In Gotha hat dagegen nur das Gefühl der Unzulänglichkeit der Kräfte beim Alleinſtehen, ein dunkler Trieb zur Anleh⸗ nung an den größeren Vereinsverband jener Provinz Veran⸗ laſſung gegeben.
Wie aus ganz Deutſchland die Land⸗ und Forſtwirthe jährlich zuſammenkommen, um über die landwirthſchaftlichen
Intereſſen des großen Vaterlandes zu tagen, ſo möge auch für Thüringen, die preußiſche Provinz und das Königreich Sachſen eine Zeit kommen für gemeinſchaftliche Verſamm⸗
lungen der Koryphäen der Landwirthſchaft ſowie für derar⸗
tige landwirthſchaftliche Ausſtellungen.
Aber über den fernen Zielen ſoll man die zunächſt lie⸗ genden Bedürfniſſe nicht überſehen; um gehörig vorzuberei⸗ ten für jenen weitern Bund ſoll man um die naheſtehenden erſt ein feſtes Band zu ſchlingen ſuchen. Erſt für die thü⸗ ringiſchen Länder, und wäre es auch ohne die dazwiſchen⸗ liegenden preußiſchen Gebietstheile, eine gemeinſame land⸗ wirthſchaftliche Centralſtelle, die für die ſämmtlichen thürin⸗ giſchen landwirthſchaftlichen Vereine der Vereinigungspunkt aller Beſtrebungen und für ſämmtliche thüringiſche Regie⸗
rungen ein gemeinſchaftliches Organ nicht nur zur Begut⸗ achtung wichtiger Geſetzgebungs⸗ und Verwaltungsfragen, Verſammlung in Gotha über wichtige landwirthſchaſtliche
ſondern auch für gemeinſame Verwaltungszweige ſelbſt zu ſein hat. Es handelt ſich hier nicht blos um eine Vereins⸗ angelegenheit; vielmehr hängt dieſelbe mit der ganzen poli⸗ tiſchen Conſtituirung Thüringens auf das Engſte zuſammen.
Im Jahr 1848 ſprach man von einem thüringiſchen Königreiche, der Herrſchaft eines ſeiner Fürſten über die Län⸗ der der Anderen. Dieſe Zeit iſt vorbei. Soll aber deshalb Thüringen mit ſeiner ſcharfausgeprägten Natur, mit ſeinen eigenthümlichen Verhältniſſen der Landwirthſchaft und In⸗ duſtrie, alle Hoffnung verloren haben, dereinſt als ein Ganzes einen ſelbſtſtändigen Faktor im deutſchen Kultur⸗ leben abzugeben? Soll es nur ein geographiſcher Begriff bleiben, ſtaatlich aber wegen Mangels eines innern Schwer⸗ punktes und an Geſammtinſtitutionen für ſeine gemeinſa⸗ men Intereſſen jegliche Bedeutung verlieren, ſo daß für ſeine
einzelnen Theile mit der Zeit keine andre Wahl bleibt, als ſich von den benachbarten größern Staaten ins Schlepptau nehmen zu laſſen? Für das deutſche Geſammtleben, das gerade in der Mannigfaltigkeit und eigenthümlichen Aus⸗ prägung ſeiner einzelnen Volksſtämme, ſoweit ſie ohne Ge⸗ fährdung und Lockerung des Einheitsbandes der ganzen Nation geſchehen kann, die höchſten Bedingungen ſeiner Frei⸗ heit und Kulturentwickelung beſitzt und zu wahren hat, wäre eine derartige politiſche Zukunft der thüringiſchen Länder als ein politiſches Unglück zu beklagen.
Obſchon in verſchiedenen Kreiſen die Frage erwogen worden war, ob es in Berückſichtigung aller dieſer Thüringen zunächſt vorliegenden Aufgaben räthlich ſei, die Wander⸗ verſammlung der thüringer Landwirthe mit der Generalver⸗ ſammlung der centraliſirten landwirthſchaftlichen Vereine der preußiſchen Provinz Sachſen zu vereinigen, ſo hatte man ſich doch für dieſe Vereinigung entſchieden, da von Seiten der letzteren Vereine Gotha zum Verſammlungsort gewählt und der Herzog von Coburg⸗Gotha ſowohl ſie, als auch die Wanderverſammlung thüringer Landwirthe freundlich hatte einladen laſſen.
