Jahrgang 
1857
Seite
372
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Lebens ſeinen Bürgern vorleuchtete, in deſſen Bruſt ein warmes Herz ſelbſt für den Niedrigſten ſchlug, und anerkannt nicht blos in Deutſchland, ſondern in der ganzen wiſſen⸗ ſchaftlich gebildeten Welt als ein vorwärts ſtrebender, von den humanen Ideen ſeiner Zeit erfüllter Fürſt, einſam in den Schöpfungen ſeines großen Parks bei ſeinem Reſidenz⸗ ſchloſſe umherwandelte, daß nur ſelten einem Bürger Ein⸗ tritt in denſelben geſtattet war. Jetzt dagegen ſind alle Theile dieſer herrlichen Parkanlagen zu jeder Tageszeit für Reich und Arm geöffnet, und Ernſt IV. hat keinen Augen⸗ blick Anſtand genommen, in ihren ſchönſten Partien die verſchiedenen Arten von Zuchtvieh ausſtellen zu laſſen. Wer hätte vor einem halben Jahrhunderte den Gedanken auszu⸗ ſprechen gewagt, den Hof des Reſidenzſchloſſes zur Ausſtel⸗ lung von Pflügen, Dreſch⸗, Häckſel⸗ und Futterſchneide⸗ maſchinen benutzen und alle dieſe Maſchinen hier vor der ſchauluſtigen Volksmenge in Betrieb ſehen zu dürfen?

Doch noch mehr. Herzog Ernſt IV. zog bei dem land⸗ wirthſchaftlichen Feſte nicht blos die hervorragenden Männer der Praxis und Wiſſenſchaft des landwirthſchaftlichen Be⸗ triebes in ſeine Nähe, ſondern auf dem Ausſtellungsplatze ſaß er mit den Preisrichtern mitten im Volksgewühle an einer Tafel, an der ein Jeder Platz nehmen konnte. Er be⸗ ſchränkte ſich nicht darauf, die Preiſe, welche den Ausſtellern der vorzüglichſten Gegenſtände zuerkannt waren, dieſen ſelbſt zu überreichen, ſondern er wollte im unmittelbarſten unbe⸗ fangenen Verkehre mit dem Volke die Stimmungen ſelbſt mit empfinden, welche das Feſt hervorrief.

Daß dies heut zu Tage ein Fürſt thut und thun kann, ohne irgend ſeinem fürſtlichen Anſehen etwas zu vergeben, daß er vielmehr damit in den Augen des Volks ſteigt, das iſt ein Fortſchritt der Zeit, der in ſeiner ganzen Bedeutung nur gewürdigt werden kann, wenn man ſich die Vorſtellungen frü⸗ herer Zeit von fürſtlicher Würde und die tiefe Kluft, welche ſonſt die Fürſten von dem Verkehre mit der großen Volks⸗ menge trennte, ſich vergegenwärtigt. Solch unmittelbarer Verkehr der Fürſten Thüringens mit dem Volke iſt der alleinige Weg, ihnen tiefe Sympathien bei demſelben zu er werben; an die Monarchie von Gottes Gnaden, von der ein thüringiſcher Miniſter im vorigen Jahre bei einer landwirth⸗ ſchaftlichen Ausſtellung ſprach, kann in ſolchen kleinen Terri⸗ torien nur erinnert werden, wenn man etwa die Abſicht hat, ſie lächerlich zu machen.

Durchwandern wir nunmehr die einzelnen Abtheilungen der landwirthſchaftlichen Ausſtellung und machen wir uns mit den Zwecken bekannt, welche bei ihr verfolgt worden ſind.

Thierſchauen werden mit Ausnahme der großartigen Ausſtellungen, wie ſie die letzte Zeit Paris und Wien ge⸗ ſehen hat, oder wie ſie bei der ausgebildeten Viehzucht und den eigenthümlichen Verhältniſſen Englands ſtattfinden, im Weſentlichen ſich jederzeit auf das Zuchtvieh aus dem Umkreis von wenigen Meilen vom Ausſtellungsorte beſchränken. Die Schwierigkeiten und Koſten des Transports des Viehes aus größeren Entfernungen ſind zu bedeutend; noch größer die Schwierigkeiten und Koſten große Mengen von Vieh auf eine die Geſundheit nicht gefährdende Weiſe unterzubringen. Inſofern die Thierſchauen vorzugsweiſe auf die große Menge der Landwirthe berechnet ſind; inſofern ſie nicht den Zweck haben zu zeigen, was unter ganz verſchiedenen Verhältniſſen anderwärts in der Viehzucht geleiſtet wird, ſondern inſofern ſie vielmehr die Landwirthe einer beſtimmten Gegend zur Vergleichung ihrer Leiſtungen veranlaſſen und auf das aufmerkſam machen ſollen, was ſich unter den gege⸗ benen Verhältniſſen bei intelligenter Züchtung erreichen läßt,

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iſt aber auch eine derartige Beſchränkung der Thierſchau keineswegs ein Mangel.

