Jahrgang 
1857
Seite
358
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wöhniſchen Blick rings umher und fragte:Was wollte uUund Du, Gottliebe, ich kann Dir's nicht verdenken, auch

ſie bei Dir?

Geld, wie gewöhnlich; Geld für Richard. Der Teufel hole ihn!*

Sie warf ihm einen grollenden, giftigen Blick zu und ſagte:Und Du haſt es ihr, wie gewöhnlich, nicht abzu⸗ ſchlagen gewagt, Du fürchteſt Dich wohl vor ihr?

Und fürchteſt Du ſie nicht auch? fragte er dagegen.

Ich fürchte ſie nicht; aber ich haſſe ſie. Und ich glaube, jetzt, da ich wieder bei Dir bin und wohl für im⸗ mer bei Dir bleiben werde, könnteſt Du ſie entbehren. Die Pflege Deiner Tochter müßte Dir doch angenehmer, als die einer Fremden ſein!

Er erſchrak; denn ſogar ihr, ſeinem liebſten Kinde, mißtraute er.Nein, ſagte er dann haſtig,ſo lange ich lebe, ſoll ſie bei mir bleiben. Ich liebe ſie nicht; aber ich weiß, daß ich ihr trauen kann!

Sie verſtand recht wohl den fürchterlichen Argwohn, welcher in dieſen Worten gegen ſie ausgeſprochen lag; aber ſie war längſt an dergleichen Aeußerungen gewöhnt und fühlte ſich von ihnen weder beleidigt noch gekränkt.

Nun meinetwegen, behalte ſie, fuhr ſie mit verſtellter Gleichgiltigkeit fort.Es iſt auch wahr. Ihre ſorgſam ge⸗ pflegte, ſammtne Hand iſt weicher, als meine, durch Arbeit gehärtete, und geeigneter, Dir die Augen zuzudrücken.

Sie betrachtete nach dieſen Worten ihre dürre, in der That nichts weniger als ſammtne Hand, indem ſie hinzu⸗ fügte:Allerdings, allerdings!

Er blickte ängſtlich zu ihr auf und ſagte:Wie kannſt Du auf meinen Tod anſpielen, Gottliebe?

Biſt Du nicht achtzig Jahr alt? verſetzte ſie, indem ein boshaftes Lächeln um ihren Mund flog.Nehmen Deine Kräfte nicht täglich ab? Und dann, um offen zu ſein, ich habe einen böſen Traum hinſichtlich Deiner ge⸗ habt, guter Vater!

Er lachte gezwungen.Ha, ha! Träume ſind Schäume, Gottliebe. Ich werde noch lange leben. Ich kann noch nicht ſterben, ich fühle es, ſchon darum, weil Ihr alle auf meinen Tod wartet, ha! ha! Siehſt Du, das gerade er⸗ hält mich, mein Kind, das ſtärkt und erhöht meine Lebens⸗ kraft. Karl wartet auf meinen Tod; er würde mir Gift reichen, wenn er nicht zu feig wäre. Richard wartet auf

meinen Tod, ſo ſehr er ſich Mühe giebt, es zu verbergen.

Du würdeſt mein Auge mit innerer Freude brechen ſehen widerſprich mir nicht, ich weiß es genau und ge⸗ rade darum, weil Ihr alle drei auf meinen Tod wartet und ſpeculirt, kann ich nicht ſterben und werde noch lange leben.

Sie ſchlug die Augen ſcheinheilig gen Himmel auf und ſagte:Gott iſt mein Zeuge, daß Du Dich hinſicht⸗ lich meiner täuſcheſt, ſo gewiß, als Du Dich in Bezug auf Deine beiden Söhne nicht täuſcheſt! Und wenn Du nur durch ein Teſtament dafür ſorgen wollteſt, daß Dein durch Fleiß und Entbehrung erworbenes Vermögen ſpäter

nicht einmal durch Leichtſinn und Verſchwendung unſerer

Familie verloren gehen könnte Dafür werde ich Sorge tragen, Gottliebe. Aber das hat noch Zeit das hat noch Zeit; verlaß Dich

darauf!

Er ahnte nicht, und ſie ahnte es auch nicht, daß er keine Zeit mehr hatte, daß ſeine Stuunde gekommen war, daß er mit einem Fuße ſchon im Grabe ſtand.

Karoline trat wieder ein und meldete die Ankunft des Rechtsanwaltes, indem ſie hinzufügte:Im Empfangs⸗

zimmer iſt es ſehr kühl. Soll ich ſchnell ein wenig heizen

laſſen?

Nein, nein, verſetzte er haſtig,die Unterredung wird nicht lange dauern. Es wäre Schade um das theure Holz. Wer wird auch im April noch die Zimmer heizen? Darauf erhob er ſich und bemerkte, als Karoline fortge⸗ gangen:So werden wir alſo von Deinem Herrn Ge⸗ mahl hören. Ach, Dein gräflicher Titel kommt uns theuer zu ſtehen!

Du kannſt meine Thorheit nicht mehr bedauern, als ich ſie ſelber bedaure, entgegnete ſie ſpitzig.Uebrigens hab' ich von vornherein Dir überlaſſen, die Geldangele⸗ genheiten zu ordnen. Und es iſt nicht meine Schuld, daß Du Dich täuſchen ließeſt.

Er hatte inzwiſchen einen alten Pelz aus- und einen dünnen, knappen Tuchrock angezogen. Es fröſtelte ihn, aber er achtete nicht darauf und ließ ſich von Gottliebe nach dem Empfangszimmer führen.

(Fortſetzung folgt.)

Bilder aus den deutſchen Gauen.

IV. Das Eſſaß. Von Albert Grün.

(Schluß.)

Wählen auch wir, und zwar um zu Ende zu kommen, die Seite unſrer Warte, die allein noch übrig iſt, die mit⸗ tägliche. Weit draußen zieht ſich der Rheinwald hin; im

offenen Lande, nicht allzufern der Stadt, liegt Illkirch, wo

das Verhandlungslokal von 1681 noch zu ſehen iſt, aber

verſtümmelt, der ſchönen Erker beraubt, aus deren Fenſtern Herr Louvois ſeine Beute fixirte, und eine Viertelſtunde von da dehnt ſich das Dorf Graffenſtaden mit der großen Ma⸗ ſchinenfabrik des Herrn Renouard de Vuſſières. Sie iſt kein Seraing, wie Herr Renouard kein Coquerill, aber doch zahlt ſie ihren tauſend Arbeitern jährlich eine Million an Löhnen und gedeiht ſehr wohl unter der Leitung eines Deut⸗

ſchen, Namens Meßmer, der ſeine Arbeiter zugleich anzuſie⸗ deln, heimiſch zu machen gewußt hat und nebenbei alljährlich

eine beträchtliche Zahl junger Techniker, die ihm als Volon⸗

taire zuſtrömen, praktiſch ausbildet. Daſſelbe thut mit 70 bis 80 armen, zum Bauern⸗ oder Handwerkerſtande beſtimm⸗ ten Kindern die von Privatleuten gegründete proteſtantiſche Erziehungsanſtalt, die dort jenſeit des Polygons, wo die Artillerie bei Tag und bei Nacht ihre Schießübungen hält vor dem Dorfe Neuhof am Walde liegt. Sie iſt einer der vielen Belege des unleugbaren Wohlthätigkeitsſinnes der Straßburger, der in letzter Inſtanz wohl auch im ſtädtiſchen Patriotismus wurzelt. Von dieſer Tugend, deren Spuren

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