Jahrgang 
1857
Seite
370
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Skizzen aus Rom. Von Emma Niendorf.*) I. Corſo degli Ingleſi auf der Cicchinna bei Rom.

An einem der ſonnigen letzten Märztage holte mich die Equipage unſerer Freunde ab zum jährlichenWettrennen der Engländer auf der Cicchinna, für das eine Geſellſchaft zuſammengetreten iſt. Eben dröhnte vom Caſtel S. Angelo die franzöſiſche Kanone, welche der Weltſtadt die zwölfte Stunde mezzo giorno verkündet. Wir fuhren, vorbei an dem Moſesbrunnen auf der Piazza dei Termini*) wie das Volk in ſeiner Weiſe die Thermen des Diocletian überſetzt zur Porta Pia hinaus, dem Denkmale der letzten Lebensjahre Michel Angelo's. Durch welches Thor man Rom auch verlaſſen mag, überall halten uns noch während V langer Strecken die hohen Gartenmauern gefangen, die Un⸗ geduld ſpannend, aber nothwendig wegen derladri, um alle Landhäuſer in Feſtungen zu verwandeln. Rechts zeigt V man uns die Villa Tortonia, während links in einiger Ent⸗ fernung die Villa Albani auftaucht. Weiter hin kommen wir noch an einer zweiten Villa Tortonia vorüber, die ſich zwiſchen ihren Piniengruppen mit künſtlichen Ruinen brüſtet, welche doch mindeſtens in Rom Luxus ſcheinen; und bald nachher an S. Agneſe fuori le Mura, das an die Cata⸗ ſtrophe erinnert, welche Pius IX. durch das Einſinken des Saales drohte. Seitdem hat man die Kapelle und einen Theil des Kloſters völlig eingeriſſen und bereits wieder neu⸗ aufgebaut, auch bei dieſer Gelegenheit die frühmittelalterliche Baſilika nicht ohne Geſchick reſtaurirt. An dieſelbe lehnt ſich die kleine Rotonda der h. Coſtanza, urſprünglich das Grabmal der Töchter Conſtantins des Großen.

Inzwiſchen hat uns der Staub wie eingepudert; denn es iſt ſchon jetzt auf der Straße ein Wettrennen von Fahr⸗ zeugen jeder Art, alles drängt jener Barrière zu, an wel⸗ cher ſich die Equipage ihren Einlaßzettel mit zwei Scudi löſt. Hier öffnet ſich die Cicchinna, dieſe weite Wieſenſtrecke, welche eine der herrlichſten Partien der Campagna bildet. Gleich vorne herein tummeln ſich Reiter, Kaleſchen, Wagen und Karren bunt durcheinander, mit Pferden und Saum⸗ thieren beſpannt, auf Alpenſammet; längs dem Geſtade des Teverone, der wie durch Lauben flutet im friſcheſten Grün überhangender Bäume, welche gleichſam, ähnlich den recht jungen Geſellen, in den Wellen ſich ſelbſt anzulachen ſcheinen. Je ferner die Roſſe mit uns davon fliegen, deſto mehr über⸗ raſcht der Adel der uns umfangenden Natur; dieſer große Horizont, die gewaltigen, ſtillen Wolkenzüge, der hehre Kreis des in edlen Schönheitslinien emporſteigenden Gebirgs; auf der einen Seite die Sabiner Gipfel, die Abruzzen, die Lio⸗ neſſa und der Velino mit ihren ſilbernen und auch von Sil⸗ berwolken geküßten Häuptern; auf der andern der vulkaniſche Kranz von Albano; die Städtchen alle, von Frascati bis zu Caſtel S. Gangolfo, gleich weißen Perlen am blauen Alpen⸗ diademe ſchimmernd. So weit das Auge in der Campagna reicht, nichts als Grün und Grün, hellſtes Maigrün, in holden Wogen, an dem man ſich nicht ſatt ſchaut, das uns in's Herz lacht, wenn uns jene Gebirge voll ſüßer Hoheit und zärtlichen Schmelzes zu ſehr verzaubern.

