Befangenheit,
zurück. Nachdem wir Bekanntſchaft mit den Acteuren gemacht, wird uns das Drama verſtändlicher und in⸗ tereſſanter ſein.
Alſo der Commerzienrath Brachvogel ſaß in einem kleinen, ärmlich ausgeſtatteten Zimmer und ſchrieb. Es war dies ſein Lieblingszimmer und zwar ſo, wie es ſich
dem Blicke des Beſchauenden darbot und ſchon vor funf
zig Jahren dargeboten hatte, mit ſeinen kahlen, verräu⸗ cherten Wänden, ſeinen kleinen beſchmutzten Fenſtern und ſeinen alten wurmſtichigen Meubeln. Hier in dieſem Zimmer hatte er ſeine ſtete Wachsthum ſeines Reichthums berechnet größten Theil ſeiner Schätze aufbewahrt. Dort die eiſerne, verroſtete Kiſte im Winkel barg ſein Gold und Silber; und im geheimen Fache des Sekretärs, an wel⸗ chem er ſaß und ſchrieb, lagen die Pergamente, die Staats⸗ ſchuldſcheine, Actien und Banknoten. So hatte er alſo in dieſem Zimmer gleichſam die Früchte, ſeines Fleißes, ſei⸗ ner Entbehrungen und ſeines ganzen Lebens immer vor Augen, er konnte ſich laben an ihrem bewachen. theuer, und außer ihm ſelber gab es nur zwei Menſchen, welche daſſelbe betreten durften; Gottliebe, ſein Liebling, und Karoline. Sogar ſeine Söhne empfing er, wenn ſie eine Unterredung mit ihm wünſchten, in einem andern Zimmer.
Er ſchrieb oder vielmehr rechnete, und während er rechnete, leuchtete ſein altes verſchrumpftes Harpagonge⸗ ſicht vor Befriedigung und Freude. Wie oft hatte er an dieſer Stelle geſeſſen und gerechnet!— Und ſtets wurden die Zahlen größer und größer, bis aus Rieſen geworden.
Die Berechnung war fertig. Er legte die Feder nie⸗ der, lehnte ſich zurück in ſeinem Lehnſeſſel, kauerte ſich zu⸗
Speculationen ausgebrütet, das und den
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Anblick und ſie Daher war ihm dieſes Zimmer unendlich
den Zwergen
ſammen und ſtarrte auf das mit Zahlen bedeckte Papier. Würden ſie immer ſo wachſen, die Zahlen? Würde er ſie
noch lange ſo wachſen ſehen? auf, und ſeine Züge nahmen den Ausdruck großer Angſt an. Nein, gar lange konnte er ſie nicht mehr wachſen ſehen! Er war ja achtzig Jahr alt und fühlte täglich, wie ſeine Kräfte ſchwanden.
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Bei dieſer Frage ſtöhnte er
Ach, er hätte ja gern noch zehn,
nein, zwanzig, dreißig Jahre gelebt! Er hätte viel darum
gegeben! Wie viel? fragte er ſich gleich darauf, er, der Alles, Alles nach Ziffern berechnete. Die Hälfte ſeines Vermögens? Bei dieſem Gedanken brach der Angſt⸗ ſchweiß auf ſeiner Stirn hervor. Nein, die Hälfte nicht! aber das Drittheil, oder wenigſtens das Viertheil. Aber
auch davon ſich zu trennen! Nein, lieber wollte er ſterben!
Die alte eichene Thür knarrte in den Angeln. Er drehte ſich beunruhigt um: Karoline, die Wirthſchaftsfüh⸗ rerin, war eingetreten.
Was wünſchen Sie?“ fragte er mit einer auffälligen einer Befangenheit, welche er ſtets zeigte, wenn Karoline ſein Zimmer betrat, ein Zeichen, daß ſie einen zarten Punkt berühren wollte..
„Herr Richard bittet durch mich um die Erlaubniß, nach der Stadt fahren zu dürfen,“ antwortete Karoline.
„Was will er wieder in der Stadt? Geld ausgeben! Nicht wahr? Er iſt ein Verſchwender! ſagen Sie ihm das, Karoline!“
Der feſte Blick ihres klaren, tief blauen Auges war ihm unbequem. Er ſchlug das ſeinige nieder.
