Jahrgang 
1857
Seite
350
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blühete, worunter auch jenes gehört, daß damals die Men⸗ ſchen geſünder und länger gelebt hätten. Es iſt einfach eine Unwahrheit. Viele verheerende Krankheiten, denen damals Tauſende zum Opfer fielen, ſind verſchwunden oder heilbar geworden. Wir kennen z. B. in Europa die Peſt, den engliſchen Schweiß, den ſchwarzen Tod nicht mehr; die Menſchenpocken ſind durch die Impfung im Verſchwinden begriffen. Statiſtiſch iſt es überhaupt nachgewieſen, daß auf dem Lande jetzt etwa 8 Procent Menſchen weniger krank ſind, als in jeneralten, guten Zeit, und noch mehr Pro⸗ cente in den Städten. Ferner iſt feſtgeſtellt, daß von den Kranken heute bedeutend weniger Procente ſterben, als da mals; ein Verhältniß, welches in manchen Gegenden ſo be⸗ deutende Verbeſſerungen erreichte, daß, während früher 18. bis 20 Todte auf das Hundert der Kranken gerechnet wurden, heut nur noch 4, 6 bis 8 unter gewöhnlichen Verhältniſſen. Endlich aber iſt es eine eben ſo feſt conſtatirte Thatſache, daß überall in Europas Kulturländern die durchſchnittliche Lebensdauer ſich ziemlich bedeutend verlängert hat, und zwar dies ebenfalls wieder vorzugsweiſe in den Städten. In dieſem Allen liegt aber doch wohl ein deutlich Zeichen, daß nicht die auf dem Lande oft noch gewöhnliche Selbſthülfe bei Krankheiten, ſondern baldige Herbeirufung ärztlicher Hülfe und vor Allem eine vernünftige Pflege der Geſund⸗ heit, die Vorbeugung des Krankwerdens, unſere natürlichſte Pflicht und Aufgabe iſt.

Auch die Aerzte der neuen Zeit erkennen dies als ihre höchſte Aufgabe. Kein Vernünftiger unter ihnen bildet ſich ein, er könne eine Krankheit(gewiſſe, ſehr beſtimmte und be⸗ ſondere Leiden ausgenommen) mit beſtimmten, ſogenannten ſpeziſiſchen Arzneien gleichſam todtſchlagen oder in ſich ſelbſt erſticken. Wie das geſunde Leben nach beſtimmten Regeln verläuft, beſtimmte Prozeſſe vollendet, beſtimmte Producte ſeiner Thätigkeit im Körper hervorbringt, ſo auch jede Ab⸗ änderung dieſer Lebensthätigkeit, deren Gegenſatz wir eben Krankheit nennen. Der Arzt kann ihren Verlauf, um

uns ſo auszudrücken, nur in Schranken halten, von edlen

Organen ableiten, durch ſeine geſchärfte Beobachtung ge⸗ fährlich einfallenden Zufällen begegnen, ſich bildende Kriſen unterſtützen, kurz den nach unſern gewöhnlichen Begriffen abirrenden Gang der Lebensthätigkeit allmälig wieder auf den rechten, normalen Weg zurücklenken. Um mehr zu ver⸗ mögen, müßte er ein Gott ſein und Wunder thun können.

Denn heilen, wie man das Wort früher verſtand, hieß die

Krankheit aus dem Körper werfen, wie einen fremden Stoff. Sobhald wir aber dagegen die große Erkenntniß der Heil⸗ kunde unſeres Jahrhunderts, ja faſt erſt des letzten Men⸗ ſchenalters feſthalten, daß jede innere Krankheit und ihr Ver⸗ lauf ein eben ſo geſetzmäßiger und in ſeiner Art normaler Prozeß iſt, wie die geſunde Lebensthätigkeit, werden wir die Grenzen der Möglichkeit ärztlicher Macht über die Krankheit vernünftig bemeſſen. Wir werden dem Arzte namentlich nichts Unmögliches zumuthen oder ihm nicht Vorwürfe zu= ſchieben, wenn die Kraft des Körpers von der Macht der Krankheit überwunden wird. Vielleicht gegen keinen Künſtler auf der Welt iſt die Welt im Urtheil ungerechter, als gegen den Heilkünſtler, gegen den Arzt. Sie würde gerechter ſein, wenn ſie ſich eben des Weſens jeder Krankheit als wirk⸗ lichen Lebensprozeſſes inniger bewußt wäre.