Dort auf den Matten weiße Schafheerden gerade vor

*) Wir ſind in Stand geſetzt aus dieſen demnächſt erſcheinenden Skizzen einzelne auszuheben und unſern Leſern darzubieten. D. Red. **)Termini heißt wörtlichGrenzſteine.

dem ernſten grauen Gennaro mit der ſtolzen Felſenſtirne, auf deſſen Mantelſaume Tivoli gleich einem Juwel glänzt. Hier dicht zu unſeren Füßen, auf dieſem Frühlingsteppiche, das farbigſte, fröhlichſte Gewimmel vomcorso degli In- glesi. Welches luſtige Hin- und Herſprengen! Um die rothe Tribüne da unten gewahrt man am häufigſten die Feſt⸗ ordner mit ihrer hellblauen Schleife am Rocke; Jokey's und Grooms in ihren glitzernden Livreen gemahnen wie Gold⸗ und ſonſtige Käfer im Graſe. Die Höhen auf unſrer Seite ſind wie mit Schnüren von Equipagen eingefaßt; alle nur möglichen Fuhrwerke, vom Eſelskarren bis zum ſtolzen Vier⸗ geſpanne der Prinzeſſin; die Prinzen Roms und die Lords von Altengland haben ſich hier Rendezvous gegeben: das Pferderennen der Ingleſi iſt eine von den Welteroberungen der Barbaren, ein Sieg jenes modernen Römervolkes im Norden über das alte im Süden. Alle Faſhion der Seaſon von London entfaltet ſich hier mit bunten, ja reichen Toi⸗ letten, in prächtigen Kaleſchen; die Herren reiten, gefolgt von ihren Grooms, meiſt engliſche Pferde, berühmte Raſſen; und dieſe Söhne Albions thun hier als wären ſie in ihrer Country; wenigſtens iſt ſie nicht minder grün, die Campagna von Rom. Das iſt ein Jagen den ſteilen Raſenhügel auf⸗ und ab, Schimmel und Braune und Rappen, nicht zu ver⸗ geſſen das vornehm glänzendeIron-grey. Auch manche blonde Amazone hoch zu Roß, ſchlank im knappen ſchwarzen Gewande; neben dem braunen Schleier, der das roſige Antlitz ſchützt, flattert noch ein zweiter Nothvorhang von dem run⸗ den braunen Hütchen über den Nacken: der undurchdringliche brittiſche Schleier. Die Italienerinnen mit ihren Sammet⸗ wangen, ihren nächtigſchwarzen und doch ſo ſonnigen Augen, klatſchen in die Hand, ſobald ein Bekannter gewonnen hat, und rufen ihm laut mit den ſonoren Stimmen ihrevviva!s zu, wenn er, ſich ſeinen Triumph holend, zu ihnen herauf⸗ ſprengt an den Wagen.

Jener Gentleman hat ſich wie ein kleines Ränzchen ſein Opernglasfutteral umgeſchnallt über den Rücken; und dieſe goldlockigen Ladies laſſen ſich ihre ſchwellenden Wagenkiſſen auf das neue Gras breiten, unbekümmert vor den nahen Hufen der wildumherſprengenden päpſtlichen Dragoner, welche flugs das blanke Schwert ziehen, wenn ein Kutſcher nur irgend die ge⸗ ringſte Entgegnung macht, falls er, im allgemeinen Knäuel ver⸗ wirrt, nicht ausweichen oder nach Gebot umkehren kann. Alles Waffenklirren, Drohen, Scherzen, Lachen übertönt der melan⸗ choliſche heftige Eſelsſchrei von allen Seiten, nah und fern. Neben ihm bricht der grelle Ruf durch:cigarra, cigarre,

cigarre scelte! undbirra, birra! das ſie ganz dramatiſiren, mit verſchiedenen Steigerungen raſch hinter⸗

einander herausſtoßen. Dannaranci, aranci! es rollt nur ſo von goldenen Orangen über das Grün; da⸗ zwiſchen ſchieben ſich die Veilchenkörbe. Nur einige ſchwarz⸗ wallende Röcke erinnern an die Geiſtlichkeit. Deſto häufiger ſammeln ſich um die Foreſtieri und den ausgebreiteten frem⸗ den Luxus ttlerſchaaren, abenteuerliche und faſt immer originelle i ren ſtets die nämlichen, ſchon ganz ſtereotypen, di von der Piazza di Spagna und der Via de' Condotti kennt.

Lieber folgt das Auge aus dem Gedränge hinaus und weg von der Heerde der um die Wette galoppirenden Roſſe,