Jahrgang 
1857
Seite
353
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heiterer Weltanſchauung muß uns entſchwinden, indem wir ſei⸗

nes Verhaltens gegen die Vorkämpfer ſeines nationalen Rechtes

gedenken! Nicht bloß der Undank zählt unter den ſieben Tod⸗ ſünden, auch das Vergeſſen patriotiſcher Pflichten gehört dazu. Und dieſe Sünde haben wir ſeit fünf Jahren reichlich geübt gegen unſere ſchleswig-holſteiniſchen Brüder, nachdem wir uns im erſten Bedauern ihres Schickſals mit einem mitleidigen Schilling abgefunden. Einige von ihnen haben allerdings in Deutſchland eine neue Heimathſtätte gefunden, doch ſind es eben bloß Einige. Die meiſten nagen dagegen noch heute heimathlos am Hungertuche. Für Dombauten und allerlei Denkmale der

Todten haben wir unterdeſſen fromm geſammelt, auf allerlei

milden Zweckbällen luſtig getanzt, ſogar für die Heidenbekehrung in China oder auf den Sandwichsinſeln ſalbungsvolle Beiträge

gegeben nur die unmittelbarſte, ſchreiendſte nationale Ehren⸗ ſchuld blieb unberichtigt! Und ſelbſt heute, da die Preßorgane

mit lauten Mahnungen und Klagen dagegen aufſtehen, ſind die Einläufe bei den Sammlern noch beſchämend gering. Nur von zwei Genoſſenſchaften, von den Heidelberger Studenten und den

daß ſie eine fortdauernde Wochenſammlung regelmäßig einge⸗ richtet haben!... Und dennoch, Gott ſei Dank, daß gerade im friſchen Nachwuchſe unſerer übermateriellen Gegenwart im Süden wie Norden noch ſolcher Sinn zu finden iſt. Da ſteht zu hoffen, daß die Aelteren, welche noch vor wenigen Jahren ſo oft ihr Gut und Blut für die Sache der Herzogthümer einzuſetzen verſpra⸗ chen, ſich nicht von den Jungen werden länger beſchämen laſſen. Vom Blute iſt ja ſo keine Rede mehr, das hat die Diplomatie verboten. Es handelt ſich nur um ein verſchwindendes Bruch⸗ theil unſeres Gutes, damit die bleichen Jammergeſtalten, welche einſt tüchtige Vorfechter deutſchen Rechts und Beſitzes waren, nicht Hungers ſterben!

Nach ſo trüben Betrachtungen wenden wir uns gern zu den glänzenden Höhen des Lebens. Die Fürſtenthrone ſtehen leer, ihre Inhaber reiſen ſämmtlich oder haben ſich in die Bäder zu⸗ rückgezogen. Mit maſſenhaftem Gefolge durchflog der Kaiſer von Rußland den deutſchen Weſten, um nach Darmſtadt ſeine Gemahlin zu bringen, im Wildbad ſeine kranke Mutter aufzu ſuchen. Aus Hamburg ſchrieb man von ſeinem trüben und düſtern Ausſehen, aus Darmſtadt von ſeiner heitern Leutſelig⸗ keit. Dort begrüßten ihn bengaliſche Feuer auf dem Alſter⸗ baſſin, hier weiße Jungfrauen in unſchuldigen Kleidern, ſchwarz⸗ orange⸗weiße Fahnen, als wäre er in ſeinem Reiche, uniformirte Beamtenſpaliere, ſchwarzbefrackte Bürgerreihen, Feſtgepränge und Jubelhymnen, von denen die Bürgermeiſterei ſchon bei ihrer Anordnung wußte, daß ſieaus dem Herzen kommen wür⸗ den; zum Abſchied eine Revue der großherzoglichen Armee. Darmſtadt nahm ſich jetzt genau ſo aus, wie ein kleines Stück⸗ chen von Petersburg. Man hörte auch faſt mehr Franzöſiſch und Ruſſiſch als Deutſch; wie es denn überhaupt dieſen Sommer an allen Menſchenſammelplätzen der Fall iſt. Golowin, der nun begnadigte, ſchrieb einmal ein Buch:La Russie envahie par les Allemands; wir leben jetzt in einer Allemagne, envahie par les Russes. Unſere Hoteliers und Zimmerver⸗ miether ſind damit äußerſt zufrieden, für uns Andern macht dieſe friedliche Eroberung die Preiſe abermals theurer. Denn an die Stelle der ehemaligen Pfund⸗Engländer, welche heut genauer

als mancher Deutſche zu rechnen pflegen, ſind nun die ruſſiſchen Rubel und die transatlantiſch⸗republikaniſchen Dollars getreten. Es iſt ſeltſam, daß auch in der Leichtigkeit des Geldausgebens die Ruſſen und Nordamerikaner einander ſo ähnlich ſind, wie in der Rückſichtsloſigkeit gegen andere Menſchen, in der Unter⸗ ſchätzung anderer Länder und im affichirten Hyperpatriotismus.

