Stich gelaſſenen Exilirten zu Gut kommen ſoll. Es ſcheint dem⸗ nach doch nicht ganz richtig, wenn man häufig ſagte, es lebe in der heutigen ſtudierenden Jugend kein politiſcher Geiſt, nur der Geiſt des handwerksmäßigen Studiums fürs Staatsexamen. Auch bei anderer Gelegenheit hat die Göttinger Studenten⸗ ſchaft ein Gefühl nationaler Würde bewieſen, indem ſie die poli⸗ zeiliche Aufforderung, dem ruſſiſchen Zaren bei ſeiner Durchreiſe Spalier zu bilden, einfach ablehnte, obwohl die Aufforderung mit einer Appellation an den„conſervativen Geiſt“ der Studen⸗ ten verbunden war. Hat denn nun, könnte Jemand fragen, die Göttinger Studentenſchaft durch dieſe Ablehnung bewieſen, daß ihr der vorausgeſetzte„conſervative Geiſt“ fehle? Dieſer Schluß wäre durchaus falſch. Sie hat damit nur bewieſen, daß ſie den „conſervativen Geiſt“ nicht in die Entwürdigung vor dem ruſſi⸗ ſchen Autokraten ſetzt, daß ſie ſomit eine richtigere Vorſtellung von dem„conſervativen Geiſte“ hat, als die Göttinger Polizei.
Durch die tiefe politiſche Stille der europäiſchen Welt tönt plötzlich der Ruf:„Ganz Indien im Aufſtand!“ Eine ſchwere Prüfung für den engliſchen Staat. Die Miniſter hatten er— wartet, oder wenigſtens vorgegeben zu erwarten, die nächſte Poſt würde die Ueberwindung des Aufſtandes melden, und ſtatt deſſen bringt ſie die Nachricht, daß die eingeborenen Regimenter überall in Auflöſung oder in Aufſtand ſeien. Es handelt ſich für England um den Verluſt eines Reichs von 150 Millionen, des reichſten Landes der Welt. Es iſt klar, daß, um dieſen Ver⸗ luſt abzuwenden, kein Preis zu hoch erſcheinen wird, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß eine Aenderung der britiſchen Mili⸗ tärverfaſſung eine Folge der Empörung in Hindoſtan ſein wird. Der Fall iſt hier ein anderer als damals, wo es ſich um den Verluſt der britiſchen Colonien in Nordamerika handelte. Dieſer wurden durch den Sturz der britiſchen Herrſchaft frei, ein ſelbſt⸗ ſtändiger Staat. Indien kann dies nicht werden; es fehlen ihm die dazu unumgänglichen Elemente, ſeine Bevölkerungen ſind ohne politiſche Kraft, ſelbſt die jetzige Empörung der einzelnen Regimenter wäre ohne die moraliſche Kraft, welche die engliſche Disciplin und die engliſchen Einrichtungen den Indern zuge⸗ führt, undenkbar. England könnte die Herrſchaft über Indien nur an einen andern Großſtaat verlieren, keiner aber, weder Rußland, noch Frankreich, noch Nordamerika iſt in der Lage, dieſe Herrſchaft antreten zu können, Rußland allein vielleicht würde den Verſuch dazu machen, und hält ſich jedenfalls fertig, um die Verlegenheiten Englands beſtens zu benutzen. Die be⸗ vorſtehenden Ereigniſſe in Aſien nehmen die Aufmerkſamkeit in hohem Grade in Anſpruch, ſowohl an ſich, als wegen des Rück⸗ ſchlags, den ſie auf die europäiſche Politik üben müſſen. Das Bündniß mit Frankreich muß in England im Werthe ſteigen, und Louis Napoleon wird allerlei Conceſſionen namhaft zu machen wiſſen, die er als Bedingung einer moraliſchen oder militäriſchen Mitwirkung für die Zwecke engliſcher Politik auf⸗ ſtellen wird. Je weniger es England gelingen ſollte, ſein Ver⸗ hältniß in Aſien durch raſche und glückliche Schläge zu regeln, deſto mehr würde eine mißliche Abhängigkeit von Louis Napoleon augenfällig werden.