„Herr Richard bittet auch um einiges Geld, da er Einkäufe zu machen hat und doch auch Etwas verzehren muß,“ fuhr Karoline ruhig fort.
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trat auf den Zehen herein,
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„Einkäufe! Cigarren vermuthlich und Schnupftabak? Er braucht nicht zu rauchen, zu ſchnupfen. Das ſind koſt⸗ ſpielige und üble Gewohnheiten. Warum gewöhnen Sie ihm dieſelben nicht ab, Sie, die Sie Alles über ihn ver⸗ mögen? he?“
„Weil dieſe üblen Gewohnheiten für Ihren unglück⸗ lichen Sohn, der ſeit dreißig Jahren und darüber immer ſitzen oder liegen muß, und welchem Sie jeden Genuß des Lebens entziehn, Bedürfniß ſind.“
„Ich habe aber nicht Luſt, ſeiner Verſchwendung mit meinem Beutel Vorſchub zu leiſten. Wer koſtſpielige Ge⸗ wohnheiten hegt“—
„Halten Sie ein wenig inne, So viel ich weiß, beſitzt Herr Richard ein von ſeiner Mutter ererbtes Vermögen von 30,000 Thalern, ein Vermögen, welches in Ihren Händen mindeſtens 1500 bis 2000 Thaler jährliche Zinſen trägt.“
„Sie ſind ein Weib und verſtehen Nichts davon. Sein Vermögen bringt kaum tauſend des Jahres und da für erhalt' ich ihn, halte ihm Pferd' und Wagen. O, ich muß noch zulegen. Bei Gott, Karoline.“
„Pferd' und Wagen gehören Ihnen, halten Sie für ſich ſelbſt. Und ſeine übrige Unterhaltung koſtet Sie des Jahrs kaum 200 Thalex. Demnach muß ſich Herrn Richards Vermögen, da Sie es ſeit ſechzehn Jahren ver⸗ walten, beinahe verdoppelt haben. Und dennoch laſſen Sie, der ſiebenfache Millionär, ihn, Ihren Sohn, Noth leiden.“..
„Und ſolche wahrhaft närriſche Ideen ſetzen Sie ihm in den Kopf,“ forſchte er ängſtlich,„und bringen Sie wohl gar unter die Leute? he? Siebenfacher Millionär! Un⸗ ſinn! Sein Vermögen verdoppelt! Albernheit!“
Mit der Miene des Mitleids, wenn nicht der Ver⸗— achtung, verſetzte ſie:„Seit fünf Jahren kennen Sie mich!“ Darauf, nach einer kurzen Pauſe, fuhr ſie fort: „Uebrigens, wenn Sie es zum Aeußerſten treiben ſollten, kann wohl die Zeit kommen“—
„Sie ſind ein wunderliches, überſpanntes Mädchen,“ fiel er haſtig ein,„da, geben Sie ihm einen Thaler, dem Verſchwender, und ſagen Sie ihm“
„Herr Richard bedarf mehr, mindeſtens drei Thaler, wie er mir vorgerechnet“—
„Drei Thaler! Iſt er denn wahnſinnig? Drei Thal zu einer Spazierfahrt nach der Stadt? Ich werde ihn entexben!“ 8
„O, Herr Richard würde zuletzt jeder Erbſchaft von Ihrer Seite entſagen, wenn Sie ihm nur ſein mütterliches Erbtheil auslieferten. So weit haben Sie ihn gebracht! Glücklicher Weiſe bin ich da und geſtatte eine ſolche Ent⸗ ſagung nicht.“
„Aber ich kann ein Teſtament machen,“ warf er lauernd ein.
„Sein Pflichttheil muß ihm doch werden, und außer⸗ dem werden Sie nie ein Teſtament machen, weil Sie ſich fürchten, fürchten vor dem Tode.“
Er zog haſtig die noch fehlenden zwei Thaler aus einer alten, beſchmutzten Börſe und warf ſie zornig auf den Tiſch:„Sie ſind ein Vampyr, und jetzt gehen Sie!“
Sie ging hinaus, ruhig und feſt, wie Sie eingetreten war. Er aber kauerte ſich wieder in ſeinem Seſſel nieder und ſtöhnte, wie Jemand, der einen unerſetzlichen Verluſt erlitten.
Wieder knarrte die Thür in den Angeln. Gottliebe warf einen forſchenden, arg—
Herr Commerzienrath.


