Jahrgang 
1857
Seite
375
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wohnte Fiſcherdeputation dem Könige von Holland die erſten neuen Häringe überreichte es war am 2. Juli und auch der diesjährige Häringsfang iſt reichlich ungefähr an demſelben Tage begannen die Getreideſchnitte in Süddeutſchland. Bereits weht der Wind über weite Stoppelbreiten, und dieſe erſten Vor⸗ boten des Herbſtes wären vielleicht noch weiter vorgerückt, wenn nicht die Schnitterarbeit ſo theuer wäre. An Händen fehlt's jedoch ebenſowenig als ſonſt. Aber die Wanderſchaaren, welche vom Rieſen⸗ und Fichtelgebirg, vom Thüringer⸗ und Weſterwald, von der Eifel wie von der ſchwäbiſchen Alb, vom Hardtgebirg, Oden⸗ und Schwarzwald niederſteigen, um den Reichthum der glücklicheren Ebenen einzuheimſen, ſie fordern jetzt für ihre ſchwieligen Hände eine Nachleſe von dem ungeheuren Gewinn, welchen das Bodencapital dem Grundbeſitzer ſeit faſt zehn Jahren ununterbrochen abwarf. Ueberkluge Gutsherren haben aber auch jetzt noch mit ihren Vorräthen zurückgehalten; und da ſie endlich dieſelben zu Markte bringen, fehlen jene ſcharfmarkirten Geſichter, welche noch vor wenigen Wochen dem Landwirth auf halbem Wege entgegenkamen, damit er die Preiſe hochhalte. Die Kornſäcke ſtehen großentheils unverkauft, die Geldkatze am Gurt kommt ungeſchwellt wieder heim, der Grundbeſitzer muß in die Zinſenkaſſe greifen, um den neuen Ernteſegen unter Dach und Fach zu bringen. So verlangſamt ſich das Erntegeſchäft und die vollkommen ungewohnte Erſcheinung tritt ein, daß die Getreidepreiſe ſchon unter dem Schnitt weichen.

Freilich daran dürfen wir nicht denken, daß uns das Leben wieder ſo wohlfeil geboten wird wie in den dreißiger und vier⸗ ziger Jahren. Die ganzen Verkehrsgeſtaltungen ſind anders geworden, die Vertheilung des Productenreichthums gleichmä⸗ ßiger, darum totale Ueberfülle unmöglich. Aber unter den jetzigen Preisſtellungen iſt ſchon eine Herabſetzung die höchſte Wohlthat und von dem Brotpreiſe hängen ſo ziemlich alle Preiſe ab. Auch die Arbeitslöhne werden raſcher zurückgehen, als ſie hinaufſtiegen. Den meiſten Schaden thun ſich aber namentlich die zünftigen Geſellen ſelbſt, ſeitdem ſie an mehrern Orten, nach⸗ dem ſie eine Erhöhung des Arbeitslohns erreicht, die Zahl ihrer Feiertage ſofort verdoppelt haben. Wo Zunft⸗ und Innungs⸗ weſen dem alten Schlendrian keine Bruſtwehr und der Streb⸗ ſamkeit keine Feſſel iſt, da wachſen ganz natürlich die fabrikartigen Unternehmungen immer häufiger empor, welche bekanntlich auch dem gelernten Handwerker geringeren Lohn, wenn ſchon ſicherere Arbeit als der Innungsmeiſter bieten. Daran ſcheinen die Sieger der Strikes nicht zu denken bei ihren Triumphgelagen; eben ſo wenig wie gewiſſe Fabrikanten, die ihre Strikes Coalition nennen und von polizeilichem Einſchreiten unbe⸗ helligt bleiben, daran, daß auch der Schutzzoll keine ewige

Ueberhaupt, Alles hat ſeine Zeit ſagt ſchon der alte Literat Salomo. Das fühlen auch die Börſenmänner, welche nunmehr über entſetzlicheFlauheit und Mattigkeit klagen, nachdem ihr Credit ſeit dem Abbruch des orientaliſchen Kriegs mit vollem Winde geſegelt, der ihnen großentheils das Privat⸗ kapital zuſtrömte. Das Privatkapital ſtrömt jetzt zurück; ſucht nach beſſeren Anlagen, wenn auch mit geringeren Renten in Ausſicht. Aber die Spekulationspapiere bleiben doch? O ja; die Börſe erinnert ſich ſogar daran, daß ſie einmal politiſch war. Sie läßt die franzöſiſchen Rentenbriefe fallen, weil Paris oppo⸗- ſitionelle Scherben in die Wahlurnen warf. Sie fühlt ihr un⸗ bedingtes Vertrauen auf den Napoleon des Friedens und der Induſtrie wanken und hört nicht auf die offiziellen Beſchwichti⸗ gungen. Dieſe Stimmenſchwärme für Cavaignac und Comp. ſind freilich auch die einzige Wolke in der ſchwülen Atmoſphäre, der ſie nicht traut. Von den ſinnloſen Aufſtänden in Italien hat ſie gar keine Notiz genommen; ſie hat ſeit der Tartarenbot⸗

V Dauer hat.

phoniumblitze aus Notenpapier geblaſen werden.