Das Programm der Ausſtellung hatte eine Grenze für die Ausſteller nicht gezogen; mit wenigen Ausnahmen war jedoch faſt nur das Herzogthum Gotha vertreten. Die Aus⸗ ſtellung bot indeß nichts weniger als ein vollſtändiges Bild der Leiſtungen ſeiner Viehzucht dar. Die drückende Hitze mochte Manchen abgehalten haben ſein Vieh zur Ausſtellung zu bringen; allein nicht wenige Ortſchaften und gerade die⸗ jenigen, von denen beſonders vorzügliches Vieh zu erwarten geweſen wäre, mögen ſich wohl in Folge der noch herrſchen⸗ den Rivalität der landwirthſchaftlichen Vereine an der Aus⸗ ſtellung nicht betheiligt haben.

Am zahlreichſten war die Ausſtellung der Pferde. Sie belief ſich auf einige 90 Stück. Ein großer Theil Gothas iſt mit beſonderer Vorliebe der Pferdezucht zugethan, obſchon nichts weniger als günſtige Weideverhältniſſe für ſie vorhanden ſind. Sie wird zum größten Theile in der Weiſe betrieben, daß Saug- und andere Fohlen von den durchziehenden Pferde⸗ händlern und den benachbarten Märkten gekauft und groß gezogen werden. Doch i*ſt ſeit Jahren viel geſchehen, um von eigenen Mutterſtuten Fohlen aufziehen zu laſſen. Zu verſchiedenen Malen haben auf Aktien Ankäufe geeigneter Zuchtſtuten im Auslande ſtattgefunden, die dann auctions⸗ weiſe im Lande verkauft worden ſind. Theils aus Landes⸗, theils aus Privatmitteln des Herzogs werden ferner Beſchäl⸗ hengſte gehalten, um namentlich kräftige Arbeitspferde zu er⸗ zielen. Ihre Zahl beträgt gegenwärtig 12. Die in neuerer Zeit außerordentlich geſtiegenen Preiſe der Pferde haben natürlich auch die Liebhaberei an der Pferdezucht vermehrt; ob mit Recht, mag bei der großen Streitfrage über die verhältniß⸗ mäßig größere Rentabilität der Pferde⸗ und Rindviehzucht hier unerörtert bleiben.

Die Ausſteller der Pferde waren größtentheils bäuerliche Landwirthe und ihnen fielen auch faſt ſämmtliche Preiſe, be⸗ ſtehend in ſilbernen Bechern, ſilbernen und bronzenen Me⸗ daillen zu.

Die ausgeſtellten Rindviehſtücke waren ſammtlich aus dem Herzogthum Gotha. Mit Ausnahme des Viehes einiger Domänen⸗ und anderer größerer Güter, welche mit Rigi⸗ und Allgäuer⸗Race theils veredelt, theils dieſelben rein ge⸗ züchtet haben, waren faſt nur die gewöhnlichen Landracen, hervorgegangen aus den bunteſten Blutmiſchungen, vertreten. Es iſt für ihre Veredelung neuerlich in Gotha viel geſchehen und die ausgeſtellten Thierſtücke verdienten zum Theil alle Anerkennung. Sehr zu beklagen war es deshalb auch, daß die Ausſtellung ſo wenig beſchickt war und viele Ortſchaften, welche das ſchönſte Rindvieh aufzuweiſen haben, ſich gar nicht betheiligt hatten.

Ein weſentlicher Uebelſtand für die Rindviehzucht im Herzogthum Gotha, ſowie wohl auch anderwärts, iſt bis jetzt die Einrichtung in vielen Gemeinden, daß die Bullenhaltung an den Mindeſtfordernden verdungen oder als eine Pachtbe⸗ dingung den Pachtern von Gemeindeſchenken auferlegt wird. Doch ſind bereits Schritte gethan, um dieſe Ueberbleibſel eines rohen Betriebs der Viehzucht zu beſeitigen.

Die außerordentlichen Fortſchritte, welche die Schweine⸗ zucht in Zeit durch die Einführung engliſcher Racen und die g derſelben mit den Landracen gemacht hat, zeigte die Ausſtellung recht ſichtbar. Namentlich traten die Vortheile der Kreuzung dieſer Racen in Bezug auf Frucht⸗ barkeit und Fähigkeit ſchneller Mäſtung in den zuſammenge⸗ ſtellten 40 Abkömmlingen von einer einzigen Sau hervor.

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