Beſeelt von dem gemeinſamen Verlangen, durch die
Bedürfniſſe und Wünſche aller betheiligten Länder eine öffent⸗ liche Kundgebung und Verſtändigung herbeizuführen, ſind in Eintracht alle Verhandlungen gepflogen worden. Die Ver⸗ ſammlung hat bewieſen, daß die Landwirthſchaft Thüringens mit der der preußiſchen Provinz Sachſen verbrüdert, ja daß auch fernerhin für Beide es nicht an Intereſſen fehlen wird, die eine gemeinſchaftliche Berathung wünſchenswerth machen.
Möge aber Thüringen zur gehörigen ungehinderten Ent⸗ wickelung ſeiner Eigenthümlichkeiten durch ſeine nächſte Wan⸗ derverſammlung in Eiſenberg vor allen Dingen die Organiſa⸗ tion und Centraliſation ſeiner landwirthſchaftlichen Vereine in Angriff nehmen laſſen und zunächſt eine ähnliche Inſtitu⸗ tion ſchaffen, wie ſie die Provinz Sachſen in ihrer Central⸗ direction hat!
Aus dem Weltleben.
Vor der Julihitze, die ſchon ſeit Junianfang dauert, gehen die fröhlichen Oeſterreicher in die„Sommerfriſche“, während die höflichen Sachſen ſich vor ihr aufs„Sommerplaiſir“ zurückzie⸗ hen. Bei den Schweizern und Tyrolern„abbert“ ſie den Schnee von den oberſten Saumpfaden, ſo daß deſto mehr Touriſten den Führerzoll bezahlen müſſen; auch der Getreidehändler berechnet ſie nach Thalern, und hat obendrein den Vortheil, jeden Gewit⸗ terſtrich nach Groſchen gleichfalls auf den Marktpreis ſchlagen zu können. Ihnen iſt's eine wahrhaft goldene Sonne! Der Badekranke kann dagegen ſeine ſteifen Glieder gratis in ihren Strahlen bähen, womit er die halbe Kurzeit erſpart; und der Vergnügungsreiſende ſieht alle Landſchaften im ſchönſten Lichte, wenn er gleich— ſchwitzt. Dies Schwitzen iſt auch der Vor⸗ theil, welchen der Feuilletoniſt mit all jenen Glücklichen in der „Sauergurkenzeit“ gemein hat, in welcher es keine ſauren Gur⸗ ken mehr und friſche noch nicht giebt. Nur durchleidet er dieſen angenehmen Lebensproceß weder unter einem Orangendache, noch im Angeſicht eines alpenumgränzten Sees, ſondern hinter dem Schreibtiſch, vor ſich die Wüſtendürre der ſommerfriſchen Zeit, rings um ſich die Todtenſtille der Sommerplaiſirs⸗Wochen. Ueber dem warmen Juliechauffementtritt noch ein kalter Schweiß auf ſeine Stirn, der Angſtſchweiß um Stoff. Dazu ſoll er Humor
aus dem glühenden Nichts ſchöpfen, ſoll zierlich und geiſtreich ſchreiben für die Sieſte all der Glücklichen, denen die Juliſonne Geſundheit in die Glieder, oder Geld in die Taſchen ſcheint! Kann ich Tartarenbotſchaften aus der Erde ſtampfen, wächſt mir eine Seeſchlange oder gar eine fette Ente auf der flachen Hand? Seitdem die Welt zur rechten Zeit unterzugehen vergaß, paſſirt nichts mehr auf ihr; und ich glaube faſt, daß ſie doch unterge⸗ gangen iſt, nur daß wir nicht Acht gegeben haben.
Man merkt überhaupt Vieles nicht. So z. B. die däniſche Erwiderung auf die Maiblumenſträußchen, welche aus Wien und Berlin nach Kopenhagen geſchickt worden ſind. Der Dank dafür iſt ſchon ſeit Wochen unfindbar in der Luft herumgeflat⸗ tert, ehe er an ſeinen Beſtimmungsorten ankam. Nur die Diplo⸗ matie hat ihn längſt gekannt und viel damit zu thun gehabt, wenn ſie ſich auch anſtellte, als ob ſie geſchäftslos in der Welt herumführe. Nur hat ſie natürlich nach dem ſegensreichen Prin⸗ zipe der Arbeitstheilung das Lebendige, was ebenfalls mit dem deutſch⸗däniſchen Herzensaustauſche recht genau zuſammen⸗ hängt, nämlich die durch Dänemark von Haus und Hof gejagten ſchleswig-holſteinſchen Beamten, dem Patriotismus des deut⸗ ſchen Volkes überlaſſen.
Und das deutſche Volk?.... Wahrlich, auch die letzte Spur
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