ſchaft jahrelang daran gelernt, leeren Lärm von einem wirklichen Donnergrollen zu unterſcheiden. Die däniſch-deutſche Ange⸗ legenheit zog ſie vollends gar nicht in ihre Rechnung; ſie wußte es ja in ihrem objectiven Patriotismus ganz genau, daß Kolo⸗ Auch zünden ſie nicht, vielmehr erhält eben jetzt die etwa kriegsbange Welt die beruhigende Verſicherung, daß Deutſchlands durchlauchtiger Bundestag nicht einmal ſeine Ferien zu verſpäten oder gar ab⸗ zukürzen für nöthig erachtet. Er geht von den letzten Wochen

des Julibis zum Oktober auseinander,da bis dahin ſchwer⸗

lich die Angelegenheit ſo weit gediehen ſein wird, um die Thätig⸗ keit des Bundesorgans in Anſpruch zu nehmen ſagen die officiöſen Zeitungsartikel. Dieſe haben aber bekanntlich immer Recht. Vorm Jahr, wo es ſich um Preußen⸗Neuenburg handelte, hießbis zum Oktober bis zum 30. Oktober; und die fatale Frage kam nachher vor eine europäiſche Conferenz nach Paris. Ob auch diesmal die Dinge dieſen Weg und einen ſolchen Aus⸗ gang nehmen? Wer's erlebt, wird's erfahren. Vorläufig hat die Börſe Recht.

Neben dieſer diplomatiſchen Verſchleppung und Verſchlei⸗

fung einer vollkommen nationalen Frage iſt nunmehr reger

Eifer des deutſchen Volks für die lebendigen Opfer der däniſch⸗ deutſchen Sache in reichlichen Sammlungen bethätigt.Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt und überall die Jugend voran! Bemerkenswerth bleibt's indeſſen dabei, daß man aus Oeſterreich nichts Aehnliches vernimmt.*) Es nimmt ſich Großes mit Geringerem verglichen faſt eben ſo ſeltſam aus, wie das Fehlen des Verlegers der Schillerſchen Werke im Verzeichniſſe Derer, welche bis jetzt für dieSchillerſtiftung beigeſteuert haben. Dieſes Verzeichniß ſteht nämlich in einem BucheZur

Schillerſtiftung, welches mit ſeinem Ertrage der Stiftung zu

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Gute kommen ſoll, aber auch ſchon ſeines Inhalts halber ſehr kaufenswerth erſcheint. Gutzkow, Hammer, Wintersheim u. A. als Mitarbeiter leiſten dafür Bürgſchaft. Wer indeſſen lieber für den National⸗Ankauf von Schiller's Geburtshaus zu Mar⸗ bach beiſteuern will, der kaufeSchad's Muſenalmanach, deſſen nächſtens erſcheinender 8. Jahrgang, ſo wie der ſpätere 9. und 10. zum Beſten jenes Hauskaufs in den Buchhandel kommt. Wir unſrerſeits ſtimmen jedoch unbedingt für die Schillerſtiftung, ſo lang in Deutſchland die beſten Volksdichter, wenn ſchuldloſes Unglück ſie betraf, erbärmlich hungern dürfen und die Volksbe⸗ geiſterung für ſie erſt Jahrzehnte nach ihrem Tode in Denkmalen oder Grabſteinen ſich dankbar erweiſt. Dagegen oder dafür haben unſere Staatslenker freilich auch nicht zu fürchten, daß der Lei⸗ chenzug des populärſten Poeten mit politiſchen Demonſtrationen drohe. Man trägt ihn ſtill hinaus den ſtillen Mann, während Paris zwanzigtauſend Soldaten aufſtellte, als Béranger am

17. Juli nach dem Pore la Chaiſe gefahren wurde. Und Bé⸗

ranger war doch eigentlich ſchon ſeit ſiebzehn Jahren, ſeit der Julirevolution, ein ſtiller Mann geweſen.....

Doch da wir gerade bei der Literatur ſind, mag es auch gleich erwähnt ſein, daß eifrige Romanleſer für den Herbſt und Winter nicht um Stoffmangel verlegen ſein dürfen. Louiſe Mühlbach arbeitet an einem bloß zehnbändigen hiſtoriſchen Roman, Aehnliches ſoll von Gutzkow nach der modern⸗ſozialen Seite geliefert werden; auch Guſtav Kühne, Theodor Mundt, Theodor Mügge, Ida von Düringsfeld, Levin Schücking von Allen werden romantiſch⸗epiſche Thaten verheißen. Deſto ver⸗ waiſter ſcheint auch dieſes Jahr das Theater bleiben zu ſollen. Außer ein Paar Luſtſpielen von Theodor Apel iſt noch kein neues dramatiſches Erzeugniß angekündigt, und unſere Poeten

*) Auch in Deutſchland ſind ja bis jetzt dieſe Sammlungen noch vereinzelte und von ſpärlichem Ertrag. D. Red.