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hielt— da war es ihm, als rege ſich etwas an dem
Stamme des hohen Baumes, der ſeine mächtigen Aeſte
über das blaue Waſſerbecken ausbreitete— er beugte ſich, von banger Ahnung getrieben, weiter vor— ein ſcharfer Luftzug ſauſte an ihm vorüber, wie ein tiefer, ſchmerz licher Seufzer ſeine ganze Seele erfüllend.
„Crescenz! Crescenz!“ ſchrie er mit haarſträubendem Entſetzen hinab.
Ein dunkler Schatten bewegte ſich geſpenſtiſch einen Augenblick hin und her— und es war ihm, als ſtreckten Hülfe ſuchend ſchwache Arme ſich nach ihm aus.
War es der Schatten des Baumes, vom unſicheren Mondlichte getragen?— War es der Geiſt des Blau⸗
topfes?— War es das unglückliche Mädchen, das ſich
von den Stufen des Altars hieher verirrte?— Ich weiß es nicht.— In demſelben Augenblicke rollten Steine hinab und ſtörten einen Moment die tiefe Ruhe des Blautopfes, zu gleicher Zeit hallte es wie ein Geiſterlaut darüber hin, und alles war wieder Grabesſtill.
Von wahnſinnigem Entſetzen gejagt, ſtürmte Conrad den Berg hinauf über Steingerölle, über Felſen, durch Hecken und Stauden immer aufwärts, dann über weite Felder, durch Wald und Thal, bis er blutend und beſin⸗ nungslos zuſammenbrach. So fand man ihn am andern Tage, ſeiner Sinne nicht mehr mächtig. Ein fürchterli⸗ ches Nervenfieber brach aus und man ſchrieb ſeinen bis⸗ her unbegreiflichen Zuſtand auf dieſe Krankheit, die, wie man annahm, ſchon lange in ihm gelegen hatte. Nur Engel, welche des Bruders wahren Zuſtand, wenn auch nicht ganz begriffen, doch geahnt hatte, ſtellte ſich aus ſei⸗ nen wilden Phantaſien den Zuſammenhang des Ganzen ziemlich klar vor, ſchwieg aber darüber. Es war ja an dieſer traurigen Sache nichts mehr zu ändern; aber ganz im Geheimen, von Schmerz für Conrad durchdrungen und
von ihrem eignen Liebesweh noch gar nicht frei, geſtand ſie ſich, daß man der Liebe doch mehr Macht und
(Geltung laſſen ſollte, als es der Gebrauch und die Sitte erlaubten.
Conrad ſtarb, doch hatte er vor ſeinem Tode noch lichte Stunden, und in einer ſolchen vermachte er Michel, dem ehemaligen Knechte, ſein Vermögen mit der Bedin⸗ gung, Engel zum Weibe zu nehmen. Für ſein Weib be⸗ ſtellte er ein vortheilhaftes Abkommen.
Dem Willen des Sterbenden wagte Niemand zu wider⸗ ſprechen, der auch ſpäter Engels Lebensglückzur Folge hatte.
Von Crescenz hörte man in ihrer Heimath nie mehr etwas. Sie ſei in die Fremde gewandert, hieß es unbe⸗ ſtimmt, und dort geſtorben.
Engel glaubte dieſe Nachricht nicht,— und ſo oft ſie am Blautopfe vorüber mußte, erinnerte ſie ſich der wil⸗ den Phantaſieen ihres Bruders und ſah ſchaudernd in die ſtille, blaue Tiefe, welche, der Sage nach, ihre liebſten Opfer im unergründlichen Schooße feſthält, während ſie die andern, aber auch dieſe oft erſt nach Jahren, wieder auswirft, wenn hohe Schneemaſſen auf der Alb ſchmelzen und durch die trichterartigen Erdfälle hinunterſtürzen in das geheimnißvolle, unterirdiſche Waſſerreich, mit ihrem wilden, wüſten Toben ſeine Ruhe ſtörend, bis erzürnt darüber die klare, ſtille Quelle ſich bäumt und die trüben Gewäſſer in hoch aufſteigenden Wellen von ſich ſchleudert, mit ihnen die Verbrecher und Sünder, welche ſich hinab⸗ ſtürzten in ſeine Tiefe.
Wie oft aber auch bisher der Blautopf wuthſchäu⸗ mend ungeheure Waſſermaſſen ausgeworfen und Kloſter, Stadt und Thal damit überfluthet und manchen Leichnam aus ſeiner Tiefe geſchleudert hat,— den Körper der un⸗ glücklichen Crescenz fand man nicht. Iſt dennoch das wunderbare, blaue Waſſerbecken des jungen Mädchens Grab, ſo bewahrt und beſchützt es wahrſcheinlich die Nymphe der Quelle, oder, wie man auf der Alb ſagt, der Blaugeiſt, welcher beſonders gern unglückliche Liebende in ſeiner kriſtallenen Grotte bewahren ſoll.
Bilder aus den deutſchen Gauen.
IV. Das Elſaß. Von Albert Grün.
I.
(Fortſetzung.)
Doch wir ſtehn ſchon lange am weſtlichen Theil des Ge— länders und brauchen nur die Wimpern zu heben, um ein Bild zu erblicken, das alle oben erwähnten jedenfalls an Naturwahrheit übertrifft. Zwar das ſchöne Frankreich ver⸗ ſteckt ſich kokett hinter den Vogeſen; dieſe ſelbſt aber, von den Höhen oberhalb Kolmar und Kaiſersberg bis zu denen von Landau in der bairiſchen Pfalz, alſo bis zur Haardt ſichtbar, bieten in der Hohkönigsburg, den drei Schlöſſern
von Rappoltsweiler, dem Mennelſtein und Odilienberge ſo
anziehende Punkte, daß man die erbſündliche Luſt zu wiſſen,
was dahinter ſtecke, gar bald vergißt. Die hübſchen, friſchen V Ortſchaften, die auf den Vorhügeln oder am Eingange der
Schluchten liegen, heimeln uns, wie die zahlloſen Städtchen
und Dörfer der ſechs bis ſieben Stunden breiten, von Eiſen⸗
bahnen durchſchnittenen Ebene, magiſch an. Blanke Straßen führen durch Alleen und größere oder kleinere Baumgruppen
von Ort zu Ort, und wenn man das Ganze ſo überblickt, erſcheint es wie ein laubgeſchmückter Tanzſaal, in dem ge⸗ putzte Mädchen, an flatternden Bändern ſich haltend, ihre Ringeltänze aufführen. Was müde iſt, lehnt ſich ruhend an die Berge: die Mütter und Tanten, die unter hohem Burgenkopfputz äußerſt weiſe niederſchauen auf das ausge⸗ laſſene Treiben.
Gelegentlich ſtellen wir wohl dem Leſer die eine oder andere dieſer Schönheiten vor; für jetzt beliebe man ſich aufs Nächſte zu beſchränken, damit wir wieder bei unſrer Fluß⸗ mündungsveſte, wie Schöpflin das alte Argentoratum aus dem Keltiſchen deutet, ankommen. Die ſchweizeriſchen Wirth⸗ ſchaftsgebäude, die dort eine Stunde von der Stadt inmitten muſterhaft bebauter Ländereien liegen, gehören zur Ackerbau⸗ Colonie Oſtwald, die vor ſechszehn Jahren auf Anſtehen des ſtädtiſchen Maire gegründet wurde; ſie dient zur Beſchäfti⸗


