Haus hat Bedeutung; wer kann ſagen, wie viel Irrwege der große Humaniſt dem kecken Jüngling durch ſeinen perſönlichen Einfluß erſpart, wie viele Eigenheiten er ihm abgeſpöttelt, wie viele äſthetiſchen Vorurtheile benommen! Zudem war Herder bei allem Abſtoßenden, das man in ſpäteren Zeiten an ihm zu rügen fand, von Grund aus ein edler, ein guter Menſch, und
„Die Stätte, die ein guter Menſch betrat,
Iſt eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und ſeine That dem Enkel wieder.“—
Verlaſſen wir unſern Standpunkt nicht, ohne dem mehr rechts in der Nähe des Münſters liegenden Kleberplatz(Place d'armes) ein paar Sekunden unſre Aufmerkſamkeit zuzu⸗ wenden. Nicht als ob wir's für ſo wichtig hielten, daß dort die Paraden abgehalten werden;„zu Straßburg, ja zu Straßburg Soldaten müſſen ſein,“ und wo's zehntauſend Soldaten gibt, da müſſen auch Paraden, folgerecht auch Plätze dazu ſein. Beachtenswerth aber iſt die markige Kleber⸗ ſtatue von Graß, die in der Mitte ſteht und unter der ſeit 1838 der Leichnam des Straßburger Helden ruht. Das Leben und Sterben des Mannes, der ſich als Sohn eines Maurers anfangs dem Baufache weihte, dann in die Mili⸗ tairſchule von München gerieth, die Uniform eines deutſchen Lieutenants trug, ſeinen Abſchied nahm, um Bau⸗Inſpektor im oberen Elſaß zu werden, in der Revolution kraft ſeiner unvergleichlichen Energie reißend ſchnell zum Range des Generals emporſtieg und, von Napoleon in Egypten zurück⸗ gelaſſen, 1801 im Garten ſeines Hauptquartiers, wo ihn der Dolch eines Muſelmanns dreimal durchbohrte, ſeinen unbeugſamen Geiſt aushauchte: es gäbe viel Stoff zum Er⸗ zählen, zum Muthmaßen, zum Denken. Da indeß das Denken für gefährlich gilt, ſo thun wir beſſer, den ausge⸗ ſandten Blick über den uns bekannten Guttenbergsplatz, an welchem von hier oben das frühere Stadthaus, jetzt„Hôtel de Commerce“ als Vertreter der Bauart des ſechszehn⸗ ten Jahrhunderts hervorſticht, zurückzuziehen, um auf der Nord⸗ und Südſeite zu forſchen, was uns etwa noch ent⸗ gangen iſt.
Die Hügelreihe, die ſich, etwa eine Stunde von der Stadt, durch die mehr baumloſe, aber um ſo kornreichere nördliche Ebene zieht und an die ſich vier trauliche Dörfer: die drei Hausbergen und Mundolsheim ſchmiegen, ſah vor ſechshundert Jahren die Straßburger ihren Biſchof Walther von Geroldseck„mit Kolben lauſen,“ eine Scene, die unſer Maler Bayer ohnlängſt mit mehr Kraft als Klarheit auf die Leinwand warf. Härter als damals gings ſchwerlich her, als 1815 Franzoſen und Allirrte ſich nachträglich hier her⸗ umſchlugen, und folgenreicher als die alte, waren die neuen Schlachten gewiß nicht. Laſſen wir ſie; wo Kanonen ſtan⸗ den und Cavallerie bivouakirte, zieht ſich jetzt die blitzende Landſchlange der Pariſer Eiſenbahn hin, von der ſich weiter draußen die durch die Pfalz nach Mainz führende abſpleißt, und wenn wir ſie herwärts verfolgen, ſo kommen wir inner⸗ halb der Feſtungsmauern zum Bahnhofe, deſſen Stations⸗ gebäude ihnen mein Zeichner raſcher und deutlicher vorführt, als ich es vermöchte. Rechts von demſelben ſteht die Fink⸗ mattkaſerne, der ſtumme Zeuge jenes verunglückten Verſuchs, Frankreich vor der Zeit mit ſeinem jetzigen Herrſcher zu be⸗ ſchenken, und zwiſchen beiden Bauten, aber auf dem gegen⸗ überliegenden Quai präſentirt ſich, zum Theil durch die Bäume des Gartens verdeckt, ein ſtattlicher Palaſt, bei dem wir einen Moment anhalten müſſen. Jetzt bewohnt ihn
der durch ſeine tüchtigen Arbeiten über Muſik wohlberufene
