Jahrgang 
1857
Seite
361
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weibliche Geſchlecht am Leben des Geiſtes in der Literatur nimmt, ſcheint mir größer zu ſein, als der mancher andern Stadt. Man theilt ſich, in der Regel rund und nett, in Frankreichs und Deutſchlands Produkte und lieſt auf beiden Seiten gern und viel. Die Pariſer Belletriſtik iſt leicht zu haben: in Dutzenden von Leihbibliotheken und ſogar für einen Spottpreis zu Kaufe; für Beſchaffung der durchaus nicht wohlfeilen deutſchen Novitäten aber ſorgt die Geſellſchaft des Hotel de Commerce, die bereits eine hübſche Bibliothek beſitzt, und der von einer Dame ſehr taktvoll geleiteteDeutſche Leſeverein. So entgeht uns kein Drama, kein Roman von einiger Bedeutung, und da die Frauen ihre Lyriker oder min⸗ ddeſtens etwelche zuſammengeraubteBlüthenſträuße und Dichterhallen ſelbſt anſchaffen, ſo erhält man ſich ziemlich auf dem Laufenden und redet in der Geſellſchaft mit mehr ooder weniger Einſicht und Kenntniß von Barth und Mirza⸗ Schaffy, von Gutzkow, Otto Müller und Hengſtenberg, als wenns ſo gar nichts wäre. Ein ſchönes Leben, wie Sie ſehen. Gingen nur nicht leidiger Weiſe zwei Züge hindurch, die einen niederſchlagen⸗ den Eindruck machen: die religiöſen Zänkereien am Wider⸗ wärtigſten innerhalb der proteſtantiſchen Hälfte der Be⸗ völkerung und die wachſende Armuth. Auf jene und

Einleitung.

Nothſtand der arbeitenden Klaſſen Ueber⸗

macht des Kapitals Mißverhältniß zwiſchen Produktion und Conſumtion Druck der Con⸗ ceurrenz u. ſ. w. lauter alltägliche Schlagworte, ohne ddie es in keiner Beſprechung über öffentliche Zuſtände mehr abgeht, und würde ſie nur in der Bierſtube geführt. Nicht blos, daß wir dergleichen überall hören; nein, geſtehen wir es nur, wir reden, wenn's drauf ankommt, ſelber herzhaft mit. Es gibt kein Thema, über welches ſo ohne Ausnahme Jeder ſich berufen fühlte, mit einem fix und fertigen Urtheile herauszugehn, wie dieſes. Die Dinge treten den Leuten, ſo u ſagen, auf die Zehen, drängen ſich Jedem im täglichen Leben auf, wie ſollte er denn keine Anſicht darüber haben,

mit Gewalt verſchließen! So

hat denn Jeder ſein Recept, mit dem er dem Uebel auf den Leeib geht, denn daß ein ſolches vorhanden, daß der geſell⸗ ſchaftliche Organismus an einem ernſten Siechthum leidet, darüber ſind Alle einig. Auch um einen Namen für die

man müßte ja ſeine Augen

wird ihn die Zukunft, daran iſt nicht zu zweifeln; alle

erweiſen ſich leider der ruhigen Betrachtung gegenüber als

Volksmwirthſchaftliche Skizzen.)

Von H. Schulze.

Die Volkswirthſchaftslehre.

Sache ſind die Meiſten nicht verlegen, nur muß man ſie dann

nicht weiter incommodiren. alten Weibe, welche Einem ihr Abführmittelchen gegen böſe Säfte anräth, Auskunft darüber verlangen, was böſe Säfte eigentlich ſind, und ob es überhaupt dergleichen gibt. Es iſt merkwürdig; trotz aller Pfuſcherei verlangt man doch von einem Leibesarzt im Allgemeinen die Kenntniß des

*) Es wird unſern Leſern gewiß von

Ebenſogut könnte man von einem

Intereſſe ſein zu erfahren,

daß unter dieſem Titel der durch ſeine volkswirthſchaftlich erziehenden Schriften rühmlichſt bekannte Hr. Verfaſſer die wichtigſten Begriffe der Volkswirthſchaft in allgemein verſtändlicher Weiſe erörtern und daß wir ſeine Skizzen in möglichſt ununterbrochener Reihenfolge abdrucken Merden⸗

