ſich Wucherern in die Arme warf. Wer ſich aber vom Teufel bei einem Haare packen läßt, der iſt ſein auf ewig. Das ſchöne Rittergut, welches ihm ſein Vater gekauft hatte, ging in die Hände der Wucherer über. Er zog in eine kleine Stadt in der Nähe von ſeines Vaters Herr⸗ ſchaft, lebte von Credit und Wechſelreiterei und wartete
mit ſtillem Ingrimm anf den Tod ſeines Vaters, der
ewig leben zu wollen ſchien.
Der Greis, welcher die edle Sehnſucht ſeines edlen Sohnes recht wohl durchſchaute, ſchien ſich darüber weder zu betrüben noch darum zu kümmern. Geiz und Hab⸗ gier, dieſe beiden großen Leidenſchaften ſeines langen Lebens, hielten ſeine Lebenskraft aufrecht. Er ſparte, ſcharrte und häufte; und darüber wurde er achtzig Jahr alt.— Sein zweiter Sohn, Richard, war körperlich ver⸗ unſtaltet. In Folge einer Nachläſſigkeit ſeiner Wärterin waren ſeine Füße verlahmt und verkrümmt. Er mußte ſein ganzes Leben lang ſitzen oder liegen, hilflos wie ein Wickelkind. Dieſe körperliche Hilfloſigkeit hatte auch eine geiſtige Unſelbſtſtändigkeit zur Folge. Der unglückliche Menſch war ſechsunddreißig Jahr alt, alſo ein Mann ge⸗ worden, und wurde doch noch in der Abhängigkeit eines Kindes gehalten. Ohne jede Willenskraft, ohne Lebens ziel und Beſtrebung, ohne irgend Etwas von dem, was man im engeren Sinne Charakter nennt, den Launen ſei⸗ nes Vaters, ja denjenigen ſeines Dieners preisgegeben, ſchleppte er ſeine unerſprießliche Exiſtenz träg und freude⸗ los dahin, und fand ſeinen einzigen Genuß in philoſophi—
Menſch am Leben, welches ihm keinen Genuß bot, und war ſtolz auf das fürſtliche Vermögen ſeines Vaters, welches doch gerade für ſein Glück ſo wenig beitragen konnte. Ja, er war ſtolz darauf, daß ſein Vater reich war, und daß er's einſt auch werden würde. Aus dem Bewußtſein, daß ihm, dem körperlich Verunſtalteten und geiſtig ſo wenig Begabten, eben nur das Geld einige Be⸗
Drohungen des enttäuſchten Cavaliers eine unbeugſame Feſtigkeit entgegen. Indeß ſo ein Gatte hat doch auch mancherlei Rechte und große Gewalt ſeiner Frau gegen⸗ über. Allgemach wurde ihr das Gebahren des Grafen unbequem, läſtig. Sie faßte alſo nach dem kurzen, halb⸗ jährigen Genuſſe des ehelichen Glückes den Entſchluß, ſich ſcheiden zu laſſen und übertrug dieſe geſchäftliche und
höchſt delikate Angelegenheit ihrem Vater, von welchem
ſie wußte, daß er dem Grafen nicht einen Heller mehr bewilligen würde, als unumgänglich nöthig wäre. Sie ſelbſt trennte ſich zuvörderſt vom ehelichen Tiſch und Bett und kehrte in das väterliche Schloß zurück, wo wir in Bälde ihre nähere Bekanntſchaft machen werden.
Dies die Brachvogelſche Familiengruppe. Sie bietet wahrlich kein ſchönes Bild. Und wir würden als Schrift⸗ ſteller, der doch nur das Schöne darſtellen ſoll, zu tadeln ſein, daß wir ſie vor die Augen des Leſers geführt, wenn es nicht auch ein äſthetiſcher Grundſatz wäre, daß das Häßliche, wofern es nämlich ins Furchtbare übergeht, eine Art von Schönheit wird. Außerdem taucht aber jetzt, ſeitwärts von jener Gruppe und zu ihr gehörig, ein ſo anziehendes, edles Bild empor, daß ſchon um ſeinet⸗ willen oder vielmehr des Contraſtes wegen der Leſer die häßliche Gruppe in den Kauf nehmen könnte.