Wenn es übrigens mit der Lebenstheurung in Deutſchland ſo fort geht wie bisher, werden wir nächſtens eben ſo ſplendid werden, wie Ruſſen und Amerikaner. Es rührt bei ihnen da⸗ her, weil ihnen unſere Preiſe gegen ihre heimiſchen gar ſo billig vorkommen. Jetzt geht aber bei uns die Preisſteigerung nicht bloß auf Eſſen, Trinken, Kleidung, Wohnung, ſondern auch auf Papier. Das heißt uns ans Leben greifen, und man könnte beinahe glauben, darauf ſpekulire eben die jetzige friedliche Er⸗ oberung Deutſchlands durch die Ruſſen. Denn ſchon im Februar 1848 wußte eine Denkſchrift des Neſſelrodeſchen Kabinets genau: keines Volkes Leben bewege ſich in Büchern,es ſei denn das Leben des deutſchen Volkes. Man könnte auch weiter glauben,

etwas von dieſem Papiermangel mache ſich jetzt ſchon fühlbar, Zöglingen des Braunſchweiger Carolinums, vernimmt man,

nachdem etwa ſechzig Papierfabrikanten erſt vor ein Paar Wochen ihre Steigerungscoalition geſchloſſen haben. Denn es iſt in der

That in letzter Zeit kein irgend bedeutendes Buch erſchienen.

Aber man kann ruhig ſein. Angekündigt ſind ſchon wieder viele, und wenn die journaliſtiſche Cameraderie mit ihren Ver⸗ heißungspoſaunen wahr ſpricht, bekommen wir eine ganze

Ueberſchwemmung von höchſt bedeutenden Schriften natür⸗

hiſtoriſchen Stücken größeren Styls erſchreckend bezeugen.

lich ohne Waſſer in allen denkbaren Literaturzweigen. Wir verweiſen aber den neugierigen Leſer auf die Tagblätter, wenn er nach Titeln fragt, um dem nicht neugierigen die Freude der Ueberraſchung zu laſſen.

Auch auf den ſonſtigen Gebieten künſtleriſcher Leiſtung ge⸗ ſchehen Zeichen und Wunder vollauf. Denn im Sommer iſt das vagabundirende Virtuoſenthum aller Fächer in floribus. Und da in dieſer Zeit meiſtens kleinere Städte oder Badeorte beglückt werden, aus denen im Winter wenig zu berichten, da ferner die trocknen Zeitungsſpalten gierig nach Futter ſchnappen, ſo bleibt der unglücklichen Welt, welche der Virtuoſität nicht lauſchen durfte, kein Klatſch, kein Bravo und kein Dacapo er⸗ ſpart. Doch wir ſchwatzen da aus der Schule, was der Leſer eigentlich gar nicht wiſſen darf. Wir ſchweigen deshalb unſere Gedanken darüber todt, weshalb dieſe Virtuoſen in Stimme, muſikaliſchem Inſtrument und theatraliſcher Darſtellung nir⸗ gends klaſſiſche Meiſterwerke zur Aufführung bringen. Wir ſchweigen auch darüber, daß dieſes bloß techniſche Virtuoſenthum in der Malerei der Gegenwart ebenfalls ſeine Wiederſpiegelung findet, wie die wandernden Kunſtausſtellungen mit ihren Genre⸗, Veduten⸗ und Portraitmaſſen und ihrem gänzlichen Mangel an Da⸗ gegen wollen wir daran erinnern, daß der Erbprinz von Mei⸗ ningen in ſeiner Reſidenz ſoeben eine Ausſtellung von Cartons der hiſtoriſchen Meiſter eröffnet, während das Geſammtgaſtſpiel der tüchtigſten Mitglieder des Wiener Hofburgtheaters in Breslau hoffentlich zur Anregung wird, daß mehrere gute große Theater ihre Ferien anderwärts in gleicher Weiſe benutzen. Denn nur durch Anregung des wahrhaft guten Geſchmacks kann das kunſt⸗ verderbende Virtuoſenthum und die Luſt daran effektvoll be⸗ kämpft werden.

Was beliebt.

Zu den erfreulicheren Erſcheinungen der deutſchen Gegen⸗ wart gehört die wieder erwachende Theilnahme an dem Schickſal der vertriebenen Schleswig⸗Holſteiner, zu⸗

mal bei der ſtudierenden Jugend. Auf mehreren Univerſi⸗

täten ſind von den Studierenden wöchentliche Groſchenſammlun⸗ gen organiſirt, deren Ertrag den von Deutſchland politiſch im 4