Jahrgang 
1857
Seite
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tauſend vor der chriſtlichen Zeitrechnung. Es war dieß die feudale Periode Chinas; die ſpätere Periode der durchge⸗ bildeten Staatseinheit verbrauchte und nützte nur das zuvor gewonnene Cultur⸗Material. Im dritten Jahrhundert vor Chriſtus iſt die Staatseinheit unter einem allmächtigen Kaiſer bereits ganz durchgeführt, der Feudalismus völlig überwunden. Damit hatte der chineſiſche Staat ſeinen Höhepunkt erreicht. Er dehnte ſich aus, eroberte, grenzte ſich durch die chineſiſche Mauer nach außen ab. Nun folgte eine Periode der Größe und Blüthe. Zur Zeit Trajans

vor. Mit dem dritten Jahrhundert nach Chriſtus beginnt der Verfall; zu einer Zeit alſo, da unſere Voreltern noch aller ſtaatlichen Geſittung fern ſtanden, als es noch kein Eng⸗ land, kein Frankreich gab, als das neueuropäiſche Staaten⸗ gebäude noch gar nicht beſtand, hatten die Chineſen ihren

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Höhepunkt bereits überſchritten und waren im Verfall be⸗ griffen. Einzelne kräftige Regenten konnten nur auf kurze

breiten. Die Urſache des Verfalles lag unſtreitig ſchon damals

tung des Volkes, die nothwendig zur Einſetzung einer des⸗ potiſchen Gewalt und zur Uebertragung ſämmtlicher ſtaat⸗ licher Funktionen an eine bezahlte Bureaukratie führte. Eine ſolche Staatsordnung zerfällt überall in ſich und hat keine Kraft gegen außen. Daher ſeit dem 12. Jahrh. nach Chr. die Einfälle und die Macht der noch unverdorbenen wilden Reitervölker im Norden und Weſten von China. Man fand nicht mehr die Kraft dieſen Einfällen zu widerſtehen, weil Jedermann nur noch ſeinem Privatgewinn nachging und ſich um öffentliche Intereſſen nicht bekümmerte; man erkannte jene wilden Völker als Herren an, aber ſo zäh iſt die Natur

Zeit den Schein des Glanzes und der Blüthe um ſich ver⸗

drang ein chineſiſcher Feldherr bis zum caspiſchen Meere

in der rein materialiſtiſchen, allem Idealen abgekehrten Rich⸗

dieſes chineſiſchen Volkes, daß es ſeine Sitten, ſeine Cultur, ſein Geſchäftsleben rein und unverwüſtet erhielten. Die Sieger unterwarfen ſich den chineſiſchen Geſetzen, regierten darnach und beſchränkten ſich darauf, die herrſchende Race zu ſein. In dieſer langen Periode der Fremdherrſchaft iſt nur eine Zwiſchenzeit von 300 Jahren, in welcher der nationale Geiſt dagegen reagirte und unter der Dynaſtie der Ming das urſprüngliche Volksweſen reſtaurirte. Dann folgte die Mandſchuregierung, gegen welche ſeit 5 Jahren eine neue religiös⸗ſocialiſtiſch⸗nationale Revolution im Gange iſt, die den Mandſchus unſtreitig ſchon viel Terrain abgewonnen hat und von der wir bereits im vorigen Artikel bemerkten, daß ihr Sieg einer Feſtſetzung der Europäer in China größere Schwierigkeiten entgegenſetzen könnte, als es die Mandſchus vermögen.

Die knappen Nachrichten, die wir über die inneren Zu⸗

ſtände Chinas zur Zeit des Einbruchs der Fremdherrſchaft beſitzen, ſind deshalb ſehr lehrreich, weil ſie zeigen, daß der Socialismus, den wir für ein Produkt unſrer Tage anzu⸗ ſehen geneigt ſind, in China ſchon im 11. Jahrhundert unſrer Zeitrechnung in Erſcheinungen, welche denen des heu⸗ tigen Frankreich ſehr ähnlich ſind, heraustrat und in Ver⸗ bindung mit dem Kampf der Beſitzloſen gegen die Beſitzen⸗ den weſentlich beitrug zur inneren Auflöſung des Staates, welche die fremde Eroberung als eine Nothwendigkeit er⸗ ſcheinen ließ. Damals beſchäftigten die großen Fragen der Staatsökonomie und der ſocialen Verhältniſſe die Gemüther und theilten alle Klaſſen der Geſellſchaft in China. Die Nation war in zwei Abtheilungen getheilt, welche aufs äußerſte gegen einander erbittert waren; Flugſchriften, Pamphlete, Plakate aller Art wurden täglich in Maſſe unter die Menge vertheilt, welche ſie gierig verſchlang. Und was