Jahrgang 
1857
Seite
364
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indiſchen Bevölkerungen ſind von National⸗- und Freiheits⸗ gefühl längſt verlaſſen, ſie haben die Periode ihres eignen Staatslebens, ihrer politiſchen Selbſtſtändigkeit und Größe längſt hinter ſich: ſie haben, zumal in den beſſeren, ver⸗ mögenderen Claſſen, längſt keinen andern Wunſch mehr als ihren althergebrachten Sitten und religiöſen Gebräuchen ge⸗ mäß leben zu können, was ihnen die Engländer im Ganzen mit vieler Schonung gewährten, und im Handel, Gewerbe und Verkehr ſich Vermögen zu machen, was keine Nation ihnen ſo ſehr erleichtern könnte als die engliſche. Die Völ⸗ ker von Hindoſtan haben ſich längſt in den Gedanken gefügt, daß ſie von irgend einer politiſch überlegenen Nation be⸗ herrſcht werden müſſen; unter den Nationen aber, welche ihnen ihr Joch auflegen könnten, ſind die Engländer ſicher⸗ lich diejenigen, deren Joch das leichteſte, deren Schutz für alle Beſtrebungen der Induſtrie und des Handels der aus⸗ giebigſte iſt. Daher ſehen wir die Empörung auf die ein⸗ gebornen Regimenter beſchränkt, die friedlichen Einwohner aber, die Geſchäftsleute nicht bloß dem Aufſtand fern bleiben, ſondern aufrichtig auf die Seite der Europäer treten, deren Herrſchaft allein ſie in ihrem Beſitz erhalten und ſichern kann.

Das hindert aber nicht, daß in dieſem Augenblick jene Herrſchaft beſtritten, daß England ſich vor die Aufgabe ge⸗ ſtellt ſieht, auf der ganzen unermeßlichen Linie vom perſiſchen Meerbuſen bis zum Golf von Petſcheli, ja bis zum Amur ſein erſchüttertes Anſehen wiederherzuſtellen. Und gerade weil jene indiſchen Länder nicht frei werden, ſondern höch⸗ ſtens den Herrn wechſeln können, und weil das chineſiſche Reich, ſeit Jahren von einer Revolution in ſeinem Innern zerriſſen, mit einer gewiſſen innern Nothwendigkeit dem Ver⸗ luſt ſeiner bisherigen abgeſchloſſenen Selbſtſtändigkeit ent⸗ gegengetrieben zu werden ſcheint und weil endlich England im Beſitz der Ueberlegenheit zur See kaum einen andern Rivalen um die Herrſchaft über dieſe Länder zu fürchten hat, als Rußland, welches vom Norden her, zu Land, auf einer nicht minder ausgedehnten Linie auf alle jene Länder drück, in denen England jetzt entweder ſeine Herrſchaft oder ſein Anſehen wiederherzuſtellen hat, ſo gewinnt dieſe große aſia⸗ tiſche Bewegung immer mehr und mehr die Geſtalt eines Weltkampfes zwiſchen England und Rußland, nur daß Ruß⸗ land noch nicht förmlich und offen auf den Kampfplatz tritt, ſondern ſich noch ſeitwärts hält, ja ſogar durch ſeine folg⸗ ſamen Organe in Deutſchland die unbeſchreiblich lächerliche Mittheilung verbreiten läßt, es ſei bereit ſeine Armee her⸗ zuleihen, um den Aufſtand in Hindoſtan niederzuſchlagen. England wird ohne Zweifel in Bälde der BerlinerKreuz⸗ zeitung den Beweis liefern, daß auch andere Leute als der ruſſiſche Zar im Stand ſind einen Aufruhr zu dämpfen und daß die Regierung von Großbritannien noch nicht ſo tief geſunken iſt um ruſſiſche Hilfe erbetteln zu müſſen.

Für China iſt dieſer neue Incidenzfall augenblicklich in ſo fern von Wichtigkeit, als die nach China und zur Ver⸗ ſtärkung der britiſchen Militärkräfte vor Kanton beſtimmten Regimenter theilweiſe den Befehl erhalten haben in Indien zu landen und dem dortigen engliſchen Befehlshaber ſich zur Verfügung zu ſtellen. Es tritt dadurch wahrſcheinlich in den Operationen gegen China eine Verzögerung ein, welche viel⸗ leicht den Uebermuth von Yeh und Genoſſen für den Augen⸗ blick etwas erhöht. Im Allgemeinen aber wird durch die Vergrößerung der Dimenſionen des Kampfes die Wahr⸗ ſcheinlichkeit nur verſtärkt, daß derſelbe, wie auch ſonſt ſein endlicher Ausgang ſein mag, wenigſtens das Reſultat liefern

wird, daß die bisher in ſpröder Abgeſchloſſenheit verharren⸗

den Nationen Aſiens in den Kreis der europäiſchen Welt⸗ bewegung werden gezogen werden.

