Jahrgang 
1857
Seite
369
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2 3 Tage ſchwanken. Nur in den ſeltenen Fällen, wo ein ſtarker Schüttelfroſt mit bedeutenden Krankheitserſchei⸗ nungen, ohne alle Vorläufer eintritt, iſt der Anfang genug ſam markirt. Außerdem iſt der Beginn am ſicherſten von dem Tage an zu rechnen, wo wirkliche fieberhafte Erſchei⸗ nungen ſich kundgeben.

Ein überall und in allen Fällen genau zutreffendes Bild des weitern Verlaufes des unter allen Formen, in jedem Stadium und namentlich auch in der ſcheinbar vollſten Wiedergeneſung höchſt gefährlichen Typhusleidens zu geben, iſt faſt ebenſo unmöglich, wie bei ſeinen Vorläufern und Ein⸗ leitungen. Man darf ja überhaupt nicht vergeſſen, daß es keine einzige ſchwerere Krankheit gibt, welche ganz rein, ohne jede Complication und Zufälligkeit im wirklichen Leben ge⸗ rade ſo verläuft, wie ſieim Buche ſteht. Immer und immer werden Abänderungen auftreten, welche das Buch nicht vorausſehen konnte; eben ſo wenig wie ein Geſetz jeden Einzelfall vorzuſehen vermag, auf welchen es im wirklichen Leben Anwendung finden ſoll. Beide können nur eine aller⸗ dings nothwendig aus Beobachtung und Erfahrung hervor⸗ gewachſene, immerhin aber theilweiſe theoretiſche Norm und Formel aufſtellen; beide werden ſogar minder brauchbar für die Lebenspraxis, wenn ſie jeder denkbaren Lebensgeſtaltung nachlaufen wollen. Und ein zuſammengeſetzter Lebens⸗ prozeß, wie jede Krankheit, iſt eben auch der Typhus; nichts Fremdes und dem Körper Aufgedrungenes, kein Weſen für ſich, das man mit Arzneimitteln plötzlich auslogiren oder heilen kann, ob es auch gleich in ſeinen Wirkungen nur auf Zerſtörung des geſammten Organismus gerichtet ſcheint. Man muthe alſo niemals dem Arzte zu, daß er den eigent⸗ lichen Typhusprozeß mit ſogen. ſpezifiſchen Mitteln be⸗ ſtürme. Dieſe können ſeine Geſtaltung nur ſtören, verſchlim⸗ mern oder, was ebenſo bedenklich, ſeinen Verlauf verſchleppen.

Man bilde ſich auch nicht ein, zwei oder mehrere Aerzte könnten mehr ausrichten, als der erſte, wenn dieſer einmal die Krankheit erkannt hat. Sind ſie ehrlich, ſo können auch ſie bloß gegen die ſo häufig mit augenblicklicher Todesgefahr drohenden Nebenzufälle mit den Mitteln der Kunſthilfe ein- ſpringen; und gerade mit dieſen Mitteln iſt jeder, auch der jüngſte Arzt, ſicherlich vertraut Ja, nach unſerer Ueber⸗ zeugung iſt ſelbſt ein junger ſtrebſamer, noch nicht überbe⸗ ſchäftigter Arzt, wenn er die Garantie des Wiſſens bietet, gerade im Typhus dem ältern, bequemern, von Geſchäften überhäuften und immerhin etwas abgeſtumpften Praktiker meiſtens vorzuziehen. Denn daß der Kranke fortwährend beobachtet werde, daß der Krankenpfleger fortwährend unter des Arztes Aufſicht handele, daß nicht die leiſeſte Andeutung einer Abweichung der Krankheitserſcheinungen vom regelmäßigen Gange unberückſichtigt bleibe darauf kommt Alles an, und dazu bedarf es täglicher, täglich mehr⸗ mals wiederholter, oft langer, ſelbſt häufig nächtlicher Be⸗ ſuche des Arztes am Krankenbette. Er darf keinen Augen⸗ blick exrmüden, ja ſelbſt geiſtig nicht von andern ſchweren Fällen ſeiner Praxis allzuſehr in Anſpruch genommen ſein.

