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müden Glieder ſtützte, befindet ſich ſeine in Holz geſchnitzte Geſtalt, welche er, nach der Sage, noch gearbeitet, nach⸗ dem die Mönche ihn des Lichtes ſeiner Augen beraubt hat⸗ ten, um ihm den kühnen Künſtlermuth, noch einen ſchöne⸗ ren Altar zu verfertigen, für immer zu benehmen, und den hellen Geiſt mit irdiſcher Nacht in lähmende Feſſeln zu legen. Da ſaß der blinde Künſtler in dem engen Kirchen— ſtuhle und ſchnitzte geheim ſein eignes trauriges Bild, um mit ſeinem Ruhme der Nachwelt auch ſein Unglück zu verkündigen.
Crescenz, welche nicht gewagt hatte, ſich unter die Andächtigen auf den Stufen des Altars zu miſchen, und hier zur Seite kniete, blickte empor zu der kleinen, rüh⸗ renden Figur, die ihr ein Heiliger erſchien; mechaniſch ſtammelten ihre Lippen Gebete, aber ihr Herz, ihre Ge⸗ danken waren nicht dabei. Ein namenloſes Gefühl tiefſten Wehes und Unglückes durchdrang die Arme,— und wie dies erſchlaffend auf ihren Körper wirkte, ſo verwirrte ſich auch ihr Geiſt in immer unklareren Bildern. Als die Kirche leer geworden, ſchleppte ſie ſich mühſam an die Stufen des Altars, ſank dort nieder und erhob das große, blaue Auge nach der Himmelskönigin. Ein unbeſtimmtes Gefühl ſagte ihr, hier ſolle ſie um Gnade und Schutz flehen,— allein Seele und Körper waren ſo abgeſpannt, daß ſie nichts mehr ruhig denken und zu fühlen vermochte, und nur den thränenleeren, ſtarren Blick zu der Heiligen emporhob. So verharrte ſie lange Zeit,— ſchon fing es an dunkel in der Kirche zu werden, und der dicke Famulus trippelte ungeduldig hin und her, auf das Ende ihres Gebetes ſehnſüchtig wartend. Endlich dauerte es ihm zu lange.
„Willſt Du denn hier übernachten?“ frug er etwas rauh das Mädchen. Dieſes ſchrak bei dem Tone ſeiner Stimme zuſammen, doch gab ſie keine Antwort.
„Es wird Nacht,“ fuhr er unwillig fort, da Crescenz ſich noch immer nicht erhob.„Altar und Kirche müſſen jetzt geſchloſſen werden. Mache, daß Du nach Hauſe kommſt.“
Das Mädchen blickte den Mann lange an, als ver⸗ ſtände ſie ihn nicht, und fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, wie nachſinnend,— dann erhob ſie ſich langſam, — unſicher und lautlos wie ein Geiſt ſchlich ſie von dannen.
Kopfſchüttelnd ſah ihr der Famulus nach.
„Für das lange Warten nicht einmal ein Trinkgeld.“ brummte er vor ſich hin.„Die muß was Schweres auf dem Gewiſſen haben— geſchieht ihr ſchon recht!“
Er verſchloß ſorgfältig die hohe Flügelthüre des Altars, jagte barſch einige neugierige Kinder, welche noch ihr Weſen in der Kirche trieben, hinaus, zählte ver⸗ gnügt das heute eingenommene Geld;— aber in der Nacht hatte er einen ſchweren Traum. Die ſchwarze bleiche Geſtalt, welche er von den Stufen des Altars verſcheucht hatte, ſtand mit drohender Geberde vor ihm.
Conrad war, ſeit er von dem Sterbebette der alten Ahne entflohen, und von deren Fluche verfolgt, nicht mehr zu erkennen,— er aß nicht, ſprach nicht, und kümmerte
ſich weder um ſein junges Weib, noch ſein Geſchäft, er
irrte in Feld und Walde umher, und man ſagte allgemein, eine böſe Hexe habe Gewalt über ihn bekommen.
