Jahrgang 
1857
Seite
368
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Für den Krankenpfleger und Laien genügt alſo der all⸗ gemeine Begriff vomTyphus vollkommen; er ſoll und darf ſich durch zu feine Diſtinctionen nicht verwirren. Und wann könnte er dieſe Unterſcheidungen am Krankenbett machen? Jedenfalls erſt, wenn die Krankheit bereits weiter vorgeſchritten iſt. Die ſogenannte Febricula z. B. kommt (in England und ſüdlichen Ländern, doch auch in Deutſch⸗ land) beſonders häufig vor, wenn irgendwo das Fleckenfieber oder der Darmtyphus epidemiſch herrſcht. Ihre Vorläufer und Einleitungen ſind aber dieſelben, wie bei dieſem, nur in milderen Graden. Allein auch der Unterleibstyphus(und noch mehr das Fleckenfieber) hält ſich oft gar nicht lange bei dieſen Vorläufern auf und offenbart ſich dann, oft noch hinter andern Leiden verſteckt, meiſtens ſo plötzlich, daß der Kranke ſchon unrettbar ſein kann, während der Nichtarzt noch unklar darüber iſt, welche Form des typhöſen Leidens ihm vorliegt. Bei empfindlichen Naturen kann auch der leichteſte Typhus ſofort in den erſten Fiebertagen jene Abſtumpfung der geiſti⸗ gen Thätigkeiten erzeugen, welche der Laie gewöhnlich erſt als ſicherſtes Zeichen eines Typhus anſieht, während bei andern Perſonen die innern Verheerungen der Krankheit be⸗ reits unheilbar geworden ſind, ehe dieſes Symptom zur Erſcheinung kommt. Und nun vollends bei Kindern oder bei geiſtig ſchon abgeſtumpften Greiſen kann ja gerade dieſes Symptom kaum beobachtet werden, wenn es nicht bereits einen hohen Grad erreicht hat! Der Arzt dagegen vermag ſofort beim Krankheitsbeginn, ganz abgeſehen von ſeiner na⸗ türlich weit ſchärfern Beobachtung der äußern Symptome, aus der chemiſchen Beſchaffenheit des Urins und der Art des Fiebers über die An⸗ oder Abweſenheit eines typhöſen Leidens mit großer Beſtimmtheit zu entſcheiden. Man kann alſo das Publikum nicht genug davor warnen, bei Anzei⸗ chen, welche verdächtig erſcheinen, die Berufung des Arztes zu verzögern oder etwa gar mit Hausrezepten einzuſchreiten. Raſche Erkenntniß der Krankheit durch den Arzt, ſein Rath bei der Pflege und rechtzeitige Kunſthilfe vermag gerade bei allen typhöſen Uebeln außerordentlich viel, um deren geſammten Verlauf, oder die oft mit augen⸗ blicklichem Tod drohenden Zwiſchenfälle zu mildern. Wem aber die häusliche Pflege obliegt, der hat ebenfalls ge⸗ rade bei dieſen Krankheitsformen eine ſo ſchwere, ſo ruhe⸗ loſe, ſo lange fortdauernde, körperlich und gemüthlich ſo an⸗ ſtrengende Aufgabe, daß er wahrlich gleich von vornherein dafür ſorgen muß eben bloß Pfleger, Beobachter und dem Arzt ein treuer Berichterſtatter zu ſein, um die Pflichten gegen den geliebten Kranken vollſtändig erfüllen und ſich ſelber bis zum Ende der Krankheit in voller Kraft erhalten zu können.

Dabei iſt zugleich wohl im Auge zu halten, daß alle Typhusformen, wie verſchieden ſie ſich auch ſonſt geſtalten, darin übereinkommen, daß ſie an ſteckungsfähig ſind. Wer indeſſen zuverſichtlich, mit voller Kraft an ſein Pfleger⸗ amt geht und die nöthigen Vorſichtsmaßregeln gebraucht (welche überdies hier mit den Erforderniſſen des Kranken faſt überall zuſammenfallen), der hat wenig zu fürchten. Auch iſt, wie es ſcheint, die Anſteckungskraft des bei uns gefähr⸗ licheren Darmtyphus weit gering, als die des in England häufigeren Fleckenfiebers. Ueberdieß hat man, wie bei ſehr vielen anſteckenden Krankheiten, ſo auch beim Darmtyphus beobachtet, daß gerade die Pfleger der Kranken ſeltener affi⸗ zirt werden, als ferner ſtehende, nur zeitweiſe das Kranken⸗ zimmer betretende Perſonen. Solche Beſuche ſind alſo eben⸗ ſoſehr wegen der Beſucher, als wegen des Kranken von ſeinem Lager, ſeiner Ausdünſtung, Wäſche u. ſ. w. fern zu halten, während der Krankenpfleger ſich vor Allem vor dem Ein⸗