D. Red.

ihre Urheber einzugehen, wäre ein ſchlechtes Vergnügen; Liebe undGlaubensfreiheit auf der Fahne, im Reden und Handeln eitel Herrſchſucht und Haß ſolch eine Diſſo⸗ nanz zerreißt Ohren und Herz. Auch letztere muthet nicht freundlich an, aber ſie iſt da! Ueber 2800 Familien, faſt der zehnte Theil der Einwohnerſchaft, muß bitteres Gnaden⸗ brod eſſen, und was auch die Regierung, das Wohlthätigkeits⸗ bureau, die ganze Schaar von Unterſtützungsvereinen und die Mildthätigkeit Einzelner thue: jene Zahl ſchwillt unauf haltſam. Dazu hat der Handwerker-, der ganze Mittelſtand hier, wie anderwärts, ſeit zehn Jahren unſäglich gelitten, und das ſtille Darben in mancher Familie, die in Erinne⸗ rung beſſerer Tage ein Almoſen verſchmäht, greift tiefer noch ans Herz, als die offen dargelegte Noth des Bettlers. Ach, wer da helfen könnte, wer nur einen Ausweg ſähe! Eröffnen Mittel aber, die edle Begeiſterung bisjetzt als unfehlbar empfohlen,

Chimäre. Wir ſind unten. Sie gehn rechts in Ihr Hotel, ich links,

am Waſſer hinab, unter die Platanen vor dem Fiſcherthore.

Wer ſo viel geſchwatzt, empfindet ein Bedürfniß zu ſchweigen. Ade, auf Wiederſehn!

menſchlichen Körpers, ſeiner Organe und Functionen. Nun iſt der Organismus der Geſellſchaft gewiß nicht weniger complicirt, als der des menſchlichen Körpers: Allein trete einmal einer jenen allbereiten Wunderdoctoren mit der For⸗ derung entgegen: daß ſie ſich erſt das Verſtändniß der wich⸗ tigſten Vorgänge im Haushalt der Geſellſchaft, der Ge⸗ ſetze und Beziehungen, nach welchen ſich dieſelben unter ein⸗ ander regeln, verſchaffen möchten, ehe ſie es unternehmen, ihre angeblichen Störungen zu beſeitigen und er wird ausgelacht! Frägt man gar weiter nach den gewöhnlichſten volkswirthſchaftlichen Begriffen, der Bedeutung des Kapi⸗ tals, den Geſetzen des Lohns und Werthes u. dergl., ſo ergibt ſich nicht ſelten, daß es ihnen an den Elementar⸗ kenntniſſen, an dem A. B. C. gebricht, in einem Fache, wo ſie als Lehrer auftreten wollen. Faſt könnte man auf die Idee kommen, es müſſe wohl gänzlich an wiſſen⸗ ſchaftlichen Vorarbeiten auf dem fraglichen Felde fehlen, daß man ſo wenig Notiz davon nimmt, und doch iſt dem nicht ſo. Schon längſt haben Männer von Talent und Kenntniſſen eine Maſſe von Material geſammelt und geſichtet, und durch die umfaſſendſten Forſchungen vollſtän⸗ dige Syſteme der Volkswirthſchaft aufgeſtellt. Auch iſt die Lehre in neuerer Zeit der Auffaſſung des großen Publikums bedeutend näher gerückt, und die trockne, unerquickliche Form, nach der ſie zum guten Theil in einer Aufhäufung todter Zahlen und abſtracter Sätze beſtand, mehr und mehr einer lebendigen, anregenden Darſtellung gewichen. Es iſt dies namentlich das Verdienſt des großen franzöſiſchen Natio⸗ nal⸗Oekonomen Baſtiat, der überall die Geſetze, welche ſchaftlichen Erſcheinungen zu Grunde liegen, auf

den wirthſ das Weſen, die Natur des Menſchen zurückzuführen, und mit