ſind doch ſonſt nicht eben blöde in der Vorherſage von ihren Schöpfungsthaten. Freilich kann man es ihnen beim heutigen Stande des Bühnenweſens im Allgemeinen auch gar nicht ver⸗ denken. Denn was aus der Fremde kommt, wird faſt unbeſehen genommen, während Einheimiſches nur bei ein Paar Bühnen einigermaßen begünſtigt erſcheint. Das hängt mit dem Ver⸗ fall der Kunſt eben ſo zuſammen, wie mit dem Mangel patrio⸗ tiſchen Stolzes der Deutſchen. Etwas beſſer iſt's in der Oper beſtellt, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil die muſikaliſche Production gegenwärtig überhaupt ſo ſchwach vertreten iſt, daß der Hunger zum beſten Koch wird.
Doch dies ſind eigentlich Winterbetrachtungen, deren der heiße Sommerhimmel ſpottet. Man braucht ſie heut noch nicht, die Welt iſt noch auf Reiſen. In dichten Strömen fliegt der Wanderzug über die langgeſtreckten Eiſenbänder vom Norden nach Süden, vom Oſten nach Weſten. Dennoch klagen nament⸗ lich die Spiel⸗ und Luxusbäder am Rhein über mangelnde Leute des grünen Tiſches. Iſt dies ein Reſultat der ernſter gewordenen Lebensauffaſſung, dann ſei dem Himmel Dank dafür! Oder ſpielen wir heut im Geſchäftsleben ſo viel, daß die glänzenden Geldrollen und der heiſere Ruf des Bankhalters ihren Reiz ver⸗ loren haben? Darüber nachzudenken ſei Jedem anheimgeſtellt.
W as helieht.
Bekanntlich iſt die Memoirenliteratur unſerer Zeit vor Kurzem durch ein neunbändiges Werk vermehrt worden, welches die Aufzeichnungen Marmonts, des franzöſiſchen Marſchalls und Herzogs von Raguſa enthält; ein Werk von hoher geſchichtlicher Bedeutung, das ſogleich nach ſeinem Er⸗ ſcheinen auch in Deutſchland. großes Aufſehen erregte. Marmont iſt natürlich der erſte und wahrſcheinlich der einzige Franzoſe, welcher die ganze napoleoniſche Zeit und ganz beſonders die Kataſtrophe der napoleoniſchen Herrſchaft mit einiger Unpartei⸗ lichkeit, nicht vollſtändig geblendet durch nationale Eitelkeit, dar⸗ ſtellt, der den Gegnern Napoleons einige Gerechtigkeit wieder⸗ fahren läßt, und an dem„Helden des Jahrhunderts“ auch die Schwächen bloßlegt. Dieſe Unparteilichkeit und Wahrheitsliebe von Seiten eines Franzoſen iſt ein Wunder, und es bedurfte einer außerordentlichen Verkettung von Umſtänden, um ein ſolches Wunder hervorzubringen. Um gerecht und wahrheits⸗ liebend zu werden, mußte Marmont durch eine Verknüpfung von Ereigniſſen zuvor ſeines Charakters als Franzoſe ſo zu ſagen entkleidet und in die Nothwendigkeit verſetzt werden, zur Rettung ſeiner perſönlichen Ehre und ſeines Rufs vor der Nachwelt der Wahrheit einen Tribut zu entrichten, zu welchem ſich der Fran⸗ zoſe als ſolcher nicht ſo leicht entſchließt. Als der Beherrſcher
Europas durch die Uebermacht der empörten Nationen, die er
zertreten hatte, niedergeworfen war, ſchrie die ganze eitle Nation der Franzoſen, unfähig einzuräumen, daß ihr Held durch loyale Mittel beſiegt ſei, über Verrath. Nur der Verrath konnte Ihn fällen. Um dieſe Selbſttäuſchung der nationalen Citelkeit aufrecht zu halten, bedurfte man natürlich eines Verräthers, und es traf ſich, daß Marmont, welcher nach ſtrenger Erfüllung
aller ſoldatiſchen Pflichten und Erſchöpfung aller Mittel des