Wir haben in unſerem früheren Artikel nachgewieſen, daß die Chineſen keine Barbaren, ſondern ein großes Kultur⸗ volk ſind. Wir haben jetzt die andre Seite zu betrachten, die Ueberreife und die Verſteinerung dieſer Kultur, der jedes Moment des Fortſchritts und der Bewegung längſt abhan⸗ den gekommen iſt. Dieſe Verſteinerung und politiſche Aus⸗ gelebtheit iſt auch das Einzige, was die Chineſen mit den Bewohnern Hindoſtan's gemein haben, welche längſt von ihrem Verhängniß ereilt und fremder Herrſchaft unterworfen wurden, während China ſich bis heute in ſeiner Selbſtſtän⸗ digkeit und Abſperrung nach außen erhalten hat, weil es zwar von den benachbarten tatariſchen Reiterſtämmen mehr⸗ mals erobert wurde, dieſe aber ſich ſofort veranlaßt ſahen, ſtreng nach den vorgefundenen Geſetzen zu regieren und ihren eigenen Vortheil darin fanden, den Geiſt der Abſperrung gegen außen zu nähren, der bis in die neuſte Zeit herab China ſo gründlich iſolirte, als wäre es eine vom Meere umfloſſene unnahbare Inſel.

Ganz im Gegenſatz zu den Bewohnern von Hindoſtan, deren Geiſt von Haus aus eine Richtung auf das Unſinn liche und Ueberirdiſche nahm und behielt, ſind die Chineſen von Haus aus das nüchternſte, durch und durch materia⸗ liſtiſche, nur den weltlichen Intereſſen zugewandte Volk; und während die Hindus im Grund nie ein großes ſtaat⸗

liches Leben entwickelten, ſondern ſtets in kleine feudale und.

Prieſter⸗Staaten zerſplittert blieben, ſind die Chineſen allem Anſchein nach ziemlich frühe und raſch über die Iſolirung und Zerriſſenheit des Feudalismus hinausgekommen zu einem großen auf eine einheitliche, gleichförmige Nationali⸗ tät gegründeten Staatsleben, welches in ſeiner Eigenthüm⸗ lichkeit alle inneren Erſchütterungen und äußeren Eroberun⸗ gen überdauerte, durch die Jahrtauſende hindurch in ſtarrer Unbeweglichkeit ſich erhielt und ſelbſt jetzt noch dem Zweifel Raum gibt, ob das mit ſeiner ganzen Wucht auf China drückende Europa im Stande ſein werde, dieſe merkwürdige Volksindividualität aufzulöſen. Eine Vergleichung Hin⸗ doſtans und Chinas zeigt deutlich, daß der Spiritualismus unſtaatlich und ſelbſtzerſtörend, der Materialismus und die Nüchternheit zwar langweilig und einförmig, aber conſer⸗ vativ und langlebig iſt.

Es gibt in unſern Tagen unwiſſende Menſchen, welche es für eine neue Entdeckung, wenn nicht gar für ein zu pre⸗ digendes neues Evangelium halten, daß der Urgrund der Welt und der Menſchen der Stoff und die an den Stoff gebundene Kraft ſei, daß kein Stoff ohne Kraft, keine Kraft ohne Stoff gedacht werden könne. Dieſer Satz, der im neunzehnten Jahrhundert mit einer Prätention und mit einem äußern Erfolg verkündigt wird, welche uns zuweilen am geſunden Menſchenverſtand der heutigen Generation zweifeln laſſen, war den Chineſen ſchon Jahrtauſende vor unſerer Zeitrechnung bekannt und bildet in Wahrheit die Grundanſchauung dieſes nüchternen, nur dem Irdiſchen und Weltlichen zugewandten Volkes. Der Chineſe weiß nichts von einer überirdiſchen Macht, nichts von einer Macht des Guten und Böſen, nichts von einer Kraft des Menſchen zur Entſcheidung zwiſchen Beiden, nichts alſo auch von einer wahrhaft ſittlichen That; ihm iſt der Menſch an ſich gut, er hat nur ſeinen Verſtand anzuwenden um die ewigen Geſetze der Natur kennen zu lernen und das Beiſpiel ſeiner Vor⸗ eltern zu ſeinem Nutzen zu befolgen, ſeine Moral iſt die Hingabe an die Naturordnung. Nichts iſt conſequenter, als dieſe troſtloſe, alle Begeiſterung und höhere Sittlichkeit