Jahrgang 
1857
Seite
360
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iſt. Nicht viele Gebäude könnten, wenn ihnen die Gabe des

Redens verliehen wäre, neuere Geſchichte doziren, wie dieſes.

Von dem erſten Biſchofe aus der Familie Rohan gebaut, nahm es vorab Ludwig XV. auf, dem auf Anordnung der hohen Polizei die gegenüberliegenden ärmlichen Häuſer, die man maskirt hatte, wie die Bettler und Krüppel, die von

dere Menſchen aber nur im Sonntagsſtaate gezeigt wurden,

Aufſtand für beendet, man legte in ſchönſter Ordnung die Waffen nieder und ein Regiment nach dem andern verließ die Stadt.

So ſah's am Ende der fünfundzwanzigjährigen Revo⸗ lutionsepoche bei uns aus; den Beginn derſelben hatten

nicht minder ſeltſame Erſcheinungen bezeichnet, deren aller⸗ der Straße zu bleiben angewieſen waren, gar nicht an⸗

damit Seine Majeſtät ſehe, wie reich und glücklich ſie ihr

Volk gemacht! Marie Antoinette betrat es als Braut; ihr folgte, nachdem es die Stadt in der republikaniſchen Zeit gekauft und ſpäter dem Kaiſer geſchenkt hatte, Napoleon mit ſeiner erſten Gemahlin und dem Herrn v. Talleyrand. Noch 1809 war Joſephine da, und ihre Wohlthätigkeit rühmte der Vice⸗Bürgermeiſter Demichel in einer Begrüßungsrede dem Kaiſer alsebenſo ſchrankenlos, wie die Macht ihres erlauchten Gemahls; ſchon 1810 indeß zog Marie Luiſe ein und ließ ſich das Schloß von Schönbrunnen auf die an⸗ dere Seite des Waſſers zaubern. Unter der Reſtauration, wo's als Geſchenk an die Bourbonen überging, wohnte Karl X., bei den Elſäſſern wunderbarlich beliebt, kurz vor⸗ her auch der Herzog von Berry darin. 1831 kam Ludwig Philipp von Orleans. Dann nahm's die Stadt zurück,

ſeltſamſte uns wieder zum Münſter ſelbſt und ſomit zum Abſchluſſe unſrer Umſchau führt. Den erzkatholiſchen Bau nämlich dekretirte man 1793 zumTempel der Vernunft,

riß die Königsſtatuen und wer weiß, was ſonſt noch her⸗

logirte den Biſchof hinein, Concerte und Ausſtellungen be⸗

lebten die untern Räume, in denen 1842 auch der wiſſen⸗ ſchaftliche Congreß ſeine Abendgeſellſchaften hielt, und jetzt iſt es Eigenthum Napoleons III., den wir bald darin ſehen ſollen. Das klingt ſchwindelerregend, aber was wollen Sie? Die Welt iſt rund und muß ſich dreh'n! Iſt doch dieſes Schloß mitten in der Feſtung Straßburg ſogar einmal be⸗ lagert worden, und zwar nicht von fremden Völkern, ſondern von franzöſiſchen Soldaten! Sie glaubens nicht? Hören Sie zul!

Der in Straßburg befehligende General Rapp, armer Leute Kind und doch ein Graf geworden, machte nach der Schlacht von Waterloo und dem Einzuge in Paris auch ſeinerſeits Friede mit den Alliirten und wollte ſein Armee⸗ corps, deſſen Sold für die beiden letzten Monate noch rück⸗

ſtändig war, mit einer Abſchlagszahlung entlaſſen. Am

1. September 1815 ging eine Deputation der O

fffiziere ins

Schloß, wo er ſein Hauptquartier genommen, und ſtellte ihm

die Gereiztheit der Soldaten, wie die Nothwendigkeit einer vollſtändigen Auslöhnung vor.Ruhe! lautete der Be⸗ ſcheid des kurzangebundenen Generals. Die Offiziere gingen; es folgten die Unteroffiziere, die barſcher ſprachen und noch barſcher abgewieſen wurden. Jetzt brachen die Soldaten

unter, ſetzte ihm eine rieſige Freiheitsmütze von Blech auf und feierte vor den Felsblöcken, die man als Symbol der Natur an die Stelle des Altars geſetzt, was jener Welt feiernswerth erſchien. Nun, lebe und bete Jeder nach ſeiner Weiſe! Traurig ſind nur die rohen Verſtümmelungen des Baues, ohne die es dabei nicht hergehen konnte, und wahres Entſetzen erfaßt Einen bei dem Gedanken, daß die in allem Ernſte gehegte Abſicht, den ganzen Thurm als zu hoch, zu ariſtokratiſch(!) herunterzuwerfen, beinahe zur That geworden wärel!! Das Münſter als Ariſtokrat ent⸗ hauptet bei'm Himmel Der Schrecklichſte der Schrecken, Das iſt der Menſch in ſeinem Wahn.