Widerſtandes die Capitulation von Paris abgeſchloſſen hatte, das Opfer wurde, welches man dem großen Ungeheuer vorwarf. Obgleich Napoleon ſelbſt von St. Helena aus dem Benehmen des Marſchalls alle Gerechtigkeit widerfahren ließ, blieb das Dogma in ganz Frankreich: Marmont iſt der Verräther! Es iſt pſychologiſch erklärlich, daß dieſe ſchreiende Ungerechtigkeit gegen einen Mann, der das volle Bewußtſein äußerſter Pflicht⸗ erfüllung hatte, ihm den Uebertritt und die Hingebung an die Bourbonen ſehr erleichterte. Soldat im Dienſte der Bourbonen, wie er es im Dienſte des Kaiſers geweſen war, obwohl er für ihre Regierungsmaximen keine Sypathien und hinlänglich Verſtand und Bildung beſaß, um einzuſehen, daß dieſe Maximen zum Verderben führen mußten. Die Ironie des Schickſals machte nun den Mann, der ſich per⸗ ſönlich von allen Abwegen und Verirrungen der bourboniſchen Politik fern gehalten, zum Commandirenden der Truppen, welche
Marmont ward ein pflichttreuer
im Juli dieſe unglückſelige Politik gegen das empörte Volk ver⸗ theidigen ſollten. Er mußte ſeine Pflicht thun, obgleich er den Ausgang vorausſah. Nach dem Siege des Volks ſtieß ihn Frankreich aus, zwang ihn, den Reſt eines thatenreichen, ruhm⸗ bedeckten Lebens als Verbannter auf fremder Erde zu verbrin⸗ gen, und ſo heftig war der Haß des Volkes gegen den doppelten „Verräther,“ daß ſelbſt Louis Napoleon es nicht wagte, ihm die Rückkehr nach Frankreich zu geſtatten. Dieſe namenloſe Mis⸗ handlung bewirkte das Wunder, das jetzt alle Welt in Staunen ſetzt: einen Franzoſen nämlich, der ohne die lächerlichſten Groß⸗ ſprechereien und Lügen franzöſiſche, zumal napoleoniſche Ge⸗ ſchichte ſchreibt. Es erklärt ſich daraus aber auch die Erbitte⸗ rung, mit welcher man in Frankreich einzelne Ungenauigkeiten oder ſtreitige Punkte der Marmont'ſchen Memoiren herausgreift, um dem Verfaſſer im Ganzen noch einmal im Grabe den Proceß zu machen. Die Thatſache kann dadurch nicht geändert werden, daß unter allen franzöſiſchen Memoiren über die Napoleoniſche Zeit die Marmont'ſchen diejenigen ſind, welche am meiſten ge⸗ ſchichtliche Wahrheit enthalten.
Wie Douglas Jerrold Schriftſteller ward. Ein armer Londoner Druckerjunge wohnte der erſten Aufführung von Webers ‚Freiſchütz“ bei und ward von der Muſik überwältigt. In der Nacht drängt es ihn ſich hinzuſetzen und ſeine Empfin⸗ dungen zu Papier zu bringen; das Manuſcript ſteckt er am nächſten Morgen in den Briefkaſten eines Redakteurs und bekam es an demſelben Tage wieder zurück— zum Setzen. In Folge dieſes begeiſterten Artikels über deutſche Muſik wurde der unbe⸗ kannte Schriftſteller aufgefordert, mehr zu ſchreiben— und er ſchrieb mehr. Der arme Druckerjunge wurde— zwar nicht ein reicher Mann, aber der berühmte Humoriſt Douglas Jerrold.
Die mittelalterlichen Ordealien, kraft deren ein Ange⸗ klagter ſeine Unſchuld im Kampf gegen den Ankläger beweiſen konnte, kamen zwar bereits unter Eliſabeth in England außer Gebrauch, aber das Geſetz wurde nach engliſcher Weiſe nicht förmlich abgeſchafft. So konnte es geſchehen, daß im Jahr 1818 ein pfiffiger Advokat ſeinem Clienten, der ein ſchönes Mädchen verführt und dann ermordet hatte, rieth ſich auf das noch zu Recht beſtehende, wenn auch ſeit Jahrhunderten nicht mehr in Anwendung gebrachte Geſetz zu berufen, und ſich zu einen Kampf mit dem Bruder des Mädchens zu erbieten. Der Gerichtshof der Kingsbench war genöthigt, der Berufung Statt zu geben, und da der Bruder den Kampf ausſchlug, ſo wurde der Mörder in Freiheit geſetzt. Jetzt erſt entſchloß man ſich, das uralte Ge⸗ ſetz aufzuheben.


