingedrungen als diejenigen irgend eines Volksdichters der neueren Zeit, weil er das franzöſiſche Volk mit allen ſeinen Vorzügen und Schwächen, ſeinem Patriotismus, ſeinem Durſt nach Gloire, ſeiner Gleichheitswuth, ſeinem Freiheitspathos, mit ſeiner Sinnlichkeit und ſeiner leichten voltairianiſchen Lebens⸗

auffaſſung beſungen hat, Béranger ſtarb, ein hoher Siebenziger,

am 16. Juli zu Paris, arm, wie er gelebt, denn er hatte von je, im Gegenſatz zu den Durchſchnittsfranzoſen, es verſchmäht, die

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Gunſt, die er ſich bei Hohen und Niedern erworben Béranger hatte kaum einen andern Feind als die Pfaffen zu ſeinem Vortheil auszubeuten, er war ſtets ein unabhängiger Mann ge⸗ blieben, der keiner Gewalt ſchmeichelte, kein Uglück höhnte, einer der liebenswürdigſten und achtungswertheſten Repräſentanten des Franzoſenthums. Sein politiſches Lied war eine Macht geweſen zur Zeit der Reſtauration, die es dem Gelächter und der Verachtung Preis gab und ſtürzen half mit der Julirevolution war ſeine Miſſion beendet. Als ihn das Pariſer Volk nach der Februarrevolution auf die politiſche Bühne zerren wollte und zum Abgeordneten wählte, verbat er ſich die Ehre: ſeine ſchöne Zeit war vorüber und er wollte den Abend ſeines Lebens nicht durch die Täuſchungen und Verirrungen trüben laſſen, in welche Frankreich durch die Februarrevolution getrieben wurde. So blieb er rein von dem widrigen Faktionsweſen des letzten Jahrzehntes, das ſo manchen großen Namen verdunkelt hat, der Sänger der ganzen Nation, wie ſie in einem leuchtenden Bild vor ſeiner Seele ſtand, unabhängig und frei, ungerührt durch die Anerbietungen von Chre, Gunſt und Gehalt, die er beſtimmt ablehnte, mochten ſie von der Akademie oder von Napoleon III. kommen. Dieſem Mann, in welchem Frankreich ſein eigenes beſſeres Weſen verehrte, im Tode die freien Huldigungen der trauernden Nation mißgönnen und ihn in unanſtändiger Eile, in einem officiellen und polizeilichen Leichencondukt, unter Aus⸗ ſchluß der nicht uniformirten oder betitelten Nation auf den Kirchhof ſchkeppen, das iſt ein Verbrechen gegen den Genius Frankreichs, welches vielleicht ungerochen bleibt, aber nimmer⸗ mehr verziehen werden kann. Das intelligente und ſelbſtbe⸗ wußte Frankreich und Napoleon III. ſind fortan geſchieden und in offenem Kampfe mit einander und es gibt kein geſchichtliches Heiligthum der franzöſiſchen Nation, an welchem das jetzige Regiment ſich vergreifen zu ſehen undenkbar wäre, nachdem es die fromme Verehrung für Frankreichs größten Dichter zu einem Akt der Empörung geſtempelt. Wenn die franzöſiſche Nation eine ſolche Mißhandlung ihrer Heiligthümer verdient oder nicht abzuwenden vermag, ſo müſſen wir ſie zu den Todten werfen.

Vom 19. Juli an iſt auf Veranſtaltung des Erbprinzen Georg zu Sachſen⸗Meiningen in den Räumen des Theaterge⸗ bäudes und in einem Saale des Gewächshauſes zu Meiningen eine Ausſtellung von Cartons berühmter Meiſter eröffnet. Handzeichnungen von Cornelius, Kaulbach, Schnorr, Schwind finden ſich hier vereinigt. Eine ſolche Aus⸗ ſtellung iſt ohne Zweifel neu und originell, auch ſicher von hohem Intereſſe, aber doch, ſollten wir denken, vorzugsweiſe nur für ſolche, welche förmliche Kunſtſtudien machen wollen, nicht für ein großes Laienpublikum, wie es ſich in Meiningen zuſammen⸗ finden kann.

Immer beſtimmter tritt in den engliſchen Zeitungen und Correſpondenzen die Behauptung auf, daß ruſſiſche Agenten thätig geweſen um den Aufſtand und die Deſertion der indiſchen Regimenter zu veranlaſſen. Allerdings fan⸗ den ſie bereits viel Zündſtoff vor. Vor allen Dingen muß man, um die Ereigniſſe in Indien richtig zu beurtheilen, und der bri⸗ tiſchen Regierung nicht eine übergroße Schuld daran zuzuwälzen, wohl bedenken, daß in dem ungeheuren indobritiſchen Reiche vollſtändige und unbeſchränkte Preßfreiheit nicht blos geſetzlich beſteht, ſondern daß auch reichlicher Gebrauch davon gemacht wird. Vom Himalaya bis zum Cap Comorin erſcheinen in allen möglichen Sprachen und Dialekten Tauſende von Zeitungen, denen kein Wort der Rüge oder des Angriffs entgeht, welches im Parlament zu Weſtminſter gegen dieMißverwaltung Indiens fällt, und man weiß, mit welcher rückſichtsloſen Energie ſowohl