Mit herzlichem Abſchiedsgruße können wir nun unſer Belvedere verlaſſen, da Sie die Stadt und ihre Umgebung ſo ziemlich kennen. Wie wir 77,700 Menſchen leben, die kaum Platz in ihr finden und deßhalb allen Neubauten zum Trotze die Miethpreiſe ſtetig in die Höhe treiben, erzähle ich Ihnen im Hinabſteigen. Dann beurlauben Sie mich wohl für diesmal und nehmen, falls ich Sie ein wenig gelang⸗ weilt, meine Abſicht, Sie würdig zu unterhalten, wohlwol⸗ lend für die That.

Daß wir das Freie lieben, hat ſchon Goethe bemerkt und die vorſtehende Schilderung hats mehr als einmal durch⸗ blicken laſſen. Daher auch die Unzahl von Landhäuſern rings um die Feſtung, wie der regelmäßige und zahlreiche Beſuch der benachbarten Bäder von hier aus. Sonſt arbei⸗ ten wir eben, wie die übrigen Kinder Gottes, bald mit fran⸗ zöſiſcher Eleganz, bald mit deutſcher Solidität wie's gerade kommt. Gegeſſen wird auch, nur nicht ſo gleichzeitig, wie's ſonſt in der Welt Mode iſt: im Gärtnerviertel um Zehn, in deutſchen Familien um Zwölf oder Eins, bei Fran⸗ zoſen gegen fünf oder ſechs Uhr. Im Winter folgen dann

die Geſellſchaften, die Soiréen und Bälle, Theater und Con⸗

los; man ſtürmte das Zeughaus, im Nu war wieder bewaff⸗

net, was die Gewehre ſchon abgegeben hatte, an die Spitze von fünfzehn Regimentern, deren Offiziere ſich nicht blicken ließen, ſtellte ſich der Unterofſizier Daluzzi mit einem Tam⸗ bour⸗Major als Adjutanten, die öffentlichen Plätze wurden beſetzt und die Wohnungen des Militair⸗Gouverneurs, des Diviſionsgenerals ſammt dem Schloſſe belagert. In einer Stunde war Alles geſchehen, und da unter den Soldaten die ſtrengſte Zucht herrſchte, ſo lag eine beängſtigende Stille auf der Stadt. Rapp hatte die Verwegenheit, in Begleitung

certe, wo vornehmer Weiſe freilich nur Franzöſiſch geſprochen werden ſollte, doch auch manch deutſches Wörtlein geflüſtert wird und, was minder erhebend klingt, ſogar hier und da jenes ſalzloſe Hachis von Alemanniſch und Franzöſiſch, das manStroßburjer Ditſch zu nennen beliebt. Das Theater,

das durchgängig ſchlechte Geſchäfte macht, iſt ausſchließlich

ſeines Generalſtabs aus dem Schloßhofe zu reiten und Ge⸗

horſam zu fordern; er mußte ſich, um ſein Leben zu wahren, ſo raſch wie möglich zurückziehen, die Truppen beſetzten die inneren Räume und umſtellten das Haus mit Kanonen. Während aber der General hartnäckig trotzte, ſuchten die ſtädtiſchen Behörden das geforderte Geld zu ſchaffen, und brachten es endlich mit Hülfe einer Zwangsanleihe zuſam⸗ men.

Die Soldaten wurden bezahlt, Daluzzi erklärte den

franzöſiſch und bringt vorzugsweiſe Opern; mit der beſten deutſchen Kammermuſik aber befreundet das Publikum nach und nach in rühmenswerther Weiſe das Quartett des Herrn Schwäderle, eines ausgezeichneten Violiniſten. Im Ganzen ſind es wohl unter den neun Muſen Erato und Polyhymnia, denen bei uns am Willigſten geopfert wird; ein halbes Hun⸗ dert Concerte per Winter erſchreckt uns keineswegs, und ſo oft in der jüngſt verfloſſenenSaiſon Madame Parmen⸗ tier, die damals noch Thereſe Milanollo hieß, den Bogen zur Hand nahm, flog der Zauberpfeil ſchnurſtracks in alle Herzen zugleich. Freilich war das auch eine liebe Erſchei⸗ nung, der es gut gehn möge in Paris bei ihrem trefflichen Manne!

Auch der Antheil, den Straßburg und beſonders das