Jahrgang 
1857
Seite
343
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Inhalt: Leidenſchaft und Sitte. Erzählung von Paul Stein.(Schluß.) Bilder aus den deutſchen Gauen. IV.: Das Elſaß. Von Albert

Grün.(Fortſetzung.) Aus der Krankenſtube. I. Der Krankenpfleger. Das landwirthſchaftliche Feſt zu Gotha. Aus dem Weltleben. Was beliebt: Theilnahme an dem Schickſale der vertriebenen Schleswig⸗Holſteiner. Ganz Indien im Aufſtand. Caspar Hauſer. Con⸗

ferenz für Nationalerziehung in England.

eidenſchaft und Sitte.

Eine Erzählung von der ſchwäbiſchen Alb. Von Paul Stein.

(Schluß.)

Kurze Zeit nachher kniete an einem ſonnenhellen Sommermorgen die ſchwarz umhüllte Geſtalt der armen Crescenz auf dem friſchen Grabhügel ihrer Ahne und flehte um Heilung für ihr wundes Herz, um Linderung ihrer Noth. Vertrieben ſeit geſtern aus der kleinen Hütte irrte ſie obdachlos umher, ein verachtetes Geſchöpf dem Hohn und Spotte preisgegeben. Gruppen betender Wall⸗ fahrer zogen an dem Kirchhofe vorüber, doch keiner der

frommen Beter ſah mitleidig nach dem ſchmerzerfüllten

Mädchen. Crescenz erinnerte ſich des Wunſches ihrer Ahne, aber ſie hatte nicht den Muth, ſich den Wallfahrern anzuſchließen und folgte ihnen einſam, unbeachtet und ver laſſen mit wankenden Schritten nach durch tiefe Schluch ten, über ſteile Höhen, den wilden, ſchroffen Felſenpfad hinab, der ſich um den Urſprung der Blau windet, und in das Kloſter führt, wo der alte, prachtvolle Hochaltar noch jetzt jedes Jahr die katholiſche Einwohnerſchaft der Alb in das ganz proteſtantiſche Blaubeuren zieht.

Der Famulus des ſchon lange in den Kloſtergebäu⸗ den befindlichen proteſtantiſchen Predigerſeminars öffnet den andächtigen Wallfahrern die Pforten der Kirche, welche am Tage von Mariä Heimſuchung dort ihre Andacht verrichten. Da liegen in Schaaren die Beter in der hochgewölbten Kirche, die Blicke nach dem Hochaltare

gerichtet, dieſem wunderherrlichen Kunſtwerke aus alter

Zeit, deſſen prachtvolle Schnitzarbeiten und Malereien altdeutſcher Schule wohl verdienten, nicht nur von from⸗ men Wallfahrern, ſondern auch von Künſtlern und Kunſt⸗ kennern aus nah und ferne bewundert und angeſtaunt zu werden.

Die Kirche wie der Altar waren dem Täufer Johan⸗ nes geweiht, weshalb auch die ſchönen Gemälde die Hauptmomente aus dem Leben des Vorgängers Jeſu dar⸗ ſtellten. Im Innern des Altars befindet ſich in Holz ſchnitzarbeit die lebensgroße Statue der Jungfrau Maria mit dem Jeſuskinde, umgeben von den Statuen der bei⸗ den Johannes, der heiligen Scholaſtika und des heili⸗ gen Benedict, zu ihren Füßen die Büſten der Apoſtel, in ihrer Mitte Chriſtus. Nach dieſen ausdrucksvollen Ge⸗ ſtalten und lebendig ſprechenden Geſichtern richten ſich hauptſächlich die Blicke der Andächtigen um Erhörung ihrer Wünſche und Bitten.

Zu beiden Seiten des Altars befinden ſich einige Stühle mit ſchönem Schnitzwerke verſehen, wie das ganze Chor der Kirche. In einem dieſer Stühle kniete noch am ſpäten Abend in halbliegender Stellung die matte Geſtalt der unglücklichen Crescenz, und es ſchien beinahe, als blicke aus den tiefen Höhlen ſeiner erblindeten Augen der Erbauer des Altars, Meiſter Georg Sürlin, mitleidig auf ſie herab. Oberhalb des Stuhles, an den ſie ihre