Weil aber jede Krankheit ein Lebensprozeß iſt, giebt es auch keine, welche, außer dem unmittelbar ergriffenen Organ, nicht auch mehr oder minder den ganzen Körper mitbe⸗ theiligt, und ebenſo das geiſtige Leben des Menſchen, ſo⸗ weit es durch Körperzuſtände bedingt iſt. Dies hat der Pfleger der Kranken immer und feſt im Auge zu halten. Nicht bloß die Körperpflege, auch die Wartung des Geiſtigen im Kranken iſt ſeine Aufgabe oftmals ſchwerer faſt als die Körperpflege, oftmals aber auch ſelbſt auf die Körper⸗ krankheit mindeſtens ebenſo heilſam einwirkend als jene. Uud für dieſe Pflege laſſen ſich käaum Regeln geben. Je an⸗ gegriffener aber die Körperorgane von einer Krankheit ſind, deſto mehr bedürfen ſie der Ruhe. Der aufgeregte Geiſt des Kranken kann ſich dieſe nicht geben, die Ruhe des Krankenpflegers muß ſie ihm zuführen. Ruhige Theilnahme an ſeinen Leiden, ruhige Bewegung bei allen Hülfleiſtungen, ruhiges Handeln bei eintretenden beſonderen Zufällen, ruhi⸗ ges Abwarten aufgeregter Momente des Kranken, kurz über⸗ all die Sicherheit im Handeln und Behandeln, welche uns einzig die geiſtige Ruhe giebt, das iſt die höchſte und noth⸗ wendigſte Eigenſchaft jedes Krankenpflegers. Sie wird uns freilich um ſo ſchwerer, je näher uns der Kranke ſteht, je höher die Gefahr ſteigt. Aber gerade damit wächſt auch die Nothwendigkeit, ſie uns mit aller Kraft unſeres Geiſtes und Willens zu erhalten, um unſeren leidenden Lieben das ganz zu ſein, was wir ihnen zu ſein ſtreben. Oftmals kann der Pfleger mehr zum Erretter des Kranken werden, als ſelbſt der beſte Arzt, wenn er dieſe Ruhe feſt und ſicher zu wahren weiß. Dies Bewußtſein muß ihn ſtählen.

Das landwirthſchaftliche Feſt zu Gotha

am l3. 15. Juli.

Unter dieſem Namen hat die dritte der landwirthſchaft⸗ lichen Ausſtellungen, welche im Herzogthum Gotha ſeit Jah⸗ ren veranſtaltet worden ſind, ſtattgefunden. Und in der That, eine ſolche Ausſtellung trägt mehr den Charakter eines Feſtes an ſich, als manches andere unter ſolchem Namen gehende Volksvergnügen, das heut zu Tage keinen Werth mehr für das öffentliche Volksleben hat.

Hier iſt es die geſammte Landwirthſchaft des Landes, welche mit ihren Leiſtungen und Beſtrebungen vor dem Volke auftritt, ſich der öffentlichen Prüfung unterzieht und ihre Fortſchritte zum Beſten der Geſammtheit verbreiten will. Hier iſt ein Wettkampf um Dinge, welche einen ganz andern Werth, als den eines bloßen Zeitvertreibes oder, wie bei den Thüringiſchen Vogelſchießen, lediglich einer Geſchicklichkeit für

Jagdliebhaber haben. Mit den Siegern beim Wettkampfe auf einer landwirthſchaftlichen Ausſtellung freut ſich jeder Feſttheilnehmer; denn der Gegenſtand des Sieges iſt eine Leiſtung, eine Verbeſſerung, ein Erzeugniß, wovon mittel⸗ bar das ganze Volk einen Vortheil hat, wodurch der Natio⸗ nalwohlſtand vermehrt wird.

Das dritte landwirthſchaftliche Feſt zu Gotha hatte aber eine noch viel größere Bedeutung dadurch, daß es in Verbindung geſetzt worden war mit der Generalverſamm⸗ lung der ſämmtlichen, unter einer Centraldirection verbun⸗ denen, landwirthſchaftlichen Vereine der preußiſchen Provinz Sachſen, der anhaltiniſchen, gothaiſchen und ſchwarzburg⸗ ſonderhauſiſchen Länder, ſowie mit der dreizehnten Wander⸗ verſammlung thüringiſcher Landwirthe. Durch eine ſolche