Herr Kaſtner, einer der wenigen Männer, die es verſtehen, eine Reihe von guten Tagen zu ertragen, die ſich durch Reich⸗
thum und glänzende Verhältniſſe nicht abhalten laſſen, ihre
geiſtigen Kräfte in raſtloſer Thätigkeit zu verwerthen. Einſt
aber hauſte darin der gefürchtete fränkiſche Geiſtliche Eulo⸗ gius Schneider, der von Stuttgart und Bonn als Pro⸗ feſſor der geiſtlichen Beredſamkeit und des kanoniſchen Rechts hieher gezogen, in der Sturm- und Drangperiode Frank⸗ reichs den Talar wegſchleuderte, zur rothen Pelzmütze und zum Schleppſäbel griff und ſtatt der früheren lyriſchen Ge⸗ dichte nunmehr als Commiſſair der Regierung Verhaftsbe⸗ fehle, Confiskationsordres und Todesurtheile ſchrieb— ein Robespierre der Provinz und gleich Jenem zuletzt ein Opfer der Gulllotine, die er ſpielend, wie einen Spazierſtock gehand⸗ habt. Es war 1793. Gerade hatte er ſich in Barr eine wunderſchöne junge Frau erpreßt, die er in ſechsſpännigem Wagen unter fürſtlicher Begleitung nach Straßburg führte; eben war dort eine üppige Nachfeier der Hochzeit gehalten, als man nächtlicher Weile ſein Haus militairiſch umſtellte, ihn ins Gefängniß der„bedeckten Brücken“ und von da zur barbariſchen Schauſtellung auf den Kleberplatz ſchleppte, um ihn dann dem Revolutionstribunal von Paris in den weit⸗ aufklaffenden Rachen zu ſchleudern. Gewiß, es war ein furchtbarer Menſch, der mit Behagen im Blute zu waten wußte; ob aber ſeine Gegner, die vorzugsweiſe den Deut⸗ ſchen in ihm haßten, mit ihrem Verfahren Ehre eingelegt haben, iſt eine andre Frage.
Das Haus, von dem wir reden, lehnt ſich mit der Rück⸗ ſeite an die Kirche Jung⸗Sankt⸗Peter, einen zu Anfange des elften Jahrhunderts begonnenen, im Laufe von vierhundert Jahren langſam ausgeführten und durch die ſpäter ange⸗ hängten Kapellen erſt recht aller Ueberſichtlichkeit beraubten Bau, der aber in Bezug auf die Geſchichte der Architektur ſehr lehrreich iſt. Leo IX., im Bilde noch gegenwärtig, weihte ihn in Perſon, damit Leo X.— den heiligen Ablaß darin verkaufen laſſe! Nicht ſo alt iſt der uns nähergelegene, nach dem dreißigjährigen Kriege zur„Neukirche“ reſtaurirte Dominikanerbau, in deſſen weiten Räumen ſich zugleich die Bibliothek und das Gymnaſium befinden. Erſtere iſt ſeit der Reformationszeit geſammelt und beſonders durch groß⸗ artige Vermächtniſſe angewachſen— der opferfähige Lokal⸗ patriotismus der Reichsſtädte, der noch heute in unſern Mauern nicht zu verkennen iſt. Es ſind allgemach 400,000 Bände, viele Incunabeln, Manuſcripte— letztere meiſt aus der Bücherſammlung der weiland Johanniter— zuſammen⸗ gekommen und an Münzen und ſonſtigen Alterthümern, be⸗ ſonders aus der Römerzeit, fehlt es auch nicht. Trotz der vortrefflichen Bibliothekare aber, unter denen auch die beiden Schweighäuſer waren, ſind keineswegs alle Fächer der Literatur auch nur annähernd gleichmäßig berückſichtigt; nach naturwiſſenſchaftlichen Werken z. B. ſoll man, wie ich höre, oft vergebens fragen. Das Gymnaſium, 1538 von der ſtädtiſchen Behörde gegründet und unter die Leitung des be⸗ rühmten Gelehrten und Diplomaten Jakob Sturm geſtellt, bildet eine Art von Gegenſatz gegen das kaiſerliche Lyzeum. Jenes iſt proteſtantiſch, dieſes katholiſch; jenes treibt ſeine Studien in mehr abſtrakter, deutſcher, dieſes in mehr fran⸗ zöſiſcher, praktiſcher Art; auch ſcheint mir jenes vorzugsweiſe den Unterricht, dieſes die Zucht zu betonen. So hat man die Wahl, und mehr kann Niemand verlangen.
(Schluß folgt.)
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