Wenn nun auch alle dieſe Bedingungen erfüllt ſind, ſo bleibt doch der Pfleger die Hauptperſon. Nicht die Medi⸗ kamente, nicht der Arzt als ſolcher, ſondern in weit höherem Grade die Pflege hat es in der Hand, einen nicht allzuſchwe⸗ ren, unter günſtigen Vorbedingungen u beſondere Nebenzufälle verlaufenden Typhus zu oder un⸗ glücklichen Ende zu führen. Allein ſelbſt bei aller Gunſt der

äußern Verhältniſſe, einer kräftigen und ungeſchwächten Con⸗

ſtitution des Kranken, jugendlichem oder mannbarem Alter (Kinder und Greiſe erkranken ſelten am Typhus), wenn die

Möglichkeit guter Pflege, größte Reinlichkeit u. ſ. w. vor⸗ handen ſind niemals hat man ſichere Hoffnung auf einen guten Ausgang der Krankheit. Auch dauert ſie mit dem Stadium der ſorgſamſt abzuwartenden Reconvalescenz, ſelbſt wenn keine Nebenzufälle ſie erſchweren oder neu entſtandene Nachkrankheiten ſie unbemeßbar ausdehnen, oder Recidive ſie wiederholen, allermindeſtens vier bis ſechs Wochen, oft eben ſo viele Monate. Selbſt beim allergünſtigſten Verlaufe und bei der kürzeſten Dauer des Typhus iſt es Regel, den Kranken nicht vor dem Ende der ſechſten Woche für wirk⸗ lich geneſen zu erklären.

Die Aufgabe des Pflegers iſt alſo ſtets eine langwierige und betrifft überdies nicht bloß die Körperpflege, ſondern ebenſo das Gemüth. Denn wie jeder grelle Reiz die Sin⸗ nesorgane des Typhuskranken in allen Stadien nachtheilig berührt, ſo auch jeder grelle Eindruck ſein Gemüth, er mag nun trauriger, oder ſelbſt erfreulicher Natur ſein. Zank, wie lautes Lachen, jede Neuigkeit und jedes Ereigniß ſei vom Krankenbette entfernt, ſelbſt ſchroffer Widerſpruch im Verkehr mit dem Typhöſen, ſtrenge Befehle an den Delirirenden, Unwillensäußerungen wenn er Arznei zurückweiſt, ſeine Aus⸗ leerungen abgehen läßt, aus dem Bett ſpringt u. ſ. w. kön⸗ nen die nachtheiligſten Wirkungen äußern. Der Pfleger eines fremden Kranken wird ſich oftmals ſehr beherrſchen müſſen, um gerade in gemüthlicher Hinſicht ſeiner ſchweren Pflicht ganz zu entſprechen; und iſt uns der Kranke theuer, ſo werden oftmals die Aeußerungen ſeines abirrenden geiſti⸗ gen und gemüthlichen Weſens uns ſehr ſchmerzlich berühren, wie als ob ein böſer Dämon alles Das aus dieſer Seele geraubt habe, was uns lieb und theuer, um es durch Wider⸗ lichkeiten zu erſetzen. Tröſten und beruhigen muß uns jedoch auch ſofort die Ueberzeugung, daß nicht der eigne Geiſt des Geſunden uns entgegentritt, ſondern der krankhaft umge⸗ ſtimmte eines Körpers, deſſen Blut vergiftet und in deſſen feſten Theilen nach überſtandenem Typhusprozeß vielleicht kein Atom vorhanden iſt, welches nicht vom Stoffwechſel verändert wurde. Dabei gewährt es einem dem Kranken naheſtehenden Krankenpfleger eine gewiſſe Genugthuung, daß jener auch bei völliger Geiſtesabweſenheit meiſtens diejenigen Perſonen am liebſten um ſich leidet, ihnen am beſten gehorcht, ihre Berührung am liebſten duldet, ja ſelbſt ihrer Stimme am liebſten lauſcht und bei ihrer Anſprache ſogar gewöhnlich zu einem gewiſſen Bewußtſein zurückkehrt, die ihm im geſunden Leben am theuerſten ſind. Doch auch die nicht fehlenden Bei⸗ ſpiele des direkten Gegentheils dürfen uns nicht erſchrecken, wenngleich in dieſem Falle das Wohl des Kranken von deſſen Angehörigen und Verwandten gebieteriſch die ſchwere Ueber⸗ windung fordert, ſeine Pflege fremden Händen zu überlaſſen.

In jener durchgreifenden, kein Organ und keinen Appa⸗ rat des Körpers verſchonenden Wirkung des Typhus liegt allerdings eine Haupturſache für die Häufigkeit ſeiner ver⸗ derblichen und tauſendfach anders geſtalteten Nebenzu⸗ fälle und Nachkrankheiten. Aber eben darin beruht auch ſein Segen, wenn er glücklich beendet wird. Sogar beinahe ein Sprichwort iſt's ja ſchon geworden, daß man nach einem Typhuserſt recht geſund wird. Zum Theil mag daſſelbe allerdings darin begründet ſein, daß der Kranke nach keiner Krankheit das Wonnegefühl des Geſundens in gleichem Grade empfindet; doch beſtätigt auch die ärztliche Beobachtung, daß nach glücklich beendeten Typhen viele frü here Körperbeſchwerden, mitunter ſelbſt ſogenannte erbliche Uebel zugleich mit gemildert, für lange Zeit entfernt ſind oder für immer verſchwinden.

(Schluß folgt.)