Seine
Angehörigen glaubten es auch, und man ſchickte zu einem Hexenmeiſter, um durch ſeine höhere Gewalt die Macht
der Hexe bannen zu laſſen. Er kam auch, der berühmte
Hannes aus dem Geislinger Thale und machte ſeinen
Hokuspokus,— aber er konnte mit allen Bannſprüchen den Bauern nicht ins Haus bannen; dieſer blieb draußen in Feld und Wald, und der Hexenmeiſter vertröſtete, wie der modernſte Doctor, die betrübte Familie mit der un⸗ fehlbaren Nachwirkung ſeiner Zaubermittel.—
Mehrmals trieb es Conrad in den Tomerdinger Wald, in Crescenz Nähe, aber es jagte ihn immer wie⸗ der zurück. Als verheiratheter Mann durfte er nicht mehr zu ihr gehen, dies würde für Ehebruch gehalten worden ſein, was als das größte Verbrechen auf der Alb, beſonders noch in damaliger Zeit, angeſehen wurde, hin⸗ reichend, die allgemeine Verachtung für immer auf ihn zu lenken, hinreichend, der ewigen Verdammniß unabwend⸗ bar verfallen zu ſein. Am Mariä Heimſuchungstage ſah er in angſtvoller Stimmung die Wallfahrer durch die Felder der Gemarkung ſeines Dorfes ziehen; er lauſchte in der Ferne ihrem Geſange, und es war ihm, als höre er wehmüthige, ihm bekannte Töne, die Stimme Cres⸗ cenz' daraus erſchallen. Die Spannuug und Erregung ſeiner Seele erreichte den höchſten Grad. Als es Abend wurde, trieb es ihn fort über die Höhen und Thäler, durch die dunklen, ſtillen Wälder, bis an den ſteilen, ſchroffen Abhang, der in das Blauthal hinabführt. Er ſtarrte hinunter auf das friedliche Kloſter, dem die Sonne ihre letzten Strahlen ſchon entzogen hatte, und über wel⸗ ches bereits die hohen Berge und mächtigen Felſen ihre dunklen Schatten ausbreiteten.
Friedliches Glockengeläute ertönte unten im Thale doch Friede kam nicht in die Bruſt des Unglücklichen, den Leidenſchaft und Gewiſſensqual ruhelos umhertrieben. Es war ihm, als müßten die gigantiſchen Felſen des Klo⸗ ſterberges ſich ablöſen, herabſtürzen, ihn mit ſich reißen und ihn und ſein wildes zerriſſenes Herz begraben.
Er ſetzte ſich hinter ein hervorſpringendes Felſenſtück, denn er hörte Leute den ſchmalen Fußpfad herauf kommen und bald drangen plaudernde Stimmen an ſein Ohr. Crescenz' Name wurde genannt.
„Mit der nimmt's kein gutes Ende,“ ſagte eine Stimme.
„Sie iſt ſelbſt dem ſchlechten Ignaz zu ſchlecht,“ eine andere.
„Das Bettelhaus iſt noch viel zu gut für die, die mit dem Ketzer ging,“ eine dritte.
„Sie gehört ins Spinnhaus— kann auch noch dahin⸗ kommen.“
Die Stimmen verhallten.
Conrad ſprang in die Höhe; es trieb ihn hinab den engen ſteilen Weg.„Sie iſt vielleicht noch unten— ich muß ſie ſehen, ſprechen.“ Nichts anderes dachte er mehr. Nur ſpärlich war der Weg noch erhellt, und dunkle Nacht umfing ihn, als er um die letzte Krümmung deſſelben bog und dem von hohen Bäumen überragten Blautopfe, wie man den Urſprung der Blau nennt, ſich näherte. Da trat die Mondſichel durch gebrochene Wolken und warf einen glitzernden Schimmer auf dieſes wunderbare, tiefe, blaue Waſſerbecken, deſſen wildromantiſche Umgebung ihm einen unbeſchreiblichen Reiz verleiht.
Conrad lehnte ſich von geheimnißvollem Schauer er⸗ griffen über das niedere, zerbrechliche Geländer, welches dieſen ſchönen aber gefährlichen Pfad ſchützt, und der den Albbewohnern anerzogene, tief eingewurzelte Aberglaube machte ihn erbeben, als er nach dem dunklen Waſſerſpie⸗ gel hin ſah, deſſen unergründliche Tiefe, wie damals noch alle Leute glaubten, ſchauerliche geheimnißvolle Dinge ent⸗