athmen der Ausdünſtungen der Ausleerungen zu hüten hat. Da nun ein ziemlich kühles Zimmer(+ 14160 R.) in allen Krankheitsſtadien, im Sommer ſelbſt ein an der Decke hinſtreifender Luftzug ebenſo zweckdienlich, als die peinlichſte Reinlichkeit des Kranken, ſowie ſeiner Leib⸗ und Bettwäſche für einen guten Krankheitsverlauf unum⸗ gänglich iſt, ſo fällt ſchon in dieſem Punkte die Sorge für das Wohl des Kranken und des Krankenpflegers gewiſſer⸗ maßen zuſammen. Leichte Eſſigräucherungen, Beſprengen des Bodens mit Eau de Cologne, nicht aber Räucherkerzen und Räucherpulver, unterſtützen die Luftreinigung. Aber auch muß der Krankenpfleger unumſchränkter Alleinherrſcher im Krankenzimmer ſein. Und hierbei begegnet ſich die Mög⸗ lichkeit dafür wieder mit der Erſprießlichkeit für den Kranken. Denn häufige Beſuche und Geſpräche, Stimmengewirr frem⸗ der Menſchen, überhaupt die grelleren Eindrücke des menſch⸗ lichen Lebens müſſen in allen Stadien des Typhus möglichſt vermieden werden. Ja, ſelbſt Zimmer, in denen viele Bil⸗ der, Statuetten, Spiegel, metallglänzende Ausſchmückungen ſich befinden, ſind nicht vortheilhaft, ſie ſteigern die Phan⸗ tasmen. Ohne daß das Zimmer wirklich dunkel gemacht wird, muß doch das Licht gedämpft ſein. Denn jeder grelle Eindruck auf irgend ein Sinnesorgan wirkt erregend auf das Gehirn und Nervenſyſtem. Und wenn auch bei den meiſten Fällen die Sinnesorgane abwechſelnd oder gleichzeitig abge⸗ ſtumpft, ohne Reizungsfähigkeit erſcheinen, ſo iſt dies doch niemals genau zu beſtimmen. Jeder äußere Reiz aber, der ſie erreicht, berührt ſie mit verdoppelter Heftigkeit, durch ſie die Gehirnthätigkeit, das Seelenleben. In welch krankhaft gereiztem Zuſtande ſich aber dieß befinde, bezeugen ja genug⸗ Lem der Stumpfſinn, die ſtillen, wie die lauten Delirien der Kranken, ſowie ihre lange Erſchlaffung und Empfindlichkeit in der Geneſungsperiode.

Wann und wie beginnt nun der Typhus? Dieſe ſehr natürliche Frage iſt keineswegs leicht zu beantworten. Weder dem Kranken, noch ſeinen Umgebungen, noch ſelbſt dem Arzte wird es in den meiſten Fällen gelingen, den Mo⸗ ment ſeines Anfanges genau zu beſtimmen. Häufiger noch beim Fleckenfieber, als beim Darmtyphus. Denn ſeine ein⸗ leitenden Vorläufer dauern nicht ſelten mehrere Wochen und gehen ſehr allmälig in die eigentliche Typhuskrankheit über. Dabei ſind ſie von ziemlich unbeſtimmtem Charakter, von vorübergehenden kleinen gaſtriſchen und rheumatiſchen Leiden ſchlaffer Winter, feuchtkalter Sommer und unfreund⸗ licher Herbſte die eben rechte Typhusjahreszeiten ſind oft kaum zu unterſcheiden. Während die Erkrankenden noch ihren Geſchäften obliegen, ſind ſie auffallend müd und ver⸗ ſtimmt, ſchlafen unruhig, genießen wenig, bekommen dumpfen, drückenden Kopfſchmerz. Die Ermattung drückt ſich bald im blaſſen, meiſtens graugelblich überflogenen Antlitz aus. Bei Einigen, doch keineswegs immer, zeigt ſich ſchon etwas Schwindel, Ohrenſauſen, Vergeßlichkeit und Duſelei, Nach⸗ läſſigkeit bei ſonſt leichten Geſchäften. Dazu kommt wohl herumziehender Rückenſchmerz, die Nöthigung, ſich öfters am Tage und frühzeitig Abends zu legen, auch Nachtſchweiß. Nur ſelten aber deutet etwas Leibſchmerz namentlich in den obern Theilen oder Durchfall an, daß man es mit mehr als einer rheumatiſchen Affection oder Erkältung oder einem Leftrſf Zuſtand zu thun habe. Dazu tritt nach⸗ her gewöhnlich öfteres, mitunter fortdauerndes Fröſteln(kein ſtarkes Froſtgefühl), von fliegender Hitze unterbrochen. So

Die Rechnung über ihren erſten Anfang, welche wegen der entſcheidenden Kriſen ſo höchſt wichtig iſt, wird ſtets um

gelangt unvermerkt die Krankheit zu ihrem erſten Stadium.

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