Während die deutſche Preſſe, welche leider gezwungen iſt die politiſche Schwäche Deutſchlands dem Dänenvölkchen gegenüber einzuräumen, bisher wenigſtens die geiſtige Ueberlegenheit der Deutſchen über die Dänen behauptet hat, beugt ſie ſich plötzlich vor dem Urtheil eines däniſchen Profeſſors und Etatsraths, Eſchricht, welcher unwiderleglich nachgewieſen haben ſoll, daß der bekannte Caspar Hauſer weder ein ausgeſetzter Prinz, noch überhaupt in ſeiner Jugend verwahrloſt, ſondern einfach ein Stumpfſinniger, ein Idiot geweſen ſei, der aber unter den Händen von Nürnberger Phantaſten ein Betrüger und ſchließlich
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha
ein Selbſtmörder geworden. Daß Caspar Hauſer nicht einem Meuchelmord erlegen, ſondern durch Selbſtmord gefallen ſei, wurde bekanntlich gleich nach ſeinem Tode behauptet; aber alle Diejenigen, welche ihn im Leben näher gekannt— und deren waren doch viele nicht nur in Nürnberg, ſondern auch in Ansbach und in ganz Franken— hielten dieſe Behauptung kaum der Widerlegung werth. Wir müſſen uns beſcheiden, ein Urtheil in der Sache abzugeben, da wir die Akten nicht vollſtändig zur Hand haben; doch können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß— ganz abgeſehen davon, daß Hauſer auf die, welche ihm näher ſtanden, nicht den Eindruck eines Idioten machte— die Entwicklung des Idioten zum Betrüger und Selbſtmörder pſycho⸗ logiſch ſchwer zu erklären iſt. Der däniſche Profeſſor ſchildert die Männer in Nürnberg, welche ſich Hauſers vorzugsweiſe an⸗ nahmen, als Phantaſten, welche ein Geheimniß da ſahen, wo keines zu entdecken war. Nun iſt allerdings Prof. Daumer, im übrigen ein Mann von Geiſt und umfaſſendem Wiſſen, nicht frei von Schrullen und Idioſynkraſien, zumal in ſeinen Anſich⸗ ten über Religion und Chriſtenthum; der verſtorbene Bürger⸗ meiſter Binder aber war, wie ſehr viele Leute in Nürnberg und Bayern wiſſen, ein durchaus verſtändiger, aller Phantaſterei fremder Juriſt und Lebemann. Sollte ſchließlich der däniſche Profeſſor in dieſer Angelegenheit Recht behalten, ſo wären nicht bloß die Genannten, ſondern noch manche angeſehene Perſonen compromitirt: vor Allen der berühmte Criminaliſt Feuerbach, in deſſen von ſeinem Sohne herausgegebenen hinterlaſſenen Pa⸗ pieren ſich ein mit vollendeter juriſtiſcher Logik geſchriebener Auf⸗ ſatz über Kaspar Hauſer befindet. Wir erwarten, daß von Bayern aus die Arbeit des däniſchen Profeſſors beleuchtet werde.
Unter dem Vorſitz des Prinzen Albert und von ihm eröff⸗ net, hat vor Kurzem in London eine Conferenz für Nationaler⸗ ziehung ſtattgefunden. Es iſt bekannt, daß ein großer Theil der engliſchen Jugend keine Schule oder nur einige Jahre hindurch be⸗ ſucht und daß weder ein ſtaatlicher noch gemeindlicher Schulzwang beſteht. Die nähern ſtatiſtiſchen Zahlen, wie ſie bei Gelegenheit jener Conferenz gegeben wurden, ſind folgende. Von beinahe
5 Mill. Kindern zwiſchen dem 3. und 15. Jahre in England und
Wales beſuchen nur etwas über 2 Mill. überhaupt irgend eine Schule, 2,861,848 Kinder bleiben ohne jeden Schulunterricht. Von jenen zwei Millionen aber, die eine Schule beſuchen, ſind nur 600,000 über 9 Jahre alt: alſo unter 8 Kindern iſt nur eines, das über das 9. Jahr die Schule beſucht. Eine Heilung dieſer traurigen Zuſtände iſt in England mit großen Schwierig⸗ keiten verbunden, die auch Prinz Albert in vollem Maße aner⸗ kennt, indem er ſich wohl hütet, ſich für den einen oder andern der lautgewordenen Vorſchläge zu erklären. Einmal iſt die ganze engliſche Nation gegen das auf dem Continent herrſchende Princip der Staatseinmiſchung. Wollte man aber der Kirche die Erzie⸗ hung und Bildung der Jugend überlaſſen, ſo machte ſich ſofort das engliſche Diſſenterthum geltend, das einem Unterrichtsſyſtem abgeneigt ſein muß, in welchem den Kindern ein Dogma ein⸗ geprägt würde, das die Eltern verabſcheuen oder mindeſtens verwerfen. Dazu kommt, daß für arme Familien die Kinder und ihre Arbeit ein Capital ſind, das ihnen entzogen würde, wenn man in irgend einer Weiſe einen Schulzwang einführen wollte. Es müßte den Eltern zuvor bewieſen werden, daß es für ſie ein Gewinn iſt, ihre Kinder zur Schule zu ſchicken. Manche würden es für einen bedeutenden Schritt zum Beſſern halten, wenn das Parlament die feierliche Erklärung abgeben wollte, jedes engliſche Kind habe ein heiliges und unveräußerliches Recht auf Erziehung und Unterricht. Damit wäre das Princip des Unterrichts auf Staatskoſten angenommen. Aber ſchwerlich wird dies ſo bald geſchehen.
Druck von Gieſccke& Devrient in Leipzig.