Karoline Arndt war ein ſchlankes, großes Mädchen von impoſanter Figur und Haltung. Ihre Züge, ein bläulich ſchwarzes Haar eingerechnet, flößten beim erſten
Anblick eher Scheu und Achtung, als Theilnahme ein. ſchen Grübeleien.— Und doch hing dieſer unglückliche
deutung zu verleihen vermöchte, entwickelte ſich in ſeiner
Seele eine leidenſchaftliche, glühende Liebe zum Gelde. Sein Vermögen mußte ihn einſt ja ſelbſtſtändig und ange g ſt jaſ g g
Es lag etwas Entſchloſſenes, Strenges, faſt Abweiſendes darin. Das tiefblaue, klare Auge ſchaute Euch ſo klug und ernſthaft an; der ſchöngeſchnittene, faſt ſtets geſchloſ⸗ ſene Mund ſchien ein großes, unergründliches Geheimniß zu bewahren; das gewölbte, durch eine zarte Krinne ge⸗ theilte Kinn ſicherte dem ganzen Geſicht den Ausdruck der Feſtigkeit.
Karoline Arndt, aus guter aber armer Familie ſtam⸗ mend, war frühzeitig verwaiſt. Nachdem ſie in mehreren
Häuſern theils als Erzieherin, theils als Geſellſchafts⸗
ſehen machen. Und im Gefühl ſeiner Hilfloſigkeit und ſei⸗
nes ſo ganz bedeutungsloſen Daſeins dürſtete er, lechzte er, wie der Verſchmachtende in der Wüſte nach einem friſchen Trunke, nach Selbſtſtändigkeit und Achtung vor den Men⸗
ſchen. Bei alledem hegte er eine ganz ungewöhnliche Pietät gegen ſeinen Vater, gegen dieſen Vater, den er
eigentlich nicht lieben und nicht hochachten konnte, der ihn darben ließ und lieblos behandelte. Er duldete nie, daß Jemand übel von ihm redete, und machte ſich ſelbſt die bitterſten Vorwürfe, wenn er ſich zuweilen bei dem Ge⸗ danken an den Tod ſeines Vaters ertappte.
Gottliebe, die Tochter des Geizhalſes, war eine magre, vertrocknete Geſtalt. Sie ſtand zur Zeit des Anfangs dieſer Geſchichte in dem verhängnißvollen Alter von vier⸗ zig Jahren und war ſeit einem halben Jahre die Gemahlin eines jungen, achtundzwanzigjährigen, heruntergekomme⸗ nen Grafen. Dieſe vortreffliche Ehe war nach der höchſt praktiſchen, modernen Weiſe, durch Vermittelung eines Agenten, geſchloſſen worden. Der edle Graf hatte dem Vermittler als Honorar einen Wechſel ausgeſtellt. Un— glücklicher Weiſe waren die beiden großen Leidenſchaften des Vaters, wo möglich potenzirt, auf die Tochter über⸗ gegangen. Geiz nicht auf. allen Wechſelnöthen des Gatten und ſetzte den Bitten und
Selbſt der Titel einer Gräfin wog ihren Daher blieb ſie kalt und gleichgiltig bei
dame fungirt, war ſie dem Commerzienrath Brachvogel durch einen ſeiner Geſchäftsfreunde zur Führung des Hausweſens empfohlen und von dem erſtern ihrer be⸗ ſcheidenen Anſprüche halber auch angenommen worden. Seit fünf Jahren lebte ſie nun in dem alten, unheimlichen Schloſſe des Cröſus, ernſt und ſchweigſam waltend. Sie konnte die böſen Geiſter des Geizes und der Liebloſigkeit, welche darinnen umgingen, nicht bannen; ſie durfte nicht einmal Behaglichkeit und Heimlichkeit in den düſtern Räumen zur Herrſchaft bringen. Alles beim Alten zu laſſen, war eine der erſten und vornehmſten Bedingungen in ihrem Contracte mit dem Cröſus. Allein ſie verbrei⸗ tete wenigſtens den Schein der Ordnung und der Be⸗ haglichkeit rings umher. Sie bewahrte das Ganze vor Einſturz und Verfall und ſpendete wenigſtens dem Un⸗ glücklichſten im Schloſſe, dem armen Richard, manchen Troſt und manche Freude. Und was das Wichtigſte und Schwierigſte war, ſie bildete in dieſem mit dem Fluche der Geldgier belaſteten Hauſe, worinnen Alles vor dem, goldenen Kalbe kniete und woraus jeder Cultus des Schö⸗ nen, Guten und Wahren verbannt war, eine Art ſittlicher Macht. Man achtete und fürchtete ſie, wiewohl man ſie nicht liebte. Niemand, weder der filzige Greis, noch ſeine ihm ſo ähnliche Tochter, wagte ſie zu beleidigen oder nur ihr zu nahe zu treten.
Doch wir kehren jetzt zum Anfange der Geſchichte
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