gung Arbeitloſer nnd wird ſo gut geleitet, daß ſie bereits keiner Zuſchüſſe mehr bedarf. Etwas links, kaum zehn Minuten vor dem Thore, zeigt ſich„der grüne Berg,“ jetzt ein Wirthshaus, bis ins ſechszehnte Jahrhundert aber ein Kloſter, in dem der Welterleuchter Johann Guttenberg aus Mainz zehn Jahre lang ſeiner Erfindung nachgegrübelt haben ſoll. Daß er es war, der ſie wirklich gemacht, leugnen ſelbſt wir Straßburger nicht, wiewohl wir die Ausbildung der— ſelben bei uns großentheils dem hieſigen Kalligraphen Jo— hann Mentelin zuzuſchreiben geneigt ſind. Statt aber zu ſtreiten, ziehen wir den Blick in ſchönem Bogen übers „Schnakenloch“*) und das langgeſtreckte Königshofen, das an den citirten Chroniſten mahnt, auf das Weißethurmthor (Porte nationale) zurück. Dieſes Thor, an der inneren Seite mit einer gräßlichen, die Zunge weit und breit her⸗ ausſtreckenden Fratze abſonderlich verziert, entſtammt der Reformationszeit, trägt am äußeren Theile eine Inſchrift,
Die Bauern von Königshofen mußten damals an die Stif⸗ tung St. Thomas den Zehnten in Natura entrichten, wur⸗ den aber altem Brauche gemäß bei der Ablieferung von den Stiftsherren regalirt. Nun fanden dieſe Stiftsherren in liebevoller Beſorgniß für das Wohl ihrer Brüder wahr⸗ ſcheinlich, daß ungewohnte Speiſen und Getränke dem Magen
nicht heilſam ſeien, und als 1418 die erſten Wagen voll
Frucht gebracht wurden, fehlte der gedeckte Tiſch. In kin⸗ diſcher Verkennung edelſter Abſichten gingen die Bauern hin und ſteckten den ganzen Fruchtvorrath, der noch draußen lag, in Brand; von dem Poeten aber ſcheint es mir gottlos,
zugleich mit den böſen Brandſtiftern auch den guten Clerus
anzuklagen.
Die wirre Maſſe von alten Häuſern, Scheunen, Schup⸗ pen, Cabanen und Baraken aller Art, die ſich, durch Kraut⸗ gärten und winklige Höfe unterbrochen, rechts von hier zum Kronenburgerthore(Porte de Saverne) hinzieht und an
Der Bahnhof zu Straßburg
die, um ein Erkleckliches älter, hier nur eingemauert worden und ohne Commentar nicht zu verſtehen iſt. Sie lautet:
„Gottes Barmherzigkeit,
Der Pfaffen Grittigkeit(Geiz)
Und der Bauern Bosheit
Durchgründ' niemand bey meinem Eid.“
*) Eine mit Häuſern beſetzte Niederung am Waſſer, die ſich unſre Landplage, die Schnaken(culex pipiens), in ſolcher Anzahl zum Som⸗ merſitze zu wählen pflegen, daß es ihnen leicht wird, jedes gefühlvolle Menſchenkind daraus zu verjagen. Dort muß einmal ein Original ge⸗ wohnt haben, worauf das unſrer Jugend geläuſige Verschen hinzuweiſen ſcheint:
„Der Hans im Schnakenloch
Hat Alles, was er will;
Und was er hat, das will er nicht,
Und was er will, das hat er nicht:
Der Hans im Schnakenloch“ u. ſ. f.—
deren Nordrand eine Kaſerne den Platz der einſtigen„Ketzer⸗ grube“ einnimmt, wo man vor ſiebentehalbhundert Jahren
die Waldenſer zu Dutzenden verbrannte— dieſer Knäuel iſt
das Revier der Straßburger Gärtner.
Von Alters her berühmt durch ihre trefflichen Gemüſe und derben Fäuſte
haben dieſe Leutchen eine Art Ahnenſtolz, demzufolge ſie in und gehört dem Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts.
Kleidung, häuslicher Einrichtung und Sitte dem Herkommen
auffallend treu geblieben ſind und gewiſſermaßen eine Nation
für ſich, eine Stadt oder vielmehr ein Dorf in der Stadt bilden. Selbſt die Reichen unter ihnen— und deren giebts nicht Wenige— ſind mitten unter den Bürgern complette Bauern geblieben; nur hier und da ſchickt Einer ſein Töch⸗ terlein ins Penſionat, damit es„Franzöſch un ſo Dings“ lerne. Wie wenig dann auch ſolch ein Jüngferchen heim⸗
bringen mag, jedenfalls wirds genug ſein, ihm Karſt und
Spaten für immer zu verleiden, und ſo dürfte auch hier der wühleriſche Zeitgeiſt allgemach die„Unſchuld“ wegſchleifen,


