Jahrgang 
1857
Seite
349
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Aus der Krankenſtube.

I. Der Rrankenpfſeger.

Es ſind keine heitern und lichten, es ſind ſehr ernſte und trübe Verhältniſſe, worauf wir im Nachfolgenden die Blicke unſerer Leſer zu lenken verſuchen. Sommer, in der Jahreszeit, wo uns im Allgemeinen der Gedanke an Krankheiten fern liegt! Vergegenwärtigen wir uns denn aber in Tagen der Krankheit nicht die zu hoffende

Geneſung? Denken wir nicht gerade im tiefſten Winter,

wenn Unwohlſein und Unbehaglichkeit uns umfangen, an die kommenden Frühlingstage und wie wir dann wieder mit neuen Kräften ſchaffen, wirken, leben wollen? So ſollen wir auch, in Geſundheit blühend, umweht von den Blumendüften des Sommers, von ſeiner Sonne erwärmt, von ſeinen Gaben erquickt, gegen den Anblick des trüben Herbſtes und Winters uns nicht verſchließen, und der dann häufigeren Krankheiten gedenken. Gerad je weniger wir im Augenblick in Anſpruch genommen ſind von einer eignen Krankheit oder von einem Leiden unſrer Umgebungen, deſto ruhiger können wir auf Krankheitsbilder blicken, und uns daraus für die häusliche Pflege der Kranken unſere Regeln bilden.

Es verſteht ſich von ſelbſt, daß keine mediziniſchen Ab⸗ handlungen in dieſen Blättern Platz finden können. Es ſollen übrigens nur die hervorragendſten Erſcheinungen einiger der gewöhnlichſten und ſagen wir es ſogleich verheerend⸗ ſten Krankheiten geſchildert werden. Oft liegt es ja nur daran, wenn beim Beginne einer Krankheit ſcheinbar unbe⸗ deutende Symptome von den Umgebungen des Kranken unterſchätzt werden, daß ärztliche Hülfe zu ſpät angerufen wird, um dem Entſtehen einer ſchweren Krankheit zuvorzu⸗ kommen, oder doch deren Verlauf zu mildern. Wie oft ge⸗ ſchieht es dann ferner auch, daß die Krankenpfleger nur aus Unkenntniß von der Natur einer Krankheit, wenn juſt der Arzt nicht zur Stelle iſt, in irgend einem entſcheidenden Momente etwas thun, was das Leiden verſchlimmert, den Kranken vielleicht dem Tode zuführt. Darauf kommt es

aber beim Nichtarzt, beim Laien, beim Krankenpfleger gar

nicht an, daß er die Krankheit im Detail kenne. Darauf dagegen, daß ihm im Allgemeinen ihr Grundweſen nicht fremd ſei, ob ſie nämlich entzündlicher oder entgegengeſetzter

Natur, ob raſch oder langſam verlaufend u. dergl. mehr;

ferner, daß er in der Hauptſache die Organe wiſſe, welche angegriffen ſind, daß er endlich nicht unvorbereitet zufälligen Erſcheinungen, Zufällen gegenüberſtehe, die faſt bei jeder Krankheit unterlaufen und nur gefährlich ſind, wenn ſie völ⸗ liger Rathloſigkeit begegnen.

Eben darum aber, weil der Nichtarzt nur ſolche allge⸗

meine Einſichten in die Krankheiten gewinnen kann, iſt wohl nichts Schädlicheres zu denken, als jene ſogenannten populär⸗mediziniſchen Bücher, welche mit Krankheitsſchilde⸗ rungen, deren Genauigkeit eine reine Unmsöglichkeit iſt, die Angabe von Rezepten und Heilmitteln verbinden, die in der Hand des Laien wahrlich nicht weniger todesgefährlich ſind, als die geladene Flinte mit geſpanntem Hahn in der Hand des Kindes. Wenn früher, als die Medizinalpolizei noch am ſtiefmütterlichſten unter allen Polizeiarten gehandhabt wurde, allerlei Quackſalber und Wunderdoctoren hier

und da iſt's leider auch noch heute der Fall die Menſchen

wahrhaft maſſenweiſe hinopfern durften, wenn nachher wogegen heute auch noch nicht überall die gehörige Abhülfe getroffen iſt eine Menge Geheimmittel, Pillen, Extracte

Und dies mitten im

zum Schaden des Seckels und der Geſundheit der Bevölke⸗ rung verbraucht wurden, ſo ſteht heut die Mehrzahl der ſogenannten populär⸗mediziniſchen Bücher ganz auf gleicher Stufe der Schädlichkeit für ihre Leſer.

