Jahrgang 
1857
Seite
365
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ausſchließende Moral bei der angegebenen geiſtigen Grund⸗ anſchauung, und unſre modernen Naturaliſten und Materia⸗ liſten, die das neue Evangelium von Kraft und Stoff ver⸗ künden, ſollten ſich wenigſtens darüber klar werden, daß die Conſequenz dieſes Evangeliums das Chineſenthum, d. h. die geduldige Hingebung an die feſtgeſetzte Ordnung der

Dinge, die Verzichtleiſtung auf jede ſelbſteigne Erſchaffung

des Geſchicks, die Beſchränkung auf das Wühlen im irdiſchen Beſitz iſt. Dieſe Paſſivität des Gehorſams, dieſe Geduld im Ertragen jedes Joches hat ſeiner Zeit den Jeſuiten, die nach China kamen, ſehr imponirt: ſie ſahen darin nur das Gegentheil der proteſtantiſchen Freiheit Europas und freuten ſich, einmal ein Volk gefunden zu haben, welches von dieſem Geiſte ganz frei, ja ihm durchaus entgegengeſetzt war. Aber ſie hatten gar keine Ürſache ſich zu freuen, und ſie wurden auch ihres Irrthums bald genug gewahr. Gerade jene Hin⸗ gabe an die Naturgeſetze, jener gänzliche Mangel an Sinn für höhere ſittliche Zielpunkte macht die Chineſen unzugänglich für das Chriſtenthum. Der apoſtoliſche Miſſionär Hue hat darüber einen bemerkenswerthen Paſſus.

Gleichgiltigkeit in Sachen der Religion, ſagt er, aber eine tiefwurzelnde Gleichgiltigkeit, von der man ſich keinen genauen Begriff machen kann, wenn man ſie nicht an Ort und Stelle ſtudieren zu können Gelegenheit gehabt hat, das iſt das Haupthinderniß, welches China ſeit ſo langer Zeit aufhält und der Bekehrung entgegentritt. Der Chineſe iſt ſo in die zeitlichen Intereſſen verſenkt, in die Dinge, welche unmittelbar in die Augen fallen, daß ſein ganzes Leben nur ein zur Thätigkeit gekommener Materialismus iſt. Der Gewinn iſt das einzige Ziel, auf welches jedes Auge ge⸗ richtet iſt. Ein brennender Durſt nach Profit, klein oder groß, gleichviel, nimmt alle ſeine Kräfte, alle ſeine Energie in Anſpruch. Er verfolgt mit Eifer nur Reichthum und mate⸗ rielle Genüſſe. An die geiſtigen Dinge, welche auf die Seele, auf Gott und ein zukünftiges Leben Bezug haben, an dieſe glaubt er nicht, oder vielmehr er beſchäftigt ſich nicht mit ihnen, er will ſich nicht mit ihnen beſchäftigen. Wenn

Chriſtenthums, die Wichtigkeit der Seligkeit, die Gewißheit des zukünftigen Lebens u. ſ. w. auseinanderſetzt, lauter Wahrheiten, welche auf jede religiöſe Seele ſo tiefe Ein⸗ drücke machen, ſo hört er ſie gewöhnlich mit Vergnügen an, weil es ihn ergötzt und ſeine Neugier reizt, Er nimmt an und billigt Alles, was man ihm ſagt; er macht nicht die geringſte Schwierigkeit, nicht den mindeſten Einwand. Nach ſeiner Anſicht iſt Alles das wahr, ſchön, prächtig; er tritt ſelbſt bald als Prediger auf, und er ſpricht, daß es eine Luſt i*ſt, gegen den Götzendienſt und für das Chriſtenthum. Er beweint die Verblendung der Menſchen, welche an den ver⸗

