Jahrgang 
1857
Seite
355
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Durch alle Buchhandlungen und Poſtämter für 12 ½

Inbalt: Des Geldes Fluch. Novelle von Theodor König. Grün.(Schluß.) Volkswirthſchaftliche Skizzen⸗ Von H. Schulze. Aus der Krankenſtube. II. Der Typhus. Skizzen aus Rom. landwirthſchaftliche Feſt zu Gotha. II. Aus dem Weltleben. W ward. Die mittelalterlichen Ordealien. Aufſtand und Deſertion der indiſchen Regimenter. Barth

Erſtes Kapitel. Bilder aus den deutſchen G Einleitung. Die Volkswirthſchaftslehr Von Emma Niendorf. I. Corſo degli as beliebt: Marmont's Memoiren. Wie Dougl Aus einem Kirchdorfe Nordangelns. Die p s Reiſen und Entdeckungen.

Ngr. vierteljährlich zu beziehen.

auen. IV.: Das Elſaß. Von Albert e. China und die Chineſen. II. Ingleſi auf der Cicchinna bei Rom. Das as Jerrold Schriftſteller agriſer Wahlen. Meininger Cartonsausſtellung.

Des Geldes Fluch.

Novelle von Theodor König.

Erſtes Rapitel.

In einem kleinen, ärmlich ausgeſtatteten Zimmer ſaß ein Mann in einem Haufen von Papieren begraben und ſchrieb. Dieſer Mann war ein Greis von achtzig Jahren, ſein Scheitel kahl, ſeine Haut gelblich wie von Perga⸗ ment, ſeine Haltung gekrümmt, ſo daß ſeine kleine Figur faſt bis zur Zwerggeſtalt zuſammenſchrumpfte. Mit ſeinen kleinen, grauen, ſtechenden Augen, ſeinem ſpitzen Kinn, ſeinen ſchmalen Lippen und ſeiner langen, ſtark gebogenen Raubvogelnaſe hätte er ein unbezahlbares Modell zu einem Harpagon abgegeben.

Dieſer Greis war der als Cröſus weit bekannte Com⸗ merzienrath Brachvogel, ein Mann, deſſen Geiz und Habgier in der Umgegend ſeiner Herrſchaft zum Sprich⸗ wort geworden war.

ur Zeit, wo wir ihn einführen, hatte er ſein kauf⸗ männiſches Geſchäft längſt aufgegeben, hatte ſich eine große Herrſchaft in einer der fruchtbarſten Gegenden Schleſiens gekauft und lebte dort in einem alten baufälli⸗ gen Schloſſe als ein ächter moderner Raubritter, bepan⸗ zert mit Geld und Kapital, ausbeutend die Menſchen durch Wucher und Schwindelſpekulationen. Die große pracht⸗ volle Herrſchaft freilich brachte ihm wenig oder nichts mehr, denn ſeit zehn Jahren ſog er wie ein Vampyr an ihr. Dem erſchöpften Boden verſagte ſein Geiz neue Nahrung. Das üppige Gras ſeiner Wieſen ließ er un⸗

benutzt ſtehen, weil er die Arbeitskoſten ſcheute, welche mit dem Ernten verbunden waren. Und die alten koloſ⸗ ſalen Eichenſtämme ſeiner Wälder verfaulten oder wur⸗ den hohl und wurmſtichig, weil er in der Ueberzeugung, daß der Werth des Holzes bis ins Enorme ſteigen werde, keinen Stamm niederſchlagen ließ. Seine Beamten, welche er, wie ſich von ſelbſt verſteht, erbärmlich beſoldete, waren genöthigt, ihn zu beſtehlen und die Wirthſchaſt immer mehr zu verwüſten; ſo daß die Herrſchaft, anſtatt eine Getreidekammer und ein Ziergarten für die Umge⸗ gend zu ſein, ein unerquickliches, häßliches Bild von Oede und Verwüſtung darbot.

Und ganz ebenſo wüſt und unerquicklich ſah es in ſei⸗ nem Familienleben aus. Seine Gattin, welche er aus Spekulation geheirathet und ſo unglücklich als möglich gemacht hatte, war gleich nach der Geburt ihres dritten Kindes geſtorben.

Sein älteſter Sohn, Karl, war nach einer ſtürmiſchen Jugend voll Ausſchweifung und Lüderlichkeit ein ſtum⸗ pfer, apathiſcher, blaſirter Menſch geworden, ein gefühl⸗ und geſinnungsloſer Egoiſt, in welchem das Bewußtſein, vollſtändig entnervt und abgenutzt zu ſein, böſe Launen und Haß gegen die Menſchheit erzeugte. Bei dem ſchmutzigen Geize ſeines Vaters hatte er ſeinen Hang zur Ausſchweifung nur dadurch befriedigen können, daß er