Unſere Preßgeſetze und Preßpolizeien wenden ſich mit äußerſter Härte gegen jedes Buch, von welchem man glaubt, es könne irgendwie den guten Glauben oder die gute Geſin⸗ nung ſeiner Leſer gefährden. Wo aber wendet ſich eine? Preß⸗ geſetzgebung oder die ſonſt ſo eifrige Preßbeaufſichtigung gegen die Gemeinſchädlichkeit derRathgeber in allen Krank⸗ heiten, derHeilmittel der Menſchheit, derwohlfeilen Hausärzte, derHelfer in 1000 Krankheitsfällen mit vie⸗ len Rezepten oder gegen die lügneriſchen Marktſchreiereien Lungenſchwindſucht heilbar,keine Hämorrhoiden mehr,die wahre Urſache der habituellen Leibesver⸗ ſtopfung ꝛc. und anderer Schriften dieſes Gelichters? Nirgends und niemals wäre eine Preßbeaufſichtigung noth⸗ wendiger als hier; eine ſtrenge Sichtung der leider wenigen vortrefflichen Schriften mediziniſchen Inhalts von populärem Charakter von den maſſenhaft veröffentlichten gefährlichen Schriften, die ſich mit heilverheißenden Titeln und Namen brüſten, würde Tauſenden der Bevölkerung zum Heile ge⸗ reichen!

Denn jene Schriften, welche den Laien nicht auf die bloße Pflege und Erhaltung der Geſundheit durch vernünftige Lebensregeln, aber bei einem Krankheitsfalle ſtets an den Arzt weiſen, ſondern ihn ſelber in aller Geſchwindigkeit zum praktizirenden Arzt machen wollen dieſe letztern Schriften bringen nicht bloß Unheil bei ſchon vorhandenen Krankheiten. Nein, was bei Weitem ſchlimmer, ſie machen nur allzu häufig auch den Geſunden krank. Es giebt ja wohl nur Wenige, denen nicht hier und da ein ſolches Buch in die Hände gekommen wäre. Nun frage ſich Jeder, ob er nicht

bei der Lektüre bald dieſes, bald jenes Symptom und zwar meiſtens des unheilbarſten Leidens an ſich ver⸗

ſpürte, darüber grübelte und ſich mindeſtens unangenehme Empfindungen bereitete. Es ergeht ja ſelbſt den meiſten jungen Medizinern ſo, wenn ſie auf der Hochſchule ſpezielle Krankheitslehre hören, ehe ſie an die Krankenbetten der Spitäler treten und hier die Leiden lebendig vor ſich ſehen.

Kommt dazu etwas hypochondriſche Anlage, Aufgeregtheit

der Nerven, eine Krankheitsdispoſition, ſo kann ſich, wenn

auch nicht gerad die geglaubte, doch gleichfalls eine ſchwere Krankheit mit Leichtigkeit entwickeln. Und die Fälle, wo dies geſchah, ſind wahrlich nicht ſelten, wenn man freilich auch ſolche Krankheitsurſachen von den Kranken ſelbſt und ihren Umgebungen ſelten nennen hört.

So können wir dieſe kurzen Bemerkungen nicht anders, als mit der dringendſten Warnung vor der Lectüre der⸗ artiger nur ſogenannter populär⸗mediziniſcher Bücher ſchlie⸗ ßen. Gänzliche Unwiſſenheit über Krankheiten iſt oftmals wahrlich beſſer, als daß man ſich aus ſolchen Büchern ver⸗ worrene Krankheitsbilder ſammelt, dazu bedenkliche Rezepte und unſichere Anweiſungen für ihre Anwendung. In Europas Kulturländern fehlt es heutzutag nirgends an Aerzten, auch für die Aermſten. Man hat jene Bücher und namentlich ihre Rezepte nicht nöthig. Vor Allem laſſe man ſich auch nicht täuſchen durch manches Lob derguten, alten Zeit, in welcher noch aller mediziniſche Unfug und Unſinn