gänglichen Gütern dieſer Welt hängen und er würde, wenn

er moraliſche oder religiöſe Bücher lieſt, ſo iſt es nur der

Erholung und Zerſtreuung wegen, um ſich zu ergötzen und die Zeit zu vertreiben. Es iſt für ihn eine noch weniger ernſte Beſchäftigung als Tabak rauchen oder Thee trinken. Wenn man ihm die Grundſätze des Glaubens und des

man es verlangte, eine großartige Rede über das Glückhalten, den wahren Gott zu kennen, ihn zu verehren und dadurch das ewige Leben zu verdienen. Wenn man ihn hörte, würde man ihn faſt für einen Chriſten halten, und doch iſt er nicht um einen Schritt vorwärts gekommen. Religion iſt ihm nur eine Mode, der man folgen kann oder nicht. Wir hatten in einer der größten Städte Chinas Umgang mit einem Gelehrten, welcher ausgezeichnete Anlagen zum Chriſtenthum zu haben ſchien. Er nahm von Anfang bis zum Ende ohne Widerſtand Alles an, was er ſtudiert hatte. Die einzige Schwierigkeit, ſagte er, beſtehe darin, die Gebete auswendig zu lernen, welche jeder gute Chriſt kennen müßte, um ſie Früh und Abends herzuſagen. Außerdem verſchob er auf unbeſtimmte Zeit den Augenblick, wo er ſich entſchieden als Chriſt erklären wollte. So oft er uns beſuchte drängten wir ihn den Schritt zu thun. Später! antwortete er

regelmäßig; nur langſam, man darf ſich nicht übereilen. Endlich äußerte er ſich. nung, daß das alles recht vernünftige Worte ſind. Es

Nun, ſagte er, ich bin der Mei

ſcheint mir aber nicht gut zu ſein, daß der Menſch ſich den Meinungen ſo lebhaft hingebe. Ohne allen Zweifel iſt die chriſtliche Religion ſchön und erhaben; ihre Lehre gibt mit Methode und Klarheit Alles, was der Menſch zu wiſſen braucht. Wer geſunden Verſtand hat, begreift ſie durch und durch und muß ſie im Herzen aufrichtig annehmen; aber muß man ſich darüber Gedanken machen und die Sorgen des Lebens vergrößern? Sehet, wir haben einen Körper; wie viel Pflege verlangt er! Man muß ihn kleiden, nähren, gegen die Eindrücke der Luft ſchützen; ſeine Schwächen ſind groß, ſeine Krankheiten zahlreich; jedermann weiß, daß Ge⸗ ſundheit das herrlichſte Gut iſt. Dieſer Körper, den wir ſehen, den wir greifen können, ihn müſſen wir jeden Tag, jeden Augenblick pflegen. Sollen wir uns alſo mit einer Seele beſchäftigen, die wir nicht ſehen? Das Leben des Menſchen iſt kurz und voll Jammer; es enthält eine Reihe ſchwieriger und wichtiger Geſchäfte, welche ununterbrochen eines an das andre ſich anſchließen. Geiſt und Herz reichen für die Sorgen des gegenwärtigen Lebens nicht hin; warum ſoll man ſich mit einem künftigen quälen? Der Menſch muß ſich beſchränken und nicht Alles erfaſſen wollen; die Klugheit verbietet es. Warum ſoll man ſich mit zwei Leben auf einmal beſchäftigen?

Wir haben dieſe Stelle ausgehoben, in welcher ſich die Weltanſchauung des gebildeten Chineſen getreu wieder⸗ ſpiegelt. Sie iſt der folgerichtige Ausfluß jener materia⸗ liſtiſchen Grundanſchauung, und dann, in zweiter Linie, allerdings auch die Conſequenz eines langen, und ſeit lange erſchöpften ſtaatlichen und Culturlebens.

Alles weiſt darauf hin, daß China große und ſchwere ſtaatliche Kriſen durchlebt hat, obwohl uns faſt alle näheren Angaben darüber fehlen. Die eigentliche chineſiſche Cultur⸗ produktion fällt ohne Zweifel in das erſte und